Auch wenn sie wirklich da wären, man würde die Kirschbäume in Thorsten Lensings und Jan Heins Inszenierung von Tschechows Der Kirschgarten nicht sehen – die mannshohe Mauer aus Ziegelsteinen, die die Darsteller eben noch mühsam aufgebaut haben, würde den Zuschauern die Sicht auf sie versperren. Die Existenz des Kirschgartens darf hier durchaus infrage gestellt werden – und trotzdem dreht sich die nächsten drei Stunden alles nur um dieses Stück Land.

In Tschechows Stück wird die Frage nach seinem Verkauf verhandelt, ohne zu handeln. Die Figuren warten, bis sich ihr Schicksal entscheidet. Lensing und Hein versetzen die Geschichte in eine totale Postmoderne. Sie tun das nicht etwa mittels alberner Modernisierung (auch wenn Devid Striesow einmal ein affiges Glitzerhemd trägt), sie drehen einfach nur an der Gemütsverfassung ihrer Figuren herum. Heraus kommt eine völlig hysterische Inszenierung, in der man fast meint, die blank liegenden Nervenfasern der Darsteller sehen zu können.

Devid Striesow kann als Lopachin kaum eine Minute stillhalten, seine Finger sind immer in nervöser Bewegung. Peter Kurth röhrt den Sermon seines Gajew, als fände er so ein Ventil für die Anspannung. Ursina Lardi gibt im Proll-Outfit, mit immer zu kurzem Rock, die aufgekratzte Unbeschwertheit der Ljubow Andrejewna. Und Joachim Król fällt als Clownsverschnitt Jepichodow über alles, was da auf der kargen Bühne so herumliegt.

Allesamt stehen diese Figuren so unter Spannung, dass sie noch die harmlosesten Sätze nur brüllend herausrotzen können. Körperliche Gewalt ist die Regel, Tische werden umgeworfen, die Einkäufe auf den Boden geknallt, es wird "Arschloch!" gebrüllt. Dieser kaum auszuhaltende Druck, unter dem die Figuren stehen, man könnte ihn natürlich mit der finanziellen Notlage erklären – kein Geld mehr da, Sachzwänge stehen dem sentimentalen Festhalten am Gewohnten gegenüber, EU-Gipfel lässt grüßen.

Tatsächlich aber geht es hier um mehr, und nicht umsonst wird Nietzsche in Tschechows Stück namentlich erwähnt: Es geht hier um die Verfasstheit des Menschen, dessen Gott tot ist. Diese Menschen suchen etwas, sie nennen es Geld oder Liebe, Paris oder Kirschgarten. Am Ende aber suchen sie nach etwas, das sie vollständig macht, und sie zerbrechen, weil sie einfach nicht wissen, was das sein könnte.

Devid Striesow stellt diesen Menschen mit einer solchen Wucht auf die Bühne – er müsste kein Wort sagen, und der Zuschauer würde seine Verzweiflung trotzdem wittern, wie eine leise Bewegung in der Luft. Sein Lopachin hat bekommen, was er immer glaubte zu wollen, und er leidet unendlich. Hinter dieser Mauer sind keine Kirschen. Da ist gar nichts.