Das Mikrofon schreit in einer Rückkopplung auf. Das Licht stimmt auch noch nicht, und das Rednerpult muss auf einen Sockel gestellt werden, damit der Kandidat später nicht mickrig aussieht. Politberater Stephen Meyers (Ryan Gosling), ein junger Mann mit flächigem Gesicht und runden blauen Augen, räuspert sich. Er spricht "Ich gehöre zu keiner Kirche" in den kathedralengroßen, leeren Saal. Nicht zu laut, das könnte zu berserkerhaft oder gar verzweifelt rüberkommen. Sondern leise und mit der Sicherheit eines Weltenlenkers, der genau weiß, dass man jede Silbe von ihm hören will. "Meine Religion ist die Verfassung der Vereinigten Staaten" – das muss sitzen! Auch in Ohio, wo der liebe Gott meist katholisch ist und das wie Florida als sogenannter Swing State bei Präsidentschaftswahlen das Zünglein an der Waage bedeuten kann. Seit 1892 ist es nur zwei Präsidenten gelungen, ins Weiße Haus einzuziehen, ohne in Ohio gesiegt zu haben.

Meyers ist Anfang 30 und bereits ein Profi in seiner Branche. Er weiß, wie Amerika denkt, wovon es träumt, wovor es sich fürchtet. Er kennt jedes offizielle Wort seines Kandidaten. Und er glaubt an seinen Demokraten Mike Morris (George Clooney), wie man an einen mutigen großen Bruder glaubt. Und wie Amerikas Linke vor zwei Jahren mit Barack Obama an einen liberal-demokratischen Erneurer geglaubt hat. Morris steht für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, für die Homo-Ehe, für ein sozialeres Gesundheits- und Wirtschaftssystem. Er hat das Yes-we-can- Karma, und Clooneys poppiges Gesicht blickt einer schönen Zukunft zugewandt von den Plakaten, wie 2009 das von Barack Obama.

Die Vorwahlen von Ohio – das ist die Bühne, die George Clooney sich für seinen vierten Film, ein Politdrama nach dem Bühnenstück Farragut North von Beau Willimon, ausgesucht hat. Und auch wenn er die Politik lieber als "Hintergrund für eine spannende Story" verstanden wissen will: The Ides of MarchTage des Verrats ist so etwas wie sein Misstrauensvotum gegenüber Obama geworden, den er mit so vielen anderen Kollegen aus der Musik- und Filmbranche bei seinem Wahlkampf unterstützt hatte.


Nach all den innenpolitischen Zugeständnissen, der ansteigenden Arbeitslosigkeit, Obamas enttäuschender Haushalts- und Umweltpolitik ist von der Aufbruchseuphorie nichts geblieben. Und die Bitterkeit der enttäuschten Linken merkt man The Ides of March in jeder Minute an.

Er habe schon vor einigen Jahren mit der Stoffentwicklung für diesen Film begonnen, erklärte Clooney. Doch dann wurde Obama Präsident der Vereinigten Staaten. "Plötzlich schien es ein schlechter Zeitpunkt für einen zynischen Film über Politik zu sein." Und jetzt? Die Schonzeit ist vorbei.

The Ides of March erzählt von Verführung und Verrat, Idealismus und Korruption. Einigermaßen erwartbar geht es um die schmerzhafte Bewusstwerdung des aufstrebenden Wahlkampfstrategen, der während der Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatenkür erkennen muss, dass Morris, sein Held, keineswegs von so hoher Moral, Konsequenz und Unbestechlichkeit ist, wie Meyers sich das erträumt hat. Das bedeutet nicht, dass Morris ein schlechter Politiker wäre – über Affären mit Praktikantinnen sind schließlich schon andere gestolpert.