Kurz vor dem ersten Advent klingelte der Briefträger an meiner Tür. Er brachte einen Adventskalender, mit freundlichen Grüßen. Absender war eine vorweihnachtlich gestimmte Kollegin. Es gibt, wie ich sogleich feststellen durfte, das Buch Der kleine Prinz jetzt also auch in Adventskalenderform. Das ist zweifellos eine schlaue Geschäftsidee für die Buchbranche, zumal man so was nicht mit allzu vielen literarischen Werken machen kann.

Der Adventskalender bestand aus einer Pappscheibe in der Farbe des Nachthimmels, auf der natürlich der kleine Prinz zu sehen war. Er steht auf seinem Planeten und schaut die reichlich vorhandenen Sterne an. Er trägt Schlaghosen und Fliege. Das Bild haben viele Menschen im Kopf.

Der Kalender hat keine Türchen, stattdessen hat er Schlitze, in denen Zettel stecken. Auf jedem Zettel steht ein Spruch aus dem Buch. Man soll also, in der Adventszeit, täglich einen der Zettel herausziehen und darf sich dann Gedanken machen, anstatt, wie bei den meisten anderen Adventskalendern, täglich eine Süßigkeit zu essen. Ich habe alle Zettel gleich hintereinander herausgezogen und sie alle auf einen Rutsch gelesen. Ich dachte, statt 24 kleiner Gedanken mache ich mir einen einzigen großen.

Es war vielleicht eine Überdosis. Ich habe danach nämlich auch noch das Buch Der kleine Prinz gelesen, wieder einmal, denn es gehört zu den Büchern, die mein Leben geprägt haben, und bestimmt nicht nur meines. Sonst würde ich das hier nicht erzählen, sonst wäre das gesellschaftlich irrelevant.

Ich wollte mich erinnern. Aber danach fühlte ich mich nicht gut. Mit den Worten des Autors Antoine de Saint-Exupéry : "Etwas an meinem Motor war kaputtgegangen."

Kinder müssen mit großen Leuten viel Nachsicht haben ("Der kleine Prinz", Seite 22)

Bevor ich selber Vater wurde, habe ich das Buch nur vom Hörensagen gekannt, warum? Weil es zu meiner Kinderzeit, späte Fünfziger, frühe Sechziger, noch nicht so berühmt gewesen ist. Man las eher Der letzte Mohikaner oder Winnetou . An der Uni merkte ich, dass es im Grunde ein Erwachsenenbuch ist, jeder las das, überall stand es herum, und dabei ist es wohl bis heute geblieben. Als mein Sohn sechs Jahre alt war, habe ich ihm dann, wie fast jeder, der ein Kind hat, Der kleine Prinz vorgelesen. Später kaufte ich, wie fast jeder, für das Kind ein Hörbuch, damals noch als Kassette. Das ist lange her. Heute ist mein Sohn erwachsen, und ich habe dieses Jahr zum ersten Mal ohne ihn Weihnachten gefeiert.

Der kleine Prinz ist eine schöne Geschichte. Sehr, sehr schön. Ich will sie gar nicht pauschal heruntermachen, obwohl mir das niemand glauben wird. Der kleine Prinz würde es wohl so ausdrücken: "Jede schöne Geschichte ist einzig auf der Welt. Sie erinnert an eine Blume, die man nicht sieht..." Diese Ansicht teile ich. Aber alle werden sagen: "Jetzt macht er auch noch den Kleinen Prinzen runter." Obwohl ich das Gegenteil beteuere!

Das Buch hat schon eine große Karriere hinter sich

Die großen Leute sind so. Auch dieser Satz stammt aus dem Kleinen Prinzen.

Auf der Liste der meistgedruckten Bücher der Weltgeschichte steht Der kleine Prinz auf Platz 17, Gesamtauflage 80 Millionen. Um diese Zahl einordnen zu können, sollte man berücksichtigen, dass auf den vorderen Plätzen unter anderem die Bibel, der Koran, das Kommunistische Manifest und das chinesische Wörterbuch stehen. Der Herr der Ringe liegt mit 150 Millionen ebenfalls vor dem Prinzen.

Bücher, die sich in dieser Liga befinden, erzählen nicht einfach eine Geschichte. Sie entwerfen ein Weltbild, sie erschaffen einen geistigen Kosmos, abgesehen vielleicht vom chinesischen Wörterbuch. Oder sie bieten ein Identifikationsangebot, das sich gleich für mehrere Generationen eignet. Nach dem Prinzen, also auf Platz 18, folgt nämlich Der Fänger im Roggen . Und danach kommt auch schon der erste Titel von Paulo Coelho .

