Unsere Welt dreht sich immer schneller. Das wissen wir. Bücher sind langsame Wesen. Auch das wissen wir. Sie müssen geschrieben, redigiert, gedruckt und vertrieben werden. Das dauert lange. Bis ein Buch auf dem Markt ist, hat sich die Welt schon so oft weitergedreht, dass wir manchmal gar nicht mehr wissen, warum wir jetzt dieses Buch zu diesem Thema lesen sollen. Im Internetzeitalter wissen die Verlage um ihre missliche Lage und tun ihr Bestes, um in den gesellschaftlichen Geschwindigkeitsrausch einzusteigen. Ihr Rezept: kürzere Bücher über aktuelle Themen von bekannten Autoren mit ordentlich Schmackes. Die Initialzündung dafür lieferte ein alter Mann: der französische Bestsellerautor Stéphane Hessel . Seine Streitschriften Empört Euch! und Engagiert Euch! wurden zur literarischen Grundlage der Protestler in aller Welt. Die kleinen Hefte waren schnell zu lesen, verständlich geschrieben und mit viel Pathos angereichert. Das begeisterte die Massen.

Die Verlage sahen sich das an und dachten: Was mit Hessel klappt, klappt auch mit anderen Autoren. Und schon gibt es – angelehnt an erfolgreiche Broschürenserien aus dem Italien der Neunziger und an die interventionistischen Taschenbücher von Wagenbach – neue Reihen mit Zeitgeist-Touch. Bei Suhrkamp zum Beispiel, das diese Woche seine »edition suhrkamp digital« auf den Markt bringt. Natürlich nicht nur analog in Buch- respektive Broschürenformat, sondern auch als E-Book. »Kurze, aktualitätsbezogene, thesenstarke Bände, Manifeste, Langreportagen, Dossiers und Features« sollen da in immer schnellerem Takt gedruckt und digital verpackt werden; allesamt nicht länger als 80 Seiten, die man »auf der Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg lesen kann«, schreibt der Verlag.

Und das, was es bislang zu lesen gibt, hält, was es verspricht: Mut zur Knappheit, gepaart mit scharfen Thesen oder präzisen Beobachtungen. Da schreibt der amerikanische Autor und Journalist William T. Vollmann eine Großreportage über einen Besuch im Grenzgebiet von Fukushima, schildert in bedrückend einfachen Worten das Chaos und den stoischen Stolz der Japaner. Da erzählen in Occupy! junge Autoren im Echtzeitticker von ihren Demonstrationserlebnissen im New Yorker Zuccotti-Park, gefolgt von Essays von Joseph E. Stiglitz und Slavoj Žižek , die der Bewegung intellektuelles Futter geben. Da entwirft der Anthropologe Daniel Miller passend zur Jahreszeit eine kleine Theorie über das Weihnachtsfest »in seiner Nutzbarkeit als Bollwerk gegen die Kommerzialisierung«. Hinzu kommen eine Reportage über Detroit und zwei Essays über die Mythen der Finanzkrise und über das Erlernen des Rappens. Kurzum: eine bunte Vielfalt, die die Lücke zwischen Zeitungstexten und großen Monografien schließen will.

Klingt alles nach einer prima Idee. Bleibt nur die Frage: Wo ist eigentlich das Digitale in der digitalen Edition? Sollte es sich etwa schon mit dem zweiten Vertriebsweg erschöpft haben? Die ernüchternde Antwort lautet: Ja. Mittelfristig werde es in jedem Fall Titel zu digitalen Themen geben, sagt der Verlag. Es sei aber noch nichts Konkretes in Planung. Einstweilen müssen sich die netzaffinen Leser also mit den fortschrittlichen Occupyern begnügen. In deren Texten werden wenigstens fleißig Twittermeldungen zitiert.