Ihre Eltern bekamen die neun Kinder kaum je zu Gesicht. Denn das ungleiche, aber mythisch als Hoffnungsträger verklärte Paar reiste rastlos durch sein Herrschaftsgebiet, das es mit der Heirat geschaffen hatte und durch Präsenz und Autorität zusammenzuhalten suchte. Selbst der hartherzigste Vater könne es doch wohl kaum ertragen, seine Kinder derart lange nicht zu sehen, schrieb der Vormund nach zwei Jahren Abwesenheit, aber es dauerte noch einmal mehr als zwei Jahre, bis der Vater heimkehrte. Für den mittleren Sohn war der wichtigste Mensch in der Kindheit die Amme, die er später zu einer reichen Frau machte.

Er war noch keine zehn Jahre alt, da war die Ehe der Eltern am Ende. Die Mutter nahm ihn mit in ihr Heimatreich, wo sie ihn in einer glanzvollen und kultivierten Atmosphäre zu ihrem Nachfolger erzog. Der Vater hingegen verhielt sich seinen Kindern gegenüber nicht pädagogisch, sondern als Machtstratege und spielte sie mit seinem Trumpf, der Erbfolge, gegeneinander aus. Als der älteste überlebende Bruder daraufhin rebellierte, eilte der 15-Jährige an seine Seite, um gegen den Vater zu kämpfen. Nach ihrer Niederlage wurde den Heißspornen vergeben, die Mutter aber, als Anstifterin verdächtigt, in Haft genommen. So musste er schon sehr jung an ihre Stelle treten, erwies sich jedoch als fähige Führungspersönlichkeit. Besonders auf militärischem Gebiet demonstrierte er überragendes Talent; sein sprichwörtlicher persönlicher Mut vereinte sich mit strategischem Geschick, unbedingter Loyalität gegenüber seinen Männern und unverbrüchlichem Festhalten am Ehrenkodex. Ein Verwaltungsmensch war er nicht. Er war ungewöhnlich groß, hatte rötliches Haar und eine kraftvolle Gestalt, war hitzig und charmant. So entschloss er sich ohne Zögern zu einem riskanten Unternehmen, das immensen Ruhm versprach. Aber zuvor galt es, die familiären Machtverhältnisse zu klären. Der ältere Bruder war gestorben, und um sich als Nachfolger durchzusetzen, zog er gegen den Vater ins Feld. Dessen Tod bald darauf hielt ihn von seinem Vorhaben nicht ab, und er verbündete sich sogar mit seinem wichtigsten Widersacher, um gegen einen entfernten Feind zu kämpfen. Diese spektakuläre Kampagne machte ihn zum Helden, obwohl er sein Ziel nicht erreichte. Durch Hinterlist und Intrigen seiner Gegner wurde er außerdem zum Märtyrer, die öffentliche Meinung verklärte ihn zur überlebensgroßen Gestalt. Bei seiner Rückkehr gefeiert als Garant für Sicherheit und Ordnung, widmete er sich in seinen letzten Lebensjahren ganz der Rückeroberung seiner Gebiete und der Sicherung seiner Herrschaft durch eine weit gespannte Bündnispolitik, die er mit Zuckerbrot und Peitsche durchsetzte. Als den erfahrenen Krieger unerwartet der todbringende Pfeil eines Einzelkämpfers traf, hatte er eine ungeheure Machtposition aufgebaut, die unter seinem jüngeren Bruder in kürzester Zeit zerfiel. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 50:

Marie Tussaud (1761 bis 1850), Gründerin des weltberühmten Wachsfigurenkabinetts. Ihre verwitwete Mutter Anne-Marie Walder arbeitete in Bern als Hausmädchen bei dem Arzt Dr. Philippe Curtius, der menschliche Organe und – später in Paris – bekannte Persönlichkeiten aus Wachs modellierte. Von ihm lernte Marie das Handwerk der Ceroplastik. 1795 heiratete sie den Ingenieur François Tussaud und bekam zwei Söhne, Joseph und François. Nach der Trennung folgte Marie Tussaud 1802 einer Einladung nach England und feierte dort mit 44 lebensgroßen Wachsfiguren große Erfolge. 27 Jahre tourte sie mit den Exponaten über die Insel. 1835 eröffnete sie in der Londoner Baker Street ein Museum, drei Jahre später verfasste sie ihre Memoiren.