Ich will den Kleinen Prinzen nicht runtermachen, denn er ist fantasievoller als das, was ich von Coelho kenne, und spricht das Gemüt auf eine geschickte oder – warum nicht mal die Harfe auspacken? – meisterhafte Weise an. Man muss die Menschen gut kennen, um sie so am Wickel zu haben, man muss die Tasten auf ihrem Seelenklavier im Schlaf treffen.

Der kleine Prinz plädiert für das Gute, für Menschlichkeit, die Liebe, all diese Sachen. Aber je öfter ich es gehört habe – und ich habe es bei Autofahrten mit meinem Kind verdammt oft gehört –, desto stärker wurden schon damals meine Zweifel daran. Es hat einen philosophischen Sound, der einen perfekt einlullt, aber der Erkenntnisgewinn tendiert gegen null. Eigentlich ist es eine hübsch verpackte Banalität. Richard Clayderman, als Buch. Das wäre noch kein Vorwurf.

Antoine de Saint-Exupéry wurde 1900 geboren, mit vier Jahren verlor er den Vater, erzogen wurde er in einem Internat. Saint-Exupéry arbeitete meistens als Pilot, er war dauernd auf Achse, seine Beziehungen zu Frauen litten darunter. Ein glücklicher Mann war er wohl nicht. Es heißt sogar, er sei depressiv gewesen. 1944 stürzte er mit einem Aufklärungsflugzeug über dem Mittelmeer ab, vielleicht ein gewöhnlicher Absturz, vielleicht abgeschossen von der deutschen Luftwaffe, vielleicht auch ein Freitod, das ist bis heute unklar. Der kleine Prinz, vom Autor selbst illustriert, kam 1943 in New York heraus:

Der Ich-Erzähler ist in der Wüste notgelandet. Dort begegnet ihm der kleine Prinz, eine Art Kind, das von einem fernen Planeten stammt und ihm sechs Tage lang seine Geschichte erzählt. Aus der Begegnung wird eine Offenbarungsgeschichte, ausgeschmückt mit zahlreichen Lebensweisheiten. Der Planet, von dem der kleine Prinz gekommen ist, ist ganz winzig. Eine Rose wächst dort. Das größte Problem stellen die Affenbrotbäume dar, die in rücksichtsloser Weise den Planeten zu überwuchern drohen.

Auf seiner Reise besucht der Prinz sechs andere Himmelskörper, auf denen unter anderem ein machtverliebter König, ein Eitler, ein in den Reichtum verliebter Geschäftsmann, ein Forscher und ein Säufer wohnen. Diese Besuche bieten Gelegenheiten zu Gesprächen über menschliche Schwächen und zu Lehren über das Leben als solches. Der siebte – Achtung, magische Zahl – Planet ist schließlich die Erde. Am siebten (!) Tage verlässt der Prinz sie wieder, indem er sich von einem nützlichen, aber schon in der Bibel recht negativ besetzten Tier beißen lässt, einer Schlange. Vielleicht fliegt er ab, vielleicht ist es ein Freitod, das bleibt beim Kleinen Prinzen ebenso unklar wie bei seinem Verfasser. Die Tonlage ist der von Jesus nicht ganz unähnlich, theologisch Gebildete nennen diesen Sound gern "jesuanisch".

Aus dem Buch ist, vor seiner Karriere als Adventskalender, etliche Male ein Theaterstück gemacht worden, ein Comic, mehrere Opern, ein Ballett, ein Computerspiel mit der Stimme von Ben Becker, eine Suite für Orchester, eine Fernsehserie, ein Puppentheater und eine tiefenpsychologische Deutung von Eugen Drewermann . Eine der Verfilmungen entstand in der DDR, Regie Konrad Wolf . In der japanischen Stadt Hakone steht der Asteroid des kleinen Prinzen sogar als Brunnen-Denkmal, im Museum of The Little Prince .

Trotz seines pseudoreligiösen Charakters ist das Buch offenbar überall gut angekommen, unter allen Regimen, bei allen Kulturen, bei Diktatoren ebenso wie bei raffgierigen Oligarchen, denn in der Theorie sind, meines Wissens, alle für Humanismus, für Liebe und für Freundschaft. Auch Oberst Gadhafi war es.

