Der Zauber des Films entsteht nicht nur aus seinen Bildern, sondern mehr noch aus der vergehenden Zeit, die der Zuschauer vor seinen Augen erlebt. Die Bewegungen auf der Leinwand geschehen in dieser Zeit, es gibt ein erkennbares Vorher und Nachher. Insofern suggeriert die Filmkunst dem Betrachter eine Nähe zu dessen alltäglichen Wahrnehmungen von Abläufen, von Zeitlichkeit im eigenen Leben. Doch diese Bewegung im Film wird stets erzeugt, Hunderte Male vorab durchdacht, geprobt und gedreht, bis am Ende die perfekte Illusion eines Ablaufs präsentiert werden kann.

Eine sehenswerte Doppelausstellung in Berlin schaut nun darauf, wie das bewegte Bild entsteht – und zwar schaut sie darauf mit den Mitteln ausgerechnet jener Kunst, die die Bewegung fixiert und zu einem Moment bannt: der Fotografie . Am Set. Paris – Babelsberg – Hollywood, 1910 bis 1939. Berlin – Babelsberg, heute ist ein Fest für Filmliebhaber. Hier wird zum einen mit jenem Paradox gespielt: Fotografen betrachten die Dreharbeiten und das ganze Drumherum. Zum anderen führt die Ausstellung in herrlichen Aufnahmen vor, wie die vor hundert Jahren ja ebenfalls noch nicht so alte Fotografie von Anbeginn an den Film begleitet hat: in Form der Dokumentation durch Standfotografen, der Erinnerung an die Mitwirkenden – aber bald auch als Mittel der machtvollen Inszenierung von Stars zu Werbezwecken in der Presse, die Inszenierung also der Nichtinszenierung kurz vor oder nach dem Dreh, der authentischen Arbeit von Regisseur und Schauspielern. Und wer heute sich all diese Making-of-Bilder zu Filmen anschaut, wird zudem vieles über Produktionsmethoden, Innovationen und Arbeitsabläufe erfahren – die Ausstellung ermöglicht tatsächlich einen Blick hinter die Kulissen, der den enormen personellen und technischen Aufwand zeigt, mit dem die Illusionsmaschine Film betrieben wird.

Aus den Beständen der Pariser Cinémathèque française, die über 500.000 Filmfotografien besitzt, und der exquisiten Sammlung des 2004 verstorbenen Cinephilen Gabriel Depierre, einst Assistent des großen Standfotografen Roger Corbeau, wurden rund 250 Vintage-Prints in zumeist vorzüglicher Qualität ausgewählt, ergänzt um einige Aufnahmen aus dem Besitz der Deutschen Kinemathek. Viele der Setfotografen sind vergessen – zu Unrecht, wie die außerordentliche Qualität der Fotos beweist. Die ganze Welt des frühen Films in Berlin, Paris und Hollywood ersteht vor uns: das Glashaus in Babelsberg , jenes legendäre Studio, durch dessen Scheiben das Tageslicht hereinschien; die Kulissenmaler bei der Arbeit; die abgetrennten Räume, in denen der Dreh mehrerer Filme parallel möglich war – was die Teams um 1900 selbstverständlich in weißen Kitteln taten, schließlich entstammte die junge Kunst den zischenden Laborküchen experimentierfreudiger Erfinder. Elektrisches Licht und Tonfilm revolutionieren später alles. Bald tauchen Flüstertüte und Regiestuhl als Accessoires des Chefs auf – und die gewaltigen Apparate, ohne die diese Kunstform nicht existieren kann: Regisseure und Kameramänner sind Helden im Maschinenpark, sie navigieren gigantische Lampen und Kameras. Sie testen wie Fritz Lang neue Mikrofone oder schauen wie dieser mit seinem Megafon hinunter zu den sich nach ihm reckenden Statistenarmen (bei den Dreharbeiten zu Metropolis ).

Die Fotografie setzt Stars in Szene: Cary Grant und Rita Hayworth sitzen locker neben ihrem Regisseur Howard Hawks, John Ford redet mit seinem Kinderstar Shirley Temple, Marlene Dietrich schaut uns verführerisch über ihre Schulter an. In eigenen Serien werden bedeutende Regisseure präsentiert, die wie Feldmarschälle ihre Heere dirigieren: neben Lang vor allem Friedrich Wilhelm Murnau und der stets posierfreudige Ernst Lubitsch, René Clair, Cecil B. DeMille, Jean Renoir und Erich von Stroheim. Die Kamera ist ein obskures Objekt der Begierde: Gerne posierten John Wayne und Clark Gable mit ihr. Die erotische Faszination des Filmens wird unmittelbar spürbar, weil Mensch und Technik dabei miteinander spielen – Bessie Love flirtet 1925 heftig mit der Mitchell-Kamera, wenn sie das von ihren Fingern umschlossene Kabel einführen will. Schauspieler wie Asta Nielsen, James Stewart, Stan Laurel und Oliver Hardy erleben wir in ihrem Arbeitsalltag; Douglas Fairbanks besucht seinen Freund Charlie Chaplin beim Dreh, was natürlich fotografiert wird – ebenso 1935 der Besuch von Hermann Göring bei Dreharbeiten zu einem deutsch-französischen Zigeunerbaron. Und das rituelle Teamfoto mit allen Beteiligten ist im Falle von Jean Renoirs Les Bas-fonds (1936) mit zuvor geleerten Champagnerflaschen angereichert.

Besonders reizvoll an dieser Ausstellung ist schließlich die Kombination mit Setfotografien von heute, die der zweite Teil in rund zweihundert Fotografien der letzten zehn Jahre bietet, allesamt am Rande von Filmproduktionen in Babelsberg entstanden. Eine echte Schatzkammer tut sich hier auf, da auch diese oft hochklassigen Fotografien sonst nicht öffentlich gezeigt werden. Zu sehen im Arbeitseinsatz am Set sind Tom Cruise ( Valkyrie ) und Brad Pitt ( Inglourious Basterds ), Romand Polanski, Tom Tykwer und Quentin Tarantino . Wir entdecken die gleiche Kulissenstraße in unterschiedlichen Filmen und erkennen die Orte in Berlin, die sogenannte Location Scouts im Vorfeld von Projekten auswählen. Manche Regisseure arbeiten eng mit Standfotografen zusammen, wie zum Beispiel Christian Petzold mit Christian Schulz, dessen Bilder von Gespenster, Yella und dem 2012 in die Kinos kommenden Film Barbara gezeigt werden. Verblüffend ist bei alledem, wie ähnlich sich doch die Filmfotografien von einst und heute sind: die Faszinationskraft des Soziotops Filmset, des Zusammenspiels von Mensch und Technik ist ungebrochen – ebenso wie die Magie bewegter und unbewegter Bilder, die eine Symbiose eingehen können.

Bis 29. April, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen. Der französische Katalog kostet 29 Euro