Vor dem Kampf fließt Murphy’s in Halblitergläser. Die Sportler prosten sich zu, trinken von dem schwarzen Bier, dann machen sie sich warm mit ein paar Probewürfen. Titelverteidiger Eimsbüttel fordert den punktgleichen Spitzenreiter Buxtehude heraus, Höhepunkt der Darts-Saison in der Hamburger Verbandsliga. Der Rauch hängt wie eine Nebelwand in der Kneipe. Zuschauer gibt es keine, von den Akteuren und ein paar Angehörigen abgesehen. Alles Brüllen und Johlen kommt aus dem vorderen Raum, in dem ein Fußballspiel übertragen wird.

Tobias Boedeker, der Eimsbütteler Kapitän, bohrt seinen Blick in die Scheibe aus den gepressten Sisalfasern afrikanischer Agaven. Dann wirft er den ersten Pfeil aus 237 Zentimeter Abstand in Richtung eines kleinen roten Feldes im oberen Teil der Scheibe. Ein Treffer im gerade mal acht Millimeter breiten Schlitz brächte die höchste Punktzahl – den dreifachen 20er. Dieses Resultat strebt jeder ambitionierte Dartspieler immer wieder an, tausendmal in jeder Woche: 60 Punkte auf einen Wurf.

Erzielt ein Spieler mit drei Pfeilen mindestens 100 Punkte, rufen die anderen "nice darts". So englisch ist dieser Sport, auch in Deutschland, wo 10.000 Spieler in gut 500 Vereinen organisiert sind.

Die Elite der Kneipenathleten trifft sich von Donnerstag dieser Woche an im Londoner Alexandra Palace zur World Professional Darts Championship. Die Weltmeisterschaft wird seit 2007 Jahr für Jahr in London ausgetragen. Das hat den Vorteil, dass nur wenige Teilnehmer weit reisen müssen. Unter den Top 30 der Weltrangliste sind gerade mal neun Nicht-Engländer. Sie stammen aus den Niederlanden, Schottland, Australien und Kanada. Unter die 72 Finalisten, die zwei Wochen lang nach dem Besten in ihren Reihen suchen, haben es nur zwei Deutsche geschafft: der Holzmindener Jyhan Artut, Nummer 58 der Weltrangliste, und Kevin Münch aus Herne, Nummer 130.

Favorit ist wie stets Phil Taylor . Der dicke Sportsmann aus Stoke-on-Trent hat 15 Weltmeistertitel gesammelt. Wen auch immer man in der Hamburger Kneipe auf Phil "The Power" Taylor anspricht, dem werden gleich die Augen feucht, wenn er die Großtaten dieses Siegers schildert.

So war es Taylor, dem im Finale der Premier League 2010 gleich zweimal ein 9-Darter gelang. Es gibt diese Szenen bei YouTube . Man sieht, wie Taylor mehrmals hintereinander alle drei Pfeile in den Triple-20er setzt und so bereits mit dem neunten Pfeil von 501 Punkten abwärts exakt bei null landet. Wer im Kopf diese Leistung überschlägt, dem wird schwindlig: 501 Punkte mit neun Pfeilen – ein Schnitt von knapp 56 pro Dart. Es hat etwas Magisches, diesem Trumm von einem Mann dabei zuzusehen, wie er seine Muskeln zu der feinmotorischen Höchstleistung zwingt, 20 Gramm leichte Pfeile millimetergenau nebeneinander in ein Feldchen zu setzen, das so groß ist wie drei Konfetti.

Hin und wieder gelingt auch dem Eimsbütteler Captain ein Triple 20. Aber nicht oft genug. Er verliert das Auftaktspiel. François Huguenin, Präsident des Stadtteilvereins, versucht bei einem Bier zu erklären, warum es manchmal läuft und manchmal nicht. Aufgrund seiner Erfahrung als Tai-Chi-Lehrer wisse er, dass es zwei Probleme im Leben gebe: die Angst und das Wollen. Es gelte, das Maß zwischen zu großer Lockerheit und ungesundem Druck zu finden: "Die Lockerheit muss gepaart sein mit dem Glauben an sich." Finde man die Balance, könne einen Darts "in einen Rausch" versetzen.