Damit will ich, um Himmels willen, nichts vergleichen, ich will nur sagen: Man erschrickt oft darüber, wie der Humanismus von seinen Verfechtern so ganz konkret umgesetzt wird. Deswegen tendiere ich zu der Ansicht, dass man sich den jeweiligen Humanismus immer genau anschauen muss.

Ein Land, das von Kindern regiert wird, stelle ich ähnlich wie Uganda vor

Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse ("Der kleine Prinz", Seite 90)

Was genau verkündet der Kleine Prinz? "Kinder müssen mit großen Leuten viel Nachsicht haben", das steht auf Seite 22. Gewiss. Umgekehrt aber auch. Wenn man mit dem Auto fährt, und das Kind fragt zum fünfzigsten Mal: "Wann sind wir denn endlich da?", müssen auch große Leute viel Nachsicht haben.

Antoine de Saint-Exupéry starb kinderlos, das merkt man seinem Blick auf Kinder an. Diese romantische Überhöhung des Kindseins, die Ernennung des Kindes zum besseren, reineren Menschen, so etwas fällt Kinderlosen halt deutlich leichter. Es findet sich auch auf Seite 97: "Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen." Und bei dem Sänger Herbert Grönemeyer , der, obgleich Vater, eine Nachdichtung verfasst hat: "Die Welt gehört in Kinderhände. Kinder an die Macht."

Ach, man liebt ja die Kinder. Obwohl sie keine Übermenschen im Taschenformat sind, sondern Egoisten und manchmal Nervensägen und soziales Verhalten sowie Affektkontrolle erst noch lernen müssen. Sie können auch grausam sein – darf man das sagen? Wenn das Kind zwecks eigener Erheiterung die Katze zum zwanzigsten Mal am Schwanz zieht oder, was ich mal gesehen habe, wenn Kinder dem Hund eine Tüte an den Schwanz binden und dieselbe anzünden, dann ist womöglich Nachsicht weniger angebracht. Dann darf es auch mal ein zorniges Wort sein, wobei ich nicht glaube, dass die zarten Kinderseelen dauerhaft davon Schaden leiden.

Ein Land, das von Kindern regiert wird, stelle ich mir so ähnlich vor wie Uganda unter der Herrschaft von Idi Amin. Bestenfalls käme Italien unter Silvio Berlusconi heraus.

Die Liebe zu den Kindern ist uns zum Glück genetisch einprogrammiert, deshalb greifen Zeichner und Filmemacher, wenn sie eine süße, niedliche Figur entwerfen möchten, meistens auf das Kindchenschema zurück, großer Kopf, kleines Näschen, große Augen. Und, wie man sieht, bei süßer Literatur klappt es ebenfalls.

Wissen die Kinder, wohin sie wollen, wie Saint-Exupéry auf Seite 97 behauptet? Nur die Kinder? Fragen Sie doch einfach mal nach. Fragen Sie auf dem Spielplatz ein Kind Ihrer Wahl: "Wohin willst du?"

In neunzig Prozent aller Fälle wird die Antwort lauten: "Ich will hier bleiben, auf dem Spielplatz."

Kinder wollen immer bleiben, auf dem Kindergeburtstag der Freundin, obwohl sie längst todmüde sind, vorm Fernseher, im Spielzeugladen. Kinder wissen vor allem, was sie nicht wollen, nämlich aufhören mit etwas, das ihnen gerade Spaß macht. So sind Kinder. Und der Satz "Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen" ist romantisches Gedöns.

"Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse", heißt es beim Kleinen Prinzen . In meinem Adventskalender ist dies Sprüchlein die Nummer 13. Und es stimmt ja auch, irgendwie. Gewiss, beim Reden versteht man einander manchmal miss, vor allem, wenn sich einer der Gesprächspartner nicht klar ausdrückt. Andererseits, nicht wahr, ist die Sprache ein wunderbares Werkzeug, mit dessen Hilfe man einander allerlei Interessantes mitteilen kann. Das stimmt ebenfalls. Auch wenn es nicht so poetisch klingt wie der Satz aus dem Kleinen Prinzen.

Der Satz "Bohnensuppe finde ich eklig, vor allem kalte Bohnensuppe" ist meiner Ansicht nach nur schwer misszuverstehen. Ich wette, sogar Saint-Exupéry hätte mir, nach dem Aussprechen dieses Satzes, keine kalte Bohnensuppe mehr angeboten.

