Zu den zwei oder drei Dingen, die jeder mit ihr in Verbindung bringt, gehört Sodade, ihr erster und größter Hit. Als am Wochenende die Todesnachricht eintraf, geisterte er noch einmal über alle Bildschirme, dieser signature song mit seinem wechselvollen Schicksal. Angeblich hat ihr späterer Manager, ein Mann namens José da Silva, ihn damals im fernen Portugal gehört und sich dabei gedacht: Wenn diese Stimme mir, der ich mein Land verlassen habe, Schauer über den Rücken jagt, dann muss es auch bei anderen funktionieren. Doch das ist nur eine von vielen Geschichten rund um ihr bewegtes Leben.

An Césaria Évora zu erinnern heißt, von einer kleinen, dunkelhäutigen, nicht mehr jungen Frau zu erzählen, die es wider alle Wahrscheinlichkeit zu spätem Ruhm und Erfolg gebracht hat, und das, so scheint es, allein aufgrund ihres Gesangs. Dass Sodade tatsächlich von Verschleppung, Ortlosigkeit und Heimweh handelt, war leicht zu überhören angesichts dieses Globalisierungsmärchens von den Kapverden, jener winzigen Inselgruppe im Atlantischen Ozean, von wo die Kunde in die Wohnzimmer Europas gelangte – schließlich handelt es sich um eine dieser Erfolgsstorys, wie sie der Westen liebt und der Rest der Welt so bitter nötig hat.

Um mehr zu erfahren, musste man zu ihr hinreisen. Da saß sie dann in ihrem dreistöckigen Haus unter Goldenen Schallplatten und einer Elvis-Uhr, ihr Nofretete-Amulett um den Hals, eine Erscheinung mit divenhaften Zügen, aber ohne Allüren. Wenn das Interesse an ihrer Person ihr schmeichelte, verstand sie sich darauf, es hinter den Anekdoten zu verstecken, die sie über sich selbst ausstreute, in einem eigenen, wenig europäischen Timing. Umgekehrt bedeutete die Tatsache, dass das Interview irgendwann zu Ende war, keineswegs, dass man gehen musste, im Gegenteil. Zum schwer zu überblickenden evorischen Haushalt gehörten neben vielen anderen guten Geistern eine Bierholerin, eine Whiskeybringerin und eine Schnapsanbieterin, und allesamt schenkten sie großzügig ein, solange dem Gast der Sinn danach stand.

Es war ein fröhliches Matriarchat, in dem Cize, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, die Rolle der Clanmutter und Versorgerin einnahm: Wer ihr Haus betrat, dem sollte es an nichts fehlen. Persönlich gesehen, mag dieses generöse Verhältnis zum Geld mit der Tatsache zu tun haben, dass sie die meiste Zeit ihrer Karriere keines hatte. Dass ihre Lieder aber so traurig klingen, hat seinen Grund in einer tieferen, speziell kapverdischen Form von Kontingenzerfahrung: Jahrhundertelang sind die Inseln von politischen wie klimatischen Wechselfällen heimgesucht worden, auf die kein Einfluss zu nehmen war, Dürrephasen kamen und gingen, das Meer schwemmte Piraten, Menschenhändler und Missionare an. Ein Nährboden, auf dem die Morna gedieh, der Inselblues.


In ihren jüngeren Jahren war Césaria Évora die Königin der Morna, sie sang für die Seeleute im Hafen ihrer Heimatstadt Mindelo, sie trat in Bars, Salons und Bordellen auf, und wenn sie dabei allzu stark dem Alkohol zusprach, lag auch das an der Morna. Die traditionell zu Gitarre oder Piano vorgetragenen Songs kreisen um ein Gefühl des Verlusts, in dem das Schicksal der Versklavung nachklingt: Genau wie beim Blues gilt die Sehnsucht einem verlorenen Ursprung. Doch wie der Blues erzählt die Morna nicht nur von Erlittenem, sie ist auch ein Weg, den Schmerz zu überwinden. Legendär die Szene, in der sie als 17-Jährige vor erlesenem Publikum singen sollte, wofür sie mit edlem Schuhwerk ausgestattet wurde. Die Évora nahm die Schuhe – und schleuderte sie der Gesellschaft vor die Füße.

Geblieben von dieser Episode ist ihr nicht nur ein Misstrauen gegenüber einengenden Formen von Mode, sondern auch der Keim für ein Comeback – selbst wenn es lange Jahre nicht danach aussah. Ungern erinnerte sie sich an die Siebziger des vergangenen Jahrhunderts, als sie das Singen aufgegeben hatte und, statt in den Gouverneurspalast geladen zu werden, wieder im Hüttchen ihrer Mutter lebte, gealtert, vergessen und ohne Aussicht auf Wiederkehr. Bis ausgerechnet die reichen Länder jenseits des großen Wassers sich aufs Authentische besannen, das sie so weit hinter sich gelassen hatten, und dem Ganzen ein Label namens "Weltmusik" verpassten. Fortan war sie in Portugal und Frankreich, von wo die Evora-Euphorie ihren Lauf nahm, la diva aux pieds nus, die barfüßige Diva.