Heimat bist du großer Töne

Mannhaft gelang es den Abgeordneten der Volkspartei zunächst noch das feministische Komplott abzuwehren. Sie filibusterten, zogen die Debatte in die Länge. Wütend wetterte der freiheitliche Parteiführer wider den Verrat der Väter alter Sitte und forderte gar eine Volksabstimmung über diese Schicksalsfrage der Nation. Allein, es half aller Widerstand nichts. Ab dem Neujahrstag 2012 hört die Republik, wenn schon nicht auf eine neue, so doch auf eine in markanten Details abgeänderte Hymne.

Ab null Uhr holpert es nun im österreichischen Nationalchoral: "Heimat großer Töchter und Söhne", und in der dritten Strophe sind es nicht mehr "Brüderchöre", die dem Vaterland Treue schwören, sondern "Jubelchöre" – warum auch immer. Alle anderen Anachronismen des durch den Paragrafen 248 Strafgesetzbuch ("Herabwürdigung des Staates und seiner Symbole") behüteten Textes blieben unangetastet.

Jahrelang kämpften österreichische Frauenorganisationen und Parlamentarierinnen vergeblich für diese "geschlechtergerechte Änderung". Im September 2005 etwa verhinderte die männlich dominierte Regierungspartei BZÖ gemeinsam mit dem Massenblatt Kronen Zeitung nur mit knapper Not eine gegenderte Version. Auch die sozialdemokratische Kulturministerin Claudia Schmied erreichte 2010 nicht ihr Ziel, als sie mit einer Popvariante, gesungen von der beliebten Sängerin Christina Stürmer, vorpreschte. Die Demofassung endete in einem Streit mit dem Inhaber der Urheberrechte.

Schließlich fiel in namentlicher Abstimmung am 7. Dezember im Nationalrat diese vermutlich letzte männliche Bastion des Landes. Volksvertreterinnen fühlten sich an eine Epochenwende erinnert.

Doch die Töchter-Frage ist nicht das einzige Problem, das die Metamorphosen der österreichischen Hymne begleitet. Große Ernüchterung setzte ein, als eingeräumt werden musste, das die Melodie der Hymne nicht, wie zunächst angenommen, von der Heimat größtem Sohn stammt. Nicht Wolfgang Amadeus Mozart komponierte 1791 den feierlichen Freimaurerchoral Brüder reicht die Hand zum Bunde, sondern der weithin unbekanntere Zeitgenosse Johann Baptist Holzer (1753 bis 1818) aus Korneuburg, ein Mitglied der Loge "Zur wahren Eintracht", die mit Mozarts eigener Loge "Zur Wohltätigkeit" befreundet war. Allein dieser nicht unbedeutende Makel degradiert die nationale Kennmelodie zu einer Hymne zweiter Wahl.

Nach wie vor scheint Österreichs eigentliche Hymne immer noch von Joseph Haydn zu stammen. Doch die angeblich von einem kroatischen Volkslied inspirierte Melodie hat sich heute Deutschland angeeignet. Wie tief dieser Stachel noch sitzt, konnten Fernsehzuschauer im Juli erleben, als die Republik Abschied von Otto Habsburg nahm. Ein letztes Mal erstrahlte Wien im Glanz der versunkenen Monarchie, und ein letztes Mal erklang im Stephansdom die Haydn-Kaiserhymne Gott erhalte.

Während Haydns solemne Melodie den Dom erfüllte, brach im Newsroom des ORF der österreichische Groll auf den großen Nachbarn wieder auf. Der als Experte geladene Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner hatte eben noch einfühlsam das liturgische Geschehen des Requiems erläutert, als ihn der schmachvolle Verlust der alten Kaiserhymne übermannte und ihn nach einer kurzen Denkpause live kommentieren ließ: Deutschland habe Österreich die Hymne "gestohlen".

Österreichs Traditionshymne stammt von Joseph Haydn

Der langjährige Dekan der Katholischen Fakultät der Uni Wien ist nicht der erste Österreicher, der zornig wird, wenn er die deutsche Nationalhymne hört. Auch österreichische Fußballfans veranstalten Pfeifkonzerte beim Hören des Deutschlandliedes. Und Zulehner befindet sich in guter Gesellschaft. So forderte Bundespräsident Karl Renner unmittelbar, nachdem 1945 ein unabhängiger österreichischer Staate wiedererrichtet worden war, dass "Deutschland die Haydn-Hymne untersagt werden soll", und Bundeskanzler Leopold Figl wollte sogar die englische Besatzungsmacht bemühen, als er am 11. Februar 1947 im Ministerrat erklärte: "Wir werden also warten, dass in London den Piefkes die Haydn-Hymne als ein altes österreichisches Kulturgut untersagt werden möge."