Ich könnte auch sagen: Das Auto ist die Quelle der Verkehrsunfälle. Oder: Der Hund ist die Quelle des Hundekots. Das stimmt alles in gewisser Weise, aber es tut den Hunden bitter unrecht, denn sie sind differenzierter und können so viel mehr als nur Koten. Und so, wie es auch ohne das Auto zu Verkehrsunfällen kommen kann (ich sage nur: Fahrräder, Motorräder, Pferdefuhrwerke), genau so ist auch das Missverständnis in der Welt der nonverbalen Kommunikation ebenso heimisch wie in der Sprache.

Ein Bulgare, von einem Finnen gefragt, ob er den Euro gut findet, schüttelt den Kopf – in Bulgarien bedeutet Kopfschütteln nämlich Zustimmung.

Eine Frau blickt einen Mann lange und großäugig an, was dieser als Aufforderung zu einem Flirt versteht, in Wirklichkeit ist sie kurzsichtig und sucht ihre Brille. Hätte sie doch bloß etwas gesagt, dann wäre ihr dieser Typ nicht lästig geworden.

Sprache kann wahnsinnig nützlich sein, wenn man sie geschickt einsetzt.

Beim schweigsamen Piloten Saint-Exupéry zählt eben nur das Gefühl. Dies ist der Subtext, das möchte er ausdrücken. Ich habe nichts gegen Gefühle. Eine Welt aber, in der die Gefühle grundsätzlich über den Verstand regieren, stelle ich mir extrem unangenehm vor. Es gibt ja auch negative Gefühlswallungen, Hass, Wut, Ärger, solche Sachen. Der Verstand wirkt da manchmal als Bremse. Das Kind, welches ein anderes Kind auf dem Schulhof verprügelt, hört einfach nur auf die Stimme seines Gefühls.

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar ("Der kleine Prinz", Seite 93)

Es ändert nichts, wenn Sie das Wort "Gefühl" vermeiden und stattdessen "Affekt" oder "Emotion" sagen. Sprache ist zwar auch oft ein Mittel, Dinge zu verbergen. Gefühle aber sind ebenfalls zur Vortäuschung falscher Tatsachen gut geeignet. Falsche Tränen, so was gibt es auch. Und dann gibt es auch noch das banale Gefühl, zum Beispiel das eines Kabarettisten: "Ich habe das Gefühl, wir sollten mal wieder grillen."

"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Das ist der bekannteste Spruch aus dem Kleinen Prinzen , selbstverständlich auch im Adventskalender enthalten. Wie die meisten anderen Weisheiten wird auch diese mehrfach in paraphrasierter Form wiederholt, etwa auf Seite 105: "Aber die Augen sind blind. Man muss mit dem Herzen suchen." Oder auf Seite 112: "Was wichtig ist, sieht man nicht."

Für Fehler ist immer der Kopf zuständig

Der Satz würde einleuchten, wenn er doch nur nicht das "nur" enthielte – nur, ohne das "nur" stimmt der Rhythmus des Satzes nicht mehr. Auch die Aussage "Mit dem Herzen sieht man besser" birgt Sinn. Das ZDF, mit seinem Copyright auf "Mit dem Zweiten sieht man besser", gab es damals ja noch nicht.

Mit dem Herzen sieht man gut: Das deckt sich mit der Lebenserfahrung aller Leute, die ich gefragt habe, sofern man für das verschwommene "Herz" das etwas präzisere Wort "Gefühl" einsetzt, was dem gefühlsverliebten Autor E. sicher nicht unrecht wäre, oder auch das Wort "Intuition".

Nein, am besten ist wohl "Bauchgefühl". Mir ging es so, dass ich bei fast allen wichtigen Lebensentscheidungen auf das Bauchgefühl gehört habe, es hat immer recht behalten.

Daran ist nichts Geheimnisvolles. Der Psychologe und Autor Bas Kast hat ein Standardwerk dazu geschrieben, es heißt Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft . Wenn wir etwas Schwieriges zu entscheiden haben, nimmt unser Unterbewusstsein eine Sortierung und Gewichtung der verschiedenen Argumente vor, fast wie ein Computerprogramm, und liefert uns in Form des "Bauchgefühls" ein Ergebnis, das wir sofort überzeugend finden, kein Wunder, wir haben es selbst hergestellt.

Ein neuer Job winkt: Für den Job sprechen das viel bessere Gehalt und die höhere Position, gegen den Job sprechen die nicht sehr attraktive Stadt und die Tatsache, dass ich zu meiner Familie pendeln muss. In solch einem Fall kommt es sehr darauf an, wie wichtig der jeweiligen Person ihr Wohnort ist, wie wichtig ihr ein hohes Gehalt ist und so weiter, die Pro- und Contra-Argumente müssen individuell und auf ziemlich komplexe Weise abgewogen werden. Ihr Gewicht kennt unser Unterbewusstsein am besten. Es bekommt die Argumente vom Verstand geliefert und arbeitet dann an der Lösung, auch während wir schlafen.

