Wer die Mühe auf sich nimmt, in diesen Tagen Internetforen zur Wirtschaftskrise zu durchforsten, wird eine interessante Entdeckung machen: Für den größten Unmut sorgen nicht die schier unglaublichen Beträge, die in den Markt gepumpt oder in diversen Rettungsfonds bereitgestellt werden – für Empörung sorgt vor allem, wer sie erhält: die Banker, die lange abgesahnt haben und jetzt in die Pleite rutschen. Die Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt haben und jetzt nicht mehr an frisches Geld kommen. Die Hausbesitzer, die zu viele Kredite aufgenommen haben und jetzt ihre Schulden nicht mehr bedienen können.

Fehlverhalten wird belohnt statt sanktioniert – das ist seit fünf Jahren die Grunderfahrung der westlichen Gesellschaften. Die um sich greifende Rettungsmüdigkeit erschließt sich nur, wenn nicht nur die monetäre, sondern auch diese moralische Dimension der Krise in den Blick genommen wird.

Man kann sich ihr mit einem Konzept aus der Psychologie nähern: dem Phänomen der kognitiven Dissonanz. Es bezeichnet den Widerspruch zwischen der Vorstellung, die wir uns von der Welt machen, und dem tatsächlichen Lauf der Dinge. So wie in der Fabel von dem hungrigen Fuchs und den Reben, die an einer Mauer emporwachsen. Der Fuchs springt immer wieder hoch und schnappt nach den Trauben, bekommt sie aber nicht zu fassen, und dieses Scheitern passt nicht zum Selbstbild des Tieres, das gewohnt ist, zu bekommen, was es will. Nicht viel anders als dem Fuchs ergeht es den Menschen in den Industrienationen.

Kern aller westlich-individualistischen Gerechtigkeitsvorstellungen ist das tief im abendländischen Denken verankerte Prinzip der Eigenverantwortung : Jeder ist für die Folgen seiner Handlungen verantwortlich. Die Zusammengehörigkeit von Risiko und Haftung ist das Fundament des Kapitalismus. Erst dadurch wird der Markt in die Lage versetzt, individuelles Gewinnstreben in Gemeinwohl zu transformieren. "Investitionen werden umso sorgfältiger gemacht, je mehr der Verantwortliche für diese Investitionen haftet. Nur bei fehlender Haftung kommt es zu Exzessen und Zügellosigkeit", schrieb der Freiburger Ökonom Walter Eucken, einer der Vordenker der sozialen Marktwirtschaft in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und noch heute würden das die meisten Volkswirte so formulieren.

Jeder ist für die Folgen seines Handelns verantwortlich – das diszipliniert aber nicht nur, es motiviert auch. Wenn ich weiß, dass sich mein Einsatz auszahlt, strenge ich mich an. Das Prinzip der Eigenverantwortung ist also Zuckerbrot und Peitsche einer freien Wirtschaftsordnung. Die uneingeschränkte Solidarität aller mit allen hingegen würde die Anreizsysteme des Kapitalismus zerstören – und damit diesen selbst.

Weil dieser Imperativ der Marktwirtschaft und die in der Gesellschaft vorherrschende Gerechtigkeitsvorstellung so gut zueinanderpassen, wurde der Ruf nach mehr Eigenverantwortung zum Leitmotiv der öffentlichen Begleitmusik für die wirtschaftsliberalen Reformen seit den achtziger Jahren. Das Verantwortungsprinzip ist so noch tiefer im kollektiven Bewusstsein und in der Lebenswelt der Menschen verankert worden. Wenn die Arbeitslosenunterstützung und die Förderung der beruflichen Weiterbildung gekürzt werden, kann eine Fehlentscheidung bei der Berufswahl existenzielle Folgen haben. Für die Akzeptanz einer solchen Ordnung ist es unabdingbar, dass ihre Regeln für alle gelten. Jeder kann es schaffen, aber jeder kann auch scheitern.

Am weitesten getrieben haben es, wie so oft, die Amerikaner. In einer öffentlichen Debatte stellte der Fernsehmoderator Wolf Blitzer dem republikanischen Präsidentschaftsbewerber Ron Paul kürzlich die Frage, wie die Gesellschaft mit einem jungen Mann umgehen solle, der es nicht für nötig erachtet habe, eine Krankenversicherung abzuschließen, und nun im Koma liege. Der Mann müsse Verantwortung für sich selbst übernehmen, antwortet Ron Paul. Blitzer fragt nach, ob das bedeute, dass die Gesellschaft ihn sterben lassen solle. "Ja!", grölt das Publikum.