Dabei wurde vergessen, dass Politik und Kirche 1946 den Abschied von der Haydn-Hymne verlangten, weil die Melodie "unter der nazistischen Herrschaft … mißbraucht worden" sei. Nun sollte ein Wettbewerb ein neues "Lied hymnischen Charakters, das den neuen österreichischen Bundesstaat und seine Menschen im In- und Ausland sowohl textlich als auch musikalisch würdigt" hervorbringen. Es siegte das damals noch Mozart zugeschriebene Freimaurerlied, zu dem das Gedicht der Lyrikerin Paula Molden-Preradović Land der Berge, Land am Strome adaptiert wurde. Am 25. Februar 1947, Figl hatte vermutlich seine Hoffnung auf britische Hymnen-Intervention bereits wieder begraben, beschloss die Regierung zunächst die neuen Salzpreise, dann die neue Hymne. Zehn Tage später erklang sie erstmals im Rundfunk.

Die umstrittene Hymnenmelodie komponierte Joseph Haydn 1797 für Franz II., den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der jedoch 1806 die römisch-deutsche Kaiserwürde ablegte, um als Franz I. erster österreichischer Kaiser zu werden. Haydns deutsche Reichshymne mit dem Text Gott erhalte unsern Kaiser wurde nun österreichische Kaiserhymne und nach dem Wiener Kongress 1815 zugleich auch die Hymne des Deutschen Bundes mit Sitz in Frankfurt am Main, dessen Präsidialmacht Österreich war. Am bekanntesten wurde sie unter Kaiser Franz Joseph, der sie 1854 zur Volkshymne umarbeiten und den Text von Johann Gabriel Seidl Gott erhalte, Gott beschütze, Unsern Kaiser, Unser Land! in die zwölf Sprachen des Vielvölkerstaates übersetzen ließ.

In der Ersten Republik wurde die Melodie beibehalten, erhielt jedoch 1929 den neuen Text Sei gesegnet ohne Ende , was zu dem Kuriosum führte, dass, je nach politischer Gesinnung, drei Textvarianten zeitgleich gesungen wurden. Die wenigen überzeugten Republikaner sangen den neuen Text, die Traditionalisten Gott erhalte und die Großdeutschen das Lied der Deutschen. Noch verworrener wurde der Hymnenstreit, als der Satiriker Karl Kraus zur Haydn-Melodie einen betont republikanischen Text dichtete und der erste Staatskanzler, Karl Renner, den sozialistisch-großdeutschen Text Deutschösterreich, du herrliches Land verfasste, der von Wilhelm Kienzl eine neue Melodie erhielt. Am 11 März 1938, als Kanzler Schuschnigg um 19.47 Uhr über Radio das Ende der Ersten Republik verkündete, erklang die Melodie zum letzten Mal für Österreich, doch nicht wenige sangen dabei das Deutschlandlied.

Das Lied der Deutschen entstand 1841 während eines Kuraufenthaltes des Dichters August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf der damals noch britischen Hochseeinsel Helgoland. Der fortschrittliche und für ein geeintes Deutschland kämpfende Germanistikprofessor forderte mit seinem Appell "Deutschland, Deutschland über alles" das Ende der Kleinstaaterei. Er wollte ein vereintes Deutschland, das über Preußen, Österreich, Bayern, Württemberg und den vielen kleinen Fürstentümern und Staaten stehen sollte.

Diesem Text legte er die einzige Melodie zugrunde, die bereits den Reichsgedanken verkörpert hatte, nämlich Haydns Kaiserhymne. Mit dieser Melodie fühlten sich die Menschen in allen deutschen Staaten einer deutschen Nation zugehörig, die zwischen Maas und Memel einerseits und zwischen Etsch und Belt anderseits lyrisch verortet wurde.

Der Hamburger Verleger Julius Campe war von dem Liedtext begeistert, kaufte ihn für die stolze Summe von vier Goldstücken und landete einen Flop, denn in Deutschland sang man zu diesem Zeitpunkt noch keine deutschnationalen Lieder. Erst als Kaiser Wilhelm II. 1890 die Insel Helgoland gegen die deutsche Kolonie Sansibar eintauschte und das Lied der Deutschen hierbei erstmals offiziell erklang, eroberte es sich spontan die deutschen Herzen. 1922 wurde die erste Strophe durch Verordnung des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert dann zur offiziellen deutschen Nationalhymne erklärt. Nach dem Krieg wurde die dritte Strophe Einigkeit und Recht und Freiheit zur Hymne der Bundesrepublik Deutschland, wobei es trotz aufgeregter Debatte auch nach der Wiedervereinigung mit der DDR blieb.

Haydns Melodie war somit 1797 zuerst die Hymne des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, bis sie 1806 zur österreichischen Kaiserhymne, 1815 zur Hymne des Deutschen Bundes, 1841 zum Lied der Deutschen, 1854 zur österreichischen Volkshymne und 1922 zur deutschen Nationalhymne wurde. Ein gleichberechtigtes Nebeneinander der Haydn-Melodie in Deutschland und Österreich wäre jederzeit möglich gewesen, denn Deutschland und Großbritannien teilten sich bis 1918 auch die gleiche Hymnen-Melodie: Man sang Heil Dir im Siegerkranz zu den Klängen von God Save the King (möglicherweise ursprünglich ein Militärmarsch aus der Schweiz). Hätte also die Zweite Republik an der traditionellen Haydn-Hymne festgehalten, der Heimat große Töchter wären bereits vor 64 Jahren gleichberechtigt gewesen.