Gefühl und Verstand sind also nicht sauber voneinander zu trennen, sie arbeiten als Team. Das Bauchgefühl ist allerdings nicht unfehlbar. Wie könnte es auch? Die neue Stadt kann viel grausliger sein, als wir es uns ausgemalt haben, neue, vorher unbekannte Faktoren können auftauchen, etwa ein unsympathischer Kollege, der uns täglich gegenübersitzt und den wir nun anschauen müssen. Interessanterweise pflegen wir aber Fehlentscheidungen fast nie unserem Bauch anzukreiden. Wir sagen dann: "Ich habe einen Fehler gemacht." Unter "ich" verstehen wir den bewussten Teil unserer Persönlichkeit.

Mit anderen Worten, der Bauch ist fein raus. Für Fehler ist immer der Kopf zuständig, nie der Bauch.

Wenn das Herz immer richtig sehen würde, dann würden die Menschen sich nie in den Falschen oder die Falsche verlieben. Was aber den zweiten Teil des Spruches betrifft, so rate ich allen Autofahrern, diesen zu verwenden, wenn man von der Polizei beim Überfahren einer roten Ampel ertappt worden ist. "Wissen Sie, Herr Wachtmeister, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man muss mit dem Herzen sehen."

"Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig." Dieser Spruch, im Buch auf Seite 93 und ebenfalls weit oben in der Hitparade der Fans, stammt von einem Fuchs, den der kleine Prinz ebenfalls in der Wüste trifft und mit dem er eines seiner wichtigsten Gespräche führt. Der Fuchs und die Rose gehören, neben dem Erzähler, der Schlange und einem Schaf, zu den zentralen Metaphern, sie spielen tragende Nebenrollen. Die Rose wird von Interpreten übrigens für ein Sinnbild der damaligen Lebensgefährtin Saint-Exupérys gehalten. Sie ist schön, aber sie ist auch eingebildet und empfindlich, außerdem hat sie Dornen – jeder kennt solche Menschen.

In einem modernen Beziehungsfilm würde der Satz, gesprochen von einem der Protagonisten, etwa so lauten: "Weißt du, ich habe wahnsinnig viel in unsere Beziehung investiert."

Es stimmt, dass der Faktor Zeit eine Beziehung wichtiger macht, in vielen Fällen auch stabiler, Bindungen wachsen et cetera, ersparen Sie mir die Details. Aber wieso ist diese Zeit "verloren"? Über das Wörtlein "verloren" bin ich gestolpert. Ist diese Sicht nicht ziemlich ichbezogen? Sollte die Liebe, im idealen Fall, um den es hier geht, sich nicht selbst genügen? Jesus wäre dieser Satz jedenfalls nicht unterlaufen.

Manchmal zeigt auch Saint-Exupéry seine Dornen, zum Beispiel im Buch auf Seite 28: "Wenn es sich um eine schädliche Pflanze handelt, muss man die Pflanze beizeiten herausreißen, sobald man erkannt hat, was für eine es ist." Das könnte beinahe von Thilo Sarrazin stammen.

Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig ("Der kleine Prinz", Seite 93)

Antoine de Saint-Exupéry ist selber bestimmt auch kein einfacher Partner gewesen. Dies geht aus folgendem Satz über die Rose hervor: "Man darf den Blumen nicht zuhören, man muss sie anschauen und einatmen."

Den Frauen nicht zuhören, sondern sie nur anschauen und mit ihnen das tun, wofür die Metapher "einatmen" steht, dies entspricht wohl am ehesten der Lebensphilosophie des Playboys Rolf Eden, der – fürchte ich – immer nur so tut, als höre er seinen Rosen zu.

"Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast", steht beim Kleinen Prinzen auf Seite 95. Der Fuchs äußert sich so, nachdem er den Prinzen darum gebeten hat, ihn zu "zähmen", was sich, neben anderen möglichen Deutungen, als eine Metapher für den Beginn einer Beziehung verstehen lässt. Von allen Sätzen im Kleinen Prinzen mag ich diesen am meisten und verteidige ihn am ehesten. Ich finde, es ist ein Satz gegen moderne Wegwerfbeziehungen, die per SMS beendet werden, und, nun ja, eben für Verantwortung.

