Alle Jahre kommt es wieder, das Gejammer über die ach so schweigsamen Intellektuellen & Schriftsteller & jedes Mal schläft mir das Gesicht ein, jedes Mal meine ich jemanden sagen zu hören, dass die Zeiten, damals, im Fernseher lief Telekolleg Physik, schwarz-weiß, gloriose Zeiten waren.

Ja, The Times They Are A-Changin’ – dies ist ein mäandernder Text, schweift und erkundet, ist nicht eingedämmt in ein Entweder-oder, in ein Schwarz-Weiß, meint ein unabdingbares Sowohl-als-auch, würde sich gerne oft in Gedichtzeilen oder Songlines verlieren: rettende Haltegriffe im Strudel der wirbelnden Bilder und des unaufhörlichen, allgegenwärtigen Geschwätzes.

Doch verweilen wir kurz beim Fernsehen, diesem einstmals bildenden, aufklärerischen Medium, das sich zu einer veritablen Kulturzertrümmerungsmaschine entwickelt hat. Blenden ganz kurz nach Italien, wo einer der herausragenden Intellektuellen, Pier Paolo Pasolini, gegen diese Zerstörung angeschrieben, gefilmt, gedichtet hat. Der vor 36 Jahren gestorben ist respektive ermordet wurde (und in diesen Tagen wird in Italien dieser Mordfall einmal mehr aufgerollt). Und fragen uns spekulativ, was aus Pasolini in den Berlusconi-Zeiten geworden wäre...

Aber, jetzt geht es ja um die Schweiz. Sagt, was wir nicht hören wollen! Ein Aufruf zum Widerspruch . So hieß es in dieser Zeitung. Das wirkt schon seltsam in diesem furchtbar engen Land, wo Brillanz & Denken & Wahrhaftigkeit immer hinter Kompromiss und Konkordanz (beim Aussprechen dieses Wortes fault einem demnächst die Zunge ab), dem Krämergeist, der Geschäftstüchtigkeit gestanden haben, ja für all diese guteidgenössischen Eigenschaften geradezu eine Gefahr darstellten. Und jetzt werden die ehemaligen Nestbeschmutzer und Landesverräter Frisch und Dürrenmatt als Modelle hervorgeholt, um die Intellektuellen aufzurufen, zu kritisieren und zu widersprechen. Dabei bewahrte sie nicht einmal ihr Status als Weltberühmtheiten davor, nach Russland gewünscht und peinlichst genau überwacht zu werden. Erinnert sei daran, dass der absolut ehrliche, radikale, alte Frisch seinen Text über die Verluderung der Schweiz in der randständigen WoZ veröffentlichte.

Ist doch schön, diese Verklärung und Verehrung im Nachhinein. Und irgendwann landen dann die verlorenen Söhne und Töchter auf Briefmarken und Banknoten.

Nach Meienberg brach die Zeit der Savoir-vivre-Intellektuellen an

Klar kommt mir jetzt Niklaus Meienberg in den Sinn, und alle jammerten, als er sich von dieser Welt verabschiedete, aber vorher wurde er angefeindet und bedroht und beschimpft. Ach, wie wurde er vermisst, aber niemand trat in seine Fußstapfen, und auf den Redaktionen saßen und sitzen Leute, die, will’s Gott, keine Nachfolger von Frisch oder Dürrenmatt oder Lötscher oder Meienberg wollen. Dafür brach die Stunde der "Intellos" an. Dieser Smart-Denker, dieser Savoir-vivre-Intellektuellen mit ihrem unbändigen Wunsch nach Öffentlichkeit, der eigene Name als berühmtes Markenzeichen und narzisstisches Herzensanliegen. Süffige, lässig-säuselnde, mit etwas Provokation angereicherte Essays und Kolumnen.

Immer in der avantgardistischen Haltung des Erstmals-Denkens. Heute einen Text über Rassismus und morgen davon erzählen, was es mit dem Tragkomfort eleganter Lederschuhe auf sich hat. Modisch, nonchalant, süffig und süffisant, unterhaltsam und schmerzfrei. Da ist keine Wahrhaftigkeit mehr, das sind keine die Wahrheit suchenden Denker. Was zählt, ist der Markt, der Marktwert, und sie tummeln sich in den Betrieben, dem Kunst-, dem Literatur-, dem Medienbetrieb.

Huldigen der Quotenmentalität, die alles überrollt. Und die ernsthaften Künstler und Intellektuellen – und davon strotzt es in diesem Land, das eine beinahe genetische Abneigung gegen alles Überdurchschnittliche hat, sicher nicht – sind mehrheitlich in der inneren Emigration, abgetaucht, verstummt, bewegen sich in den Rhizomen von Deuleuze/Guattari.