Alles nur Malerei? Nur schöner Schein? Unweigerlich wird man sich auch vor Jean Siméon Chardins ungemein virtuosen Tierstillleben diese heikle Frage stellen. Vor der mit dem Kopf nach unten hängenden Wildente (um 1730) etwa, deren orangerote Krallen und Schnabel eine delikate Beziehung mit der angeschnittenen Pomeranze auf dem Tisch eingehen, in ihrem ebenfalls nicht mehr ganz frischen Orange. Diese Frage schwingt jedoch auch, als Leitmotiv, in der ganzen Geschichte der Gattung Tierstillleben mit, verleiht ihr besonderen Reiz, oftmals gar Brisanz und Spannung: Haben wir es hier vor allem mit Kunststücken zu tun, die Staunen und Bewunderung stimulieren sollen? Geht es hier also ums Kulinarische? Um Raffinesse, Spektakel, Schaustellerei? Oder kreisen diese Bilder nicht doch ums ganz Große, um Leben und Tod, um Schönheit und Leiden? Um das Dasein des Tieres – und unweigerlich auch um jenes des Menschen, seines kaum glücklicheren Bruders?

Chardins Tierstillleben gehören fraglos zu den künstlerischen Meilensteinen der Gattung. Und auch in der Karlsruher Kunsthalle, wo nun eine vorzüglich bestückte Ausstellung die Entwicklung des Tierstilllebens von der Renaissance bis zur Moderne erstmals überhaupt eingehend beschreibt und befragt, kommt ihnen gleichsam die Hauptrolle zu, als ein Höhepunkt, aber noch mehr als ein Wendepunkt der ganzen Geschichte. Diese handelt natürlich von Illusionismus und Naturbeobachtung, zunehmend dann von entfesselter Malerei, aber eben auch von der Beziehung des Menschen zum Tier und zu sich selbst.

In der Ausstellung beginnt der Parcours fulminant mit Albrecht Dürers wenig bekanntem Aquarell einer an die Wand genagelten Ente aus dem frühen 16. Jahrhundert – das Jacopo de’ Barbaris Stillleben mit Rebhuhn, Eisenhandschuhen und Armbrustbolzen von 1504 glänzend vertritt, jene berühmte Inkunabel der Gattung – und endet, in makelloser Eleganz wie in schneidender Schmerzlichkeit, mit Robert Mapplethorpes Foto eines toten Fasans (1984), der mit dem Kopf nach unten im gähnenden Nichts baumelt.

Noch einmal, und wirklich meisterlich inszeniert, klingt in diesem Foto an, was die Karlsruher Schau quer durch die Jahrhunderte und Länder Europas mit mehr als 120 Werken zu zeigen versteht: dass die Bilder gejagter, getöteter, überaus kunstvoll dem Auge und dem Verzehr dargebotener Tiere aus dieser gleichsam existenziellen Konstellation eine enorme Brisanz beziehen, eine irritierende Faszination. Mapplethorpes Fasan ist nicht nur tot, sondern auch schön. Diese Erkenntnis mag zwar einerseits den Schmerz bis zur schieren Unerträglichkeit steigern, tröstet aber zugleich: Auch das schönste Dasein ist – leider – endlich, doch seine Schönheit kann das Sterben überdauern, zumindest für einen kostbaren Moment. Diese Gedanken bewegen und erregen das ganze Barock-Zeitalter, wo sie den Menschen, in ihrem ganzen schwindelerregenden Ausmaß, so recht erst zu dämmern beginnen. In der barocken Malerei nehmen sie grandiose Gestalt an, in den flämischen und holländischen Tierstillleben vor allem, die, zwischen diesen beiden magnetischen Polen taumelnd – der Schönheit des Lebens und der Unabwendbarkeit des Todes –, unaufhörlich nach Balance suchen. Nach einem Ausweg aus dem Dilemma. Es geht dem Barock darum, hat Wilhelm Hausenstein einmal geschrieben, »das Endliche und das Unendliche in einem gemeinsamen Stil zu emaillieren« – das Da-Sein und das Nicht-Sein.

Die Karlsruher Schau vermittelt einen wunderbaren Eindruck von der enormen Spannweite der Gattung vermittelt: Man sieht hier natürlich, in großartigen Beispielen, die monumentalen, fürstlich-luxuriösen Jagdstillleben von Frans Snyders und Jan Weenix wie die melancholischen Bravourstücke von Clara Peeters oder Willem van Aelst. Man kann die Augen an den – bahnbrechenden – Küchenstillleben und Marktstücken von Pieter Aertsen und Joachim Beuckelaer weiden, die im Antwerpen des mittleren 16. Jahrhunderts den Überfluss der Welt und die durch ihn entfachte, ach so liederliche Fleischeslust bestaunen.

Und man wird schauernd, fröstelnd fast vor den leblosen Kaninchen stehen, die Wallerant Vaillant 1650 in virtuoser Trompe-l’Œil-Manier darstellte, im ortlosen, lichtlosen Raum des Todes. Oder vor dem an den Füßen aufgeknüpften Hahn, den Gabriel Metsu um 1660 in pathetischer Einsamkeit wie einen Hingerichteten malt, von dem sich nie sagen lassen wird, ob er denn nun schuldig war oder nicht.

Auch Chardin erweist sich in gewisser Weise als Nachfahre der Barockmalerei Flanderns und Hollands. Zugleich allerdings weisen seine Stillleben in die Moderne, weil sie zumindest den Anschein erwecken, als ob sich hier die Malerei vom Gegenstand löse, als ob sie mehr sich selbst erkunde und inszeniere als das jeweilige Motiv. Seine toten Wildkaninchen figurieren gleichsam, in der Geschichte der ihrer selbst bewussten Malkunst, zwischen den Trauben des Zeuxis und den Äpfeln Cézannes. Auf diesem oder jenem kantigen Holztisch mögen zwar Früchte und tote Tiere platziert sein, doch scheint er allein als Bühne für die Farben- und Formenkunst des Meisters zu dienen. Die Tierstillleben von Edouard Manet oder Alfred Sisley, von Max Beckmann oder Lovis Corinth, die in den letzten, nicht mehr so zwingend bestückten Sälen der Ausstellung versammelt sind, stehen in dieser hier beginnenden Traditionslinie. Alles wird Malerei.

Doch hat Chardin nicht selbst einmal gesagt, dass ein Künstler sich zwar der Farben bediene, aber vor allem mit seinen Empfindungen male? In der sehr sehenswerten Karlsruher Schau wird man nun ebenso überrascht wie überwältigt feststellen, dass es den Tierstilllebenmalern um und vor Chardin über weite Strecken tatsächlich nicht allein um den Augenschmaus geht, ums Brillieren, wie man leichthin denken könnte. Sondern darum, den großen Schrecken zu bannen, der das Leben unweigerlich begleitet: die Aussicht auf ein – mehr oder weniger gewaltsames – Ende. Was hätte sich besser dazu angeboten als eben das Tierstillleben? Die seltsamen Verrenkungen, die grotesken und pathetischen Posen der toten Tiere, die oftmals – und nicht von ungefähr – an Gekreuzigte erinnern und offensichtlich im Zentrum des künstlerischen Interesses standen, bieten dabei einen geradezu masochistischen Nervenkitzel. Auch diese Tiere sind für uns Menschen gestorben. Sogar gleich zweimal: als erlegte Beute und als gemalter Trost.

Bis zum 19. Februar in der Kunsthalle Karlsruhe. Der vorzügliche Katalog kostet 34 Euro.