Dass man zum Beispiel für ein Kind zeitlebens Verantwortung trägt, wird den meisten einleuchten, auch, dass diese Verantwortung weitgehend unabhängig ist vom Verhalten des Kindes. Der christliche Gedanke der Nächsten- und sogar der Feindesliebe enthält allerdings eine deutlich größere Zumutung als dieser kleine Satz, der verlangt, Verbindlichkeiten einzuhalten. Klare Trennungen können manchmal eine echte Erleichterung sein. Der modische, von ferne an den Prinzen erinnernde Satz "Lass uns Freunde bleiben" am Ende einer Beziehung stellt meistens doch bloß eine Mischung aus Feigheit und Höflichkeit dar.

Trotzdem ist das mit der lebenslangen Verantwortung ein schöner Satz. Ein schönes Ziel, das, wie üblich, selten erreicht wird. Theoretisch müsste die Bindung zu den eigenen Eltern ebenso bedingungslos sein wie die zu den eigenen Kindern. Da fallen einem aber rasch massenweise Gegenbeispiele ein. Und: Muss ein Kind etwa auch dann zu den Eltern stehen, wenn es von ihnen missbraucht oder misshandelt worden ist?

Was mich an diesem Satz stört, ist nicht das Utopische, sondern das Unbedingte. Er geht von einer heilen Welt aus, in der nichts geschehen kann, was jede Verpflichtung – und zwar jede – zunichte macht.

Saint-Exupéry hat die Bibel neu geschrieben

"Ich kann diesen Leib nicht mitnehmen. Er ist zu schwer", heißt es im Kleinen Prinzen auf Seite 116. Und: "Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein." Gegen Ende des Buches mehren sich die biblisch inspirierten Passagen, der kleine Prinz fährt sogar zuletzt, wie Jesus, zum Himmel auf.

In der Bibel heißt es: Jesus legt "seinen fleischlichen Leib ab" (Brief des Paulus an die Kolosser, Kapitel 2, Satz 11). Und: "Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig" (Offenbarung, Kapitel 1, Satz 18).

In gewisser Weise hat Antoine de Saint-Exupéry tatsächlich die Bibel neu geschrieben, eine Bibel ohne Gott, für die postchristliche Gesellschaft. Ein Wunder, dass sich nie eine Kleiner-Prinz-Kirche gegründet hat, die Prinzianiter oder die Heiligen des kleinen Schafs.

Das neue Jesuskind steigt hinab auf die Erde, es ist, wie sein Vorbild, frei von Sünde: "Du bist rein, du kommst von einem Stern", sagt die Schlange auf Seite 79. Es verkündet seine Botschaft, darunter mehrere Gebote. Es offenbart sich einem Jünger, verkörpert durch den Erzähler. Es wirkt Wunder, spricht mit Schlangen, findet Brunnen in der Wüste, wobei das Wasser durchgängig als Metapher für Erkenntnis Verwendung findet.

Den Prinzen dürstet, wie Jesus am Kreuz. "Danach, als Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er: Mich dürstet", heißt es im Johannesevangelium.

"›Ich habe Durst nach diesem Wasser‹, sagte der kleine Prinz, ›gib mir zu trinken...‹ Und ich verstand, was er gesucht hatte. Ich hob den Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen Augen." Das steht auf Seite 105 im Kleinen Prinzen .

Dieser Jesus aber hat keinen Vater, er wird niemals erwachsen und wird auch nicht von den Menschen hingerichtet. Er bleibt ein ewiges Kind.

Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast ("Der kleine Prinz", Seite 95)

Aber Kinder sind nun mal keine Heiligen. Der kleine Prinz opfert sich deshalb auch nicht, wie sich Jesus, aus christlicher Sicht, für die Sünden der Menschen geopfert hat. Außer seinen Weisheiten hat er nichts im Gepäck. Er bringt sich um. Er erlöst sich also höchstens selbst – von den großen Leuten und ihren Dummheiten. Er lässt sich von der Schlange beißen und kehrt auf seinen Planeten zurück, dorthin, wo die schöne Rose auf ihn wartet.

Den Erzähler aber, den er sich vertraut gemacht hat und für den er – so lehrte es ihn und uns der Fuchs – zeitlebens verantwortlich wäre, lässt er allein in der Wüste zurück. Es geht halt nicht anders: Manchmal muss man sich entscheiden. Der Prinz kann nicht gleichzeitig seiner Rose und seinem neuen Freund die Treue halten. Beim kleinen Prinzen klafft zwischen den Reden und den Taten ein Widerspruch, ähnlich wie beim Bundespräsidenten.

