Es ist Endspurtstimmung, in drei Wochen beginnen in den USA die republikanischen Vorwahlen, und Mitt Romney kämpft verzweifelt um seine Favoritenrolle. Mit einem sportlichen Sprung hüpft der 64-Jährige in Sioux City, Iowa, auf die Bühne und winkt und lacht. Das Haar sitzt perfekt, im Scheinwerferlicht glänzen seine Zähne so weiß wie sein aufgekrempeltes Hemd. Niemand soll merken, dass er einigen Grund zur Angst hat und der Wahlkampf eine dramatische Wende zu nehmen droht. Jetzt bloß keinen Fehler machen, sondern lachen und Siegeszuversicht verbreiten! Mit keiner Andeutung erwähnt Romney, dass nach neuen Umfragen plötzlich sein Konkurrent Newt Gingrich vorne liegt und drei der ersten vier Vorwahlen gewinnen könnte. Romney hämmert seinen zweihundert Zuhörern ein, dass die Meinungsforscher immer noch ihm die besten Chancen einräumen, im Herbst nächsten Jahres Barack Obama aus dem Weißen Haus zu vertreiben.

Gingrichs plötzlicher Aufstieg irritiert. Jahrzehntelang war er fester Teil des verhassten Politzirkus in Washington, er arbeitet als Lobbyist, ist zum dritten Mal verheiratet und konvertierte vor zwei Jahren zum Katholizismus. Dagegen wirkt Romney wie ein Kandidat aus dem republikanischen Wunschkatalog: erfolgreicher Unternehmer, Ex-Gouverneur, gläubig, seit 42 Jahren skandalfrei verheiratet und fünffacher Vater. In Sioux City erzählt er, wie er als Wirtschaftsberater angeblich »Tausende von Arbeitsplätzen« gerettet hat und als Gouverneur den Haushalt von Massachusetts ausglich. Und dann sagt er all das, was zornige Republikaner hören wollen: dass Obama die Einzigartigkeit Amerikas, »diese wahrlich exzeptionelle Nation« nicht begreife und das Land ruiniere. Die Zuhörer applaudieren brav, aber Begeisterung bricht nicht aus. Romneys Worte fangen kein Feuer .

Newt Gingrich feiern dagegen in Greenville, South Carolina, vierhundert Republikaner mit Hochrufen und stehenden Ovationen. Der Andrang im Theater ist groß, es gibt nicht genug Stühle und zu wenige Helfer, einige Gäste müssen wieder umkehren. Dabei ist Gingrich beileibe keine präsidiale Erscheinung. Behäbig tritt er hinter dem Vorhang hervor, er lacht wenig und winkt linkisch. Sein Anzug sitzt schlecht, das Jackett wölbt sich über dem Bauch. Doch seine Worte zünden. Dabei sagt er nichts anderes über Obama als Romney. Aber seine Sätze klingen kämpferischer und weniger berechnend. Gingrich redet ohne Rücksichten. Manche fürchten darum, diese Unvorsichtigkeit könne ihm zum Verhängnis werden. Es heißt, einer aus dem Gingrich-Team passe auf und gebe ihm ein Zeichen, wenn er übertreibe. Doch im Augenblick scheint Gingrich die republikanische Sehnsucht nach einem aggressiven Herausforderer Obamas zu stillen.

Das Duell Romney gegen Gingrich offenbart den gegenwärtigen Gemütszustand der Republikaner. Sie sind hin- und hergerissen zwischen ihrem unbedingten Machtwillen, das Weiße Haus zurückzuerobern, und dem Wunsch nach ideologischer Entschiedenheit, einer neuen konservativen Revolution. Das erste Ziel setzt Biegsamkeit und Pragmatismus voraus, das zweite Kampf und Kompromisslosigkeit. Gingrich scheint beides am besten zu vereinen.

Lange sah es so aus, als würde der Wettbewerb um die republikanische Präsidentschaftskandidatur sehr langweilig. Viel Geld, eine perfekte Organisation und schwache Gegner ließen den Vorwahlsieg Romneys geradezu unausweichlich erscheinen. Dabei war seine Favoritenrolle nie völlig ungefährdet. Vielen bodenständigen Konservativen ist der Multimillionär mit Harvard-Diplom zu elitär, zu wendehalsig, zu wenig volksnah und zu wenig rechts, eben ein typischer Ostküsten-Republikaner. Sie nennen ihn »Ken«, nach der männlichen Barbie-Puppe. Überdies bezweifeln manche hinter vorgehaltener Hand, dass ein Mormone wie Romney für bibeltreue Evangelikale wählbar ist. Doch alle ernsthaften Konkurrenten stürzten bislang über ihre eigenen Unzulänglichkeiten, Romney brauchte lediglich abzuwarten. Michele Bachmann scheiterte, weil sie zu aggressiv wirkte, der texanische Gouverneur Rick Perry stolperte über seine peinlichen Debattenauftritte, der schwarze Kandidat Herman Cain über Frauenaffären. Allabendlich füllte das absurde republikanische Theater die Comedy-Shows im Fernsehen.

Chaotisch und selbstbezogen: Gingrichs Affären sind Legende

Jetzt hofft Romney, dass Gingrich dasselbe Schicksal widerfährt. Schließlich war der mächtige Sprecher des Repräsentantenhauses in den neunziger Jahren einer der am meisten gehassten Männer Amerikas. Er ist chaotisch, unberechenbar und unerträglich selbstbezogen. Seine Affären sind Legende. Sein halsstarriges Nein zum Haushalt des demokratischen Präsidenten Bill Clinton führte 1995 und 1996 zu einem tagelangen Staatsstillstand. Und obgleich Gingrich selbst damals eine Freundin hatte, setzte er alles daran, Clinton wegen einer Lüge über seine außereheliche Sexaffäre aus dem Amt zu befördern. Am Ende ertrugen selbst die Republikaner nicht mehr ihren obersten Eiferer. Gingrich trat zurück und verdingte sich als Berater. Er schrieb Bücher, machte Filme und verdiente damit Millionen. Stets legte er die Grenze zwischen Lobbyismus und Politikgeschäft zu seinen Gunsten aus. Auch jetzt nutzt er seine Werbetour, um zugleich Reklame für seine Werke zu machen. Auch Callista, Ehefrau Nummer drei, reist gelegentlich mit, um unterwegs ihr neues Kinderbuch zu signieren.

Doch die Anschuldigungen perlen an Gingrich ab. Selbst seine erratischen Bemerkungen scheinen Republikaner nicht zu schrecken. Obama, dessen Vater aus Kenia stammt, warf er eine »kenianische antikoloniale Weltsicht vor«, und soeben nannte er die Palästinenser ein »erfundenes Volk«. Sein neuester Vorstoß: Kinder aus armen Familien sollten in der Schule dem Hausmeister helfen, um zu kapieren, was Arbeit bedeute. Das Kinderschutzgesetz will Gingrich dazu ändern. In Greenville erntete er dafür heftigen Beifall.