Da geht er hin, der Herbst der Superlative, der trockenste, wärmste, in Bayern Waldbrände, in Restdeutschland Gemüter entzündende Herbst der Krise. Krise ist wie Kriegswinter ohne Krieg und ohne Winter. Eigentlich ist nichts. Demnächst soll aber was sein. In manchen Ländern jedenfalls ist schon was. In anderen soll es bald losgehen. Halb Europa steht am Pranger. Auch rücken die Staatslenker auf Gruppenfotos ganz ernst zusammen und zeigen irgendwohin außerhalb des Bildes, und die Fans singen: "So sieht Lenken aus, schalalalala."

Noch keine Zeit hat es wie diese geschafft, das eigene Wohlbefinden als Folge einer Wohltat zu deuten, die die Wirtschaft spendet. Und so horcht eine Nation auf die Herztöne des Dax, damit sie erfahre, wie sie selbst sich fühlt. Fühlt sie sich aber gar nicht mehr, haben wir endlich freie Marktwirtschaft! Frei von Sinn und Verstand, von Wohlfahrt und Werten, von Skrupeln und Solidarität, von allem, was sich nicht am Markt bewährt. Das sind die Sakramente, die Segnungen unserer Wirtschaftsordnung. Da kann sich der Papst mal einen Euro-Bond von abschneiden.

Die Rettung der Welt hat sich unterdessen zwar weitgehend in die Pop-Charts zurückgezogen, Arbeitgeberpräsident Hundt aber warnt schon mal sicherheitshalber: Die kostet Arbeitsplätze. Ist nun mal so: Das Überleben kostet Arbeitsplätze. Alles andere kostet nur Leben, und das ist schon deshalb nicht ganz so dramatisch, weil ja eben das siebenmilliardste Baby auf diese Welt kam. Dem muss sich Herr Hundt nicht mehr erklären, und dass der arme Säugling hier nur bedingt willkommen ist, merkt er auch ohne Hundt. Lebewesen haben wir reichlich.

Ein bisschen Schwund ist da natürlich immer, etwa im Irak, aus dem sich die USA noch in diesem Jahr zurückziehen zur Krönung einer Erfolgsgeschichte, die Afghanistan noch bevorsteht. Oder in Syrien und Ägypten, wo sich die Demonstranten der moralischen Unterstützung der USA erfreuen, während sich die entsprechenden Regierungen mit der schnöden militärischen zufriedengeben müssen. Das führt dazu, dass auf die von den USA gelobten Demonstranten in Syrien und Ägypten mit von den USA gefertigten Waffen geschossen wird . Hier entfaltet der Ausdruck "anfeuern" seinen ganzen Doppelsinn.

Ja, die Gegenwart liegt voller Leichen. Kein Wunder, dass man bei Heidi Klums Halloween-Kostüm zuerst dachte: Ist das Gadhafi? Dank Bild -Zeitungs-Cover aber, wo die leeren Augenhöhlen, die blutverschmierten Züge des Toten in die Kamera gehalten wurden, kennen wir jetzt den Unterschied und wissen erstens, dass Leichenschändung als Verkaufsanreiz taugt und dass das zweitens auch Sabine Christiansen nicht davon abhält, Werbung für Bild zu machen. Warum? Es war eben immer schon etwas lukrativer, einen käuflichen Charakter zu haben. Dass es anders geht, kann man gerade in Großbritannien studieren. Doch während dort Prominente kollektiv furchtlos gegen den Murdoch-Konzern prozessieren, prozessieren Deutschlands Prominente kollektiv schamlos in die Rektalzone des Springer-Konzerns.

Zur Ermordung Gadhafis hatte die Bild -Zeitung ja schon früher aufgerufen. Beim Spiegel feierte man wenigstens posthume Sternstunden der Kühlhaus-Fotografie und baute seine Reporter im Zwischenlager Gadhafis neben dessen Leiche auf, stolz wie Großwildjäger und zum Kotzen wie die. Ja, irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass die Welt vor dem toten Gadhafi keine bessere Figur machte als vor dem lebenden. So war man in den USA zwar "beunruhigt" über den Lynchmord-Verdacht, hatte aber genauso beunruhigt Osama exekutiert und ferner vertreten, Drohnen gegen Terroristen müssten auch ohne Prozess erlaubt sein – nur nicht ohne Tote. Man kann es auch Hightech-Lynchen nennen.

Nichts zu hören war zu Gadhafis Tod von Usher, Nelly Furtado, Beyoncé, die ehemals für ihn sangen, wie Hilary Swank bei Tschetscheniens Tyrannen Ramsan Kadyrow sang, gemeinsam mit Seal und dem MDR-Fernsehballett. Die Erstere ist bedröppelt, das Letztere zerknirscht. Nur Seal verteidigt seinen Auftritt bis heute, aber er ist ja auch der Schwiegersohn von Vater Klum.

Sharon Stone dagegen folgte ihrem Basic Instinct für hohe Gagen und sang im Duett mit Wladimir Putin Blueberry Hill . Wahrscheinlich wollte er nach all dem Kampfsport-Posing mal seine weiche Seite zeigen und befreite den Berlusconi aus sich – mit dem ihn zunehmend eine botoxische Ähnlichkeit verbindet und der am Rande seines Rücktritts eine CD mit Liebesliedern auf den Markt brachte, womit er Italien endlich vom bizarrsten Buffo befreite seit Peter Ustinovs Nero. Allerdings trat er nicht wegen der CD zurück, und auch Peter Ramsauer ist noch im Amt, obwohl er gerade Adagio im Auto veröffentlichte, Klaviermusik mit mehr Pedal, als dem Klavier und dem Auto guttut. In Griechenland dagegen hat man ganz ohne Musik Papageno durch Papademos ersetzt, und der war nicht einmal gecastet.