Der Gedanke der Erlösung taucht in allen Religionen auf. Die individuelle Selbsterlösung auf Erden aber, im laufenden Betrieb sozusagen, durch ein wie auch immer geartetes "richtiges Leben" ist eine Idee, die in den siebziger Jahren besonders populär wurde.

In den sechziger und siebziger Jahren hatte es im Westen einerseits die Renaissance des Marxismus gegeben, des strengen theoretischen Denkens, der Gesellschaftskritik. Beim Kommunistischen Bund, in den marxistischen Gruppen oder beim MSB Spartakus, so hießen damals die beliebten Jugendklubs, waren intensive Gefühle, ein empfindsames Gemüt und gelebte Spiritualität für das Fortkommen eher hinderlich. Das waren, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, knallharte Männerbünde.

Ungefähr gleichzeitig setzte aber, wie so oft, auch schon die Gegenbewegung ein, mit den Hippies, mit den angeblich bewusstseinserweiternden Drogen, mit Büchern wie Die Möwe Jonathan , Der Papalagi , Filmen wie Koyaanisqatsi oder eben dem Kleinen Prinzen . Die einen schauten auf die Gesellschaft und suchten kollektive Erlösung in der Revolution, die anderen schauten lieber in sich hinein. Der eine Weg konnte zum Beispiel ins deutsche Außenministerium führen, der andere Weg führte vielleicht nach Poona.

Viele Leute aber tanzten erst mal gleichzeitig auf beiden Hochzeiten. Für den Kopf las man Adorno und Horkheimer, für den Bauch ist der Kleine Prinz zuständig gewesen. Der Kleine Prinz war eine Möglichkeit, religiöses Denken zuzulassen, ohne es vor sich selbst zugeben zu müssen.

Wenn man diese sogenannten Kultbücher der siebziger Jahre vergleicht, glaubt man manchmal, die gleiche Stimme zu hören. Die Möwe Jonathan sagt: "Es gelingt immer wieder, wenn du genau weißt, was du willst." Oder: "Am weitesten sieht, wer am höchsten steigt." Das ist natürlich spirituell gemeint, nicht karrieretechnisch. Sogar der kleine Prinz könnte es schwurbeliger nicht ausdrücken.

Der Papalagi lehrt, im Kapitel Die schwere Krankheit des Denkens : "Wenn einer viel und schnell denkt, sagt man in Europa , er sei ein großer Kopf. Statt mit den großen Köpfen Mitleid zu haben, werden sie besonders verehrt." Die großen Köpfe sind beim Papalagi ungefähr das, was beim Prinzen die großen Leute sind.

Die Möwe Jonathan von Richard Bach erschien 1970, der Papalagi kam schon 1920 heraus. Verfasser dieser fiktiven Rede eines Häuptlings an sein Südseevolk war der deutsche Autor Erich Scheurmann. Gemeinsam ist diesen Büchern, neben der jesuanischen Grundmelodie, ihre zivilisationskritische Botschaft. Wobei vor allem der Papalagi zusammen mit der Zivilisation auch die Intellektuellen verdammt, obwohl doch gerade die Intellektuellen bei der Zivilisationskritik oft an vorderster Front zu finden sind.

So schlimm ist die Bildung der großen Leute auch wieder nicht, zumindest nicht immer. Wie soll man ohne sie jemals aus der Unmündigkeit herausfinden? Und welchen Sinn hat es, sich von der Religion zu verabschieden, wenn man an ihre Stelle einen so unzuverlässigen Kompass setzt wie das eigene Gefühl?

Ist das Kitsch?

Der kleine Prinz gehört zu den Büchern, auf die alle sich irgendwie einigen können, weil sie niemandem etwas zumuten und weil sie ihre Allerweltsbotschaften unter einem feuchtwarmen Nebel des scheinbaren Tiefsinns verstecken – eine Kinderbibel für Erwachsene, aus der alle unerfreulichen Dimensionen wie Sünde, Verdammnis oder Qual getilgt sind. Und das perfekte Buch für die spätestens seit den Siebzigern heraufdämmernde Ego-Gesellschaft. Wir fassen einander, wenn der Mond im siebten Hause steht, an den Händen und haben uns lieb – uns, das heißt jeder sich selber.

