Der Smoking ist ein Kleidungsstück, das man für den Mann mit höchster Förmlichkeit assoziiert. Wenn der Dresscode "Black Tie" vorschreibt, wird das Revers schmal, und Satinstreifen glänzen an der Hosennaht. So feierlich ist der Smoking, dass man als Mann darin außerhalb eines Smoking-Anlasses seltsam verkleidet wirkt. Ein Smoking funktioniert nicht bei Tageslicht, er trägt sich am besten in geschlossenen Räumen, zu etwas überladenen Abendkleidern und getragener Musik im Hintergrund. Wie ein Kostüm hat er nur eine Berechtigung, wenn die Kulisse stimmt – so förmlich ist er. Da fällt es schwer, zu glauben, dass er vor 150 Jahren einmal entwickelt wurde, um dem Mann einen Ausweg aus allzu steifer Förmlichkeit zu ebnen.

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Damals bot der Smoking eine dandyhafte Alternative zum Frack – geschneidert nach dem Vorbild einer kurzen Samtjacke, die man im Rauchersalon überzog, damit man nachher nicht zu verqualmt roch. Rasch setzte sich dann dieser "kleine Abendanzug" als Garderobe für weniger förmliche Anlässe durch. Den "großen Abendanzug", den Frack, gibt es heute nur noch in Königshäusern. Es ist bezeichnend, dass die Herrenmode offenbar stetig in Richtung Schlumpfigkeit zielt. Ginge es nach den Männern, wäre auch schon der Smoking eingemottet. Man muss sich nur auf einem der zahlreichen Bälle zum Jahresende umsehen, um sich davon zu überzeugen. Längst setzen sich dort die einfachen Anzüge durch, und oft sind sie nicht einmal schwarz. Einzig in Wien wird man noch vom Saaldiener des Balls verwiesen, wenn man sich nicht an den Dresscode hält.

Dass der Smoking in der Mode lebendig geblieben ist, ist vor allem den Frauen zu verdanken. Die entdeckten das Kleidungsstück in den dreißiger Jahren für sich und machten es zum Symbol der selbstbewussten Frau, die es wagt, Männerkleidung zu tragen. 1966 entwarf Yves Saint Laurent den ersten Damen-Smoking, und auch heute wird auf den Laufstegen weiter Smoking für die Frau getragen, etwa bei Dolce & Gabbana oder, in Weiß, bei Stella McCartney und Jason Wu. Givenchy hat einen Smoking mit glänzendem Revers für die Frau im Programm, Ralph Lauren ebenso. Der Smoking gehört heute praktisch der Frau, sie kann ihn immer und überall tragen, ohne je verkleidet zu wirken.