"Es gibt ein Gedächtnis der Familie, das sowohl positive als auch negative Erlebnisse speichert", sagt Marianne Leuzinger-Bohleber , Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts. Die Erfahrungen der Männer und Frauen im Krieg waren traumatisch. Oft erzählten sie ihren Kinder zensierte Versionen und manchmal nicht einmal das. Aber auch das abrupt einsetzende Schweigen über angesprochene Kriegs-, Sucht- oder Gewalterlebnisse, sagt Leuzinger-Bohleber, sei ein starkes Signal für die Enkel. "Nichts ist so wirksam wie das Schweigen. Auch wenn über ein Thema nicht gesprochen wird, wirkt es im Leben eines Kindes weiter und hat Einfluss auf dessen Psyche." Das Problem bleibt in einem toten Winkel. Es beschäftigt die Enkel unbewusst, aber weil ihnen konkrete Informationen fehlen, können sie sich nicht damit konstruktiv auseinandersetzen – und es somit auch nicht lösen.

Beziehungen sind komplex und daher nur schwer zu erforschen

So einleuchtend und nachvollziehbar die Familienforscher die alltägliche Prägung durch die Großeltern beschreiben: Sie stützen sich allein auf Fallbeispiele einzelner Familien und versuchen daraus Grundsätzliches abzuleiten.Typisierungen sind zwar notwendig, damit die Großeltern-Enkel-Beziehungen überhaupt für systematische Analysen zugänglich sind. Doch in der Realität sind diese Beziehungen sehr viel komplexer, keine gleicht der anderen. Diese Unwägbarkeit ist ein Schwachpunkt des noch jungen Forschungszweigs. Das weiß auch der Entwicklungspsychologe Schölmerich: "Die Erfahrungen mit den Großeltern prägen den Nachwuchs nicht immer. Und erst recht nicht für immer. Vielmehr selektieren und bewerten wir das meiste im Laufe unserer Entwicklung neu. Manchmal halten wir dann auch das Gegenteil für richtig."

Wie genau Großeltern ihre Enkel beeinflussen, darüber sind sich die Wissenschaftler noch nicht ganz im Klaren. Aber dass sie es tun, ist erwiesen.