Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Es ist kalt in Tokyo . Der Verkehr auf den Stadtautobahnen fließt stockend und träge vor sich hin. Der Mond steht am Winterhimmel und sieht aus wie ein Häufchen weiße Asche. Das Liebespaar Tengo und Aomame hat sich endlich gefunden. Zwanzig Jahre haben sie nacheinander gesucht und aufeinander gewartet. Jetzt stehen sie nach ihrer ersten Liebesnacht in der Juniorsuite eines Tokyoer Hotels in weißen Hotelbademänteln, halten sich an der Hand und sehen in den Himmel. Sie wollen sich nie wieder trennen.

Liebe, die glückt, gibt es entweder im Leben oder im Trivialroman. Im anspruchsvollen literarischen Segment trifft man sie selten. Wer für einander bestimmt ist, verfehlt sich im gehobenen Liebesroman mit großer Wahrscheinlichkeit, scheitert, kommt zu früh, zu spät, verstrickt sich in den Schlingen gesellschaftlicher Zwänge und der eigenen Wünsche. Es gibt viele ergreifende Liebesromane, aber kaum eine Ausnahme von der Regel, dass sie unglücklich zu enden haben, um literarisch zu reüssieren.

Haruki Murakamis großes 1.500-Seiten-Epos 1Q84 , dessen dritter Teil jetzt auf Deutsch erschienen ist, verletzt nicht nur diese Konvention. Murakami bricht mit beinahe allen Gepflogenheiten hochliterarischer Raffinesse und schreibt einen meisterhaften Kolportageroman, dessen kalt kalkulierter Sentimentalität man sich kaum entziehen kann.

Wir kennen das Liebespaar Tengo und Aomame schon aus dem im letzten Jahr erschienenen Band , der die ersten beiden Teile des Mammutromans enthielt. Beide Helden sind Anfang dreißig, ledig, einsam bis autistisch, diszipliniert bis eisern kontrolliert, deutlich unterhalb ihrer Leistungsgrenze beschäftigt, der eine als Aushilfslehrer und Schriftstelleraspirant, die andere als Fitness- und Stretchingspezialistin. Sie sind das großstädtische Allerweltspaar unserer Zeit, dessen Sekundärtugenden der Sprit sind, der die Welt, die wir kennen, am Laufen hält. Als Kinder haben sie sich einmal in einer Weise die Hand gehalten, die keiner von beiden vergessen konnte. Eine Geste der Solidarität zwischen zwei Außenseitern, deren Eltern die Gesetze der Leistungsgesellschaft auf je eigene Weise tragisch übererfüllten. Tengos Vater war ein fanatisierter Gebühreneintreiber bei der japanischen Fernsehgebührenzentrale, der säumige Zahler mit Faustschlägen und Geschrei zur Raison brachte. Aomames Eltern zogen als glühende Handelsvertreter der Zeugen Jehovas mit der Tochter von Tür zu Tür.

Vor dieser Burleske frühkapitalistischen Übereifers flohen die coolen Kinder der Nachkriegsgeneration zu Beginn der achtziger Jahre in ein reptilienartiges Singledasein mit minimalen Ausschlägen. Tengo und Aomame leben in einer Bewegungsstarre und klinischen Aufgeräumtheit, die nicht nur ihre eigene, sondern die einer ganzen Epoche zu sein scheint. Um sie brodelt die Stadt, treibt der Autoverkehr von einem Kollaps zum nächsten, werden Intrigen gesponnen und Geschäfte getätigt – sie sitzen in ihren gesichtslosen Wohnblocksilos in meditativer Einzelhaft ihr Leben ab, als sei es ohnehin schon vorbei. Lebende Tote, die keine Freunde und keine Familie haben und sich die ereignislose, lange Zeit ihrer leeren Tage mit Supermarkteinkäufen und Muskelstretching verkürzen.

Murakami zeichnet die japanische Gesellschaft als ein gigantisches Kühlhaus, dessen tiefgefrorene Insassen ihr wunschloses Unglück kaum noch bemerken. Doch mit Zivilisationskritik und ähnlichen Unannehmlichkeiten hält sich der 62-jährige Autor nicht weiter auf. Er wollte, so war in der New York Times zu lesen, eine "verständliche Geschichte" schreiben. Etwas in der Klasse der Brüder Karamasow , die er schon vier Mal gelesen hat. Einen Megaroman, der alles zugleich ist, Volksbuch, Romanze, Bibel, Epos und Fabel.

Ein solches Überbuch ist in der Gegenwartsliteratur in den üblichen Abteilungen des zeitgenössischen Realismus kaum denkbar. Deswegen ist Murakami auf eine literarische Sonderabteilung ausgewichen: das Märchen. In das Märchen steigt Aomame zu Beginn des ersten Bandes wie auf einer Himmelsleiter hinauf, als sie auf einer Tokyoer Autobahn eine Notfalltreppe benutzt, um einem endlosen Stau zu entkommen. Die um wenige Dioptrien verschobene Parallelwelt, die sich jenseits der Treppe auftut, ähnelt unserer Welt aufs Haar. Doch scheinen in ihr zwei Monde und breitet sich über die üblichen Zufälle und Sinnlosigkeiten des Lebens ein warmer Mantel der Notwendigkeit und spirituellen Weitsicht. "Little People", eine mainzelmännchenartige Geisterschar, spinnen in dieser schaurig-schönen Nebenwirklichkeit die Schicksalsfäden. "Stimmen" aus überirdischen Sendegebieten wollen sich Gehör verschaffen. Eine an die Aum-Sekte erinnernde spirituelle Gruppe jagt nach Empfängern für übersinnliche Botschaften. Über die Geschicke des Romans wurde angeblich auf anderen als den bekannten Wirklichkeitsfrequenzen schon entschieden. "Die Little People", sagte Murakami der New York Times , "kamen plötzlich" und machten ihn zum Gefangenen der Geschichte, dem keine Wahl mehr blieb. "Sie kamen, und ich beschrieb das." Der Himmel – das ist das Spiel, das dieser Roman spielt – ist manchmal noch so offen wie in alten Menschheitstagen.