Mahatma Gandhi hat einmal die sieben Todsünden der kapitalistischen Gesellschaft aufgezählt: Politik ohne Prinzip, Wohlstand ohne Arbeit, Handel ohne Moral, Vergnügen ohne Gewissen, Erziehung ohne Charakter, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opfer. Demnach passt der Kleine Prinz ganz gut in unsere kapitalistischen Zeiten.

Bei der wiederholten Lektüre des Kleinen Prinzen ist mir aber noch eine andere Frage immer wieder in den Kopf gekommen, ich kann sie bis heute nicht befriedigend beantworten: Was genau ist eigentlich "Kitsch"? Die Antwort darauf kann nur subjektiv sein. Es gibt die verschiedensten Ansichten. Manche sagen: Man erkennt Kitsch, wenn man ihn sieht. Das finde ich zu einfach.

Ein paar Hinweise auf Kitsch gibt es vielleicht doch. Verniedlichung ist zum Beispiel ein starkes Kitsch-Indiz, also eine verniedlichte Bibel wäre garantiert Kitsch. Die Verwendung des Kindchenschemas zum Zwecke der Produktion von Sentimentalität – garantiert Kitsch. Stereotype und Klischees, etwa das unschuldige Kind, das Schäfchen und die Sternlein, die schöne Rose, Sätze wie "Er schüttelte sein goldenes Haar im Wind" (Seite 34): ganz, ganz schwerer Kitsch.

Kitsch hat, bei allen Unterschieden, eine Gemeinsamkeit mit der Religion, insofern, als er über den unguten Zustand der Welt hinweghilft. Kitsch entwirft eine heile Gegenwelt, sozusagen ein Paradies. Der strenge Theodor Adorno meinte deshalb, Kennzeichen des Kitsches sei seine "dümmlich tröstende" Wirkung.

"Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein..." ("Der kleine Prinz", Seite 116)

Damit will ich nicht sagen, dass Tröstendes, Sentimentales, auch Dümmliches nicht ihren legitimen Platz auf der Welt hätten, das wäre ja furchtbar. Eine Welt ohne Schlager, ohne Fernsehfilme, in denen sie sich am Ende kriegen, ohne Bilder von röhrenden Hirschen und ohne goldenes Haar, das im Wind geschüttelt wird, wäre zweifellos um vieles ärmer. Das Gleiche gilt für Sterne, die Kindern zu trinken geben. Bei Kinderliteratur gelten sowieso andere Maßstäbe, man muss den Kindern nicht ständig den unheilen Zustand der Gesellschaft und all diese hässlichen Dinge unter die Nase reiben, das finden sie schon früh genug selber heraus. Die Verlogenheit, sie lebe hoch, nur – große Kunst ist das nicht unbedingt.

Auffällig ist, dass sich auf den hinteren Seiten ein bestimmtes Stilmittel, das Saint-Exupéry offenbar sehr mag, auf ähnlich wundersame Weise vermehrt wie die Brote und die Fische unter den Händen Christi. Es sind die drei mysteriösen Punkte, meist am Ende eines Satzes, manchmal auch mittendrin.

"Alle Sterne werden mir zu trinken geben..."

"Und auch er schwieg, weil er weinte..."

"Du weißt... meine Blume... ich bin für sie verantwortlich!"

"Hier... Das ist alles..."

Und so weiter. Auf fünf Seiten, von 113 bis 120 (zwei davon sind Illustrationen) werden die drei Punkte genau 35 Mal zum Einsatz gebracht. Zählen Sie ruhig nach...

Drei Punkte stellen den Versuch dar, einen Satz mit einer schwebenden Bedeutung aufzuladen, Bedeutung, die der Autor mit Bordmitteln nicht hat beschaffen können. Ich kann es nicht ausdrücken, also deute ich es zwischen den Zeilen an. Diese Methode gilt nicht unbedingt als Ausweis stilistischer Meisterschaft, eher als das Gegenteil.

Bei Saint-Exupéry passt es insofern, als er ja wieder und wieder die Auffassung vertritt, dass man, nicht wahr, die wichtigen Dinge ohnehin nicht erkennen kann, jedenfalls nicht mit dem Auge und dem Verstand, eine Position, die – und das sage ich jetzt bloß fürs Protokoll, nicht als Vorwurf – antiaufklärerisch und antirational ist. Aber, was soll’s. Ich habe bestimmt mal wieder das Wesentliche übersehen. Dies mögen mir alle kritischen Leser zugute halten – der kleine Prinz hätte für all meine Irrtümer Verständnis:

"Was wichtig ist, sieht man nicht..."

"Gewiss..." (Seite 112)

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