Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens – in Madala, einem Vorort der nigerianischen Hauptstadt Abuja, verwandelte es sich binnen Sekunden in ein grausiges Inferno. Als die Gläubigen nach der Weihnachtsmesse die katholische St.-Theresa-Kirche verließen, warfen drei Unbekannte Sprengsätze in die Menge. Mindestens 40 Menschen starben , über 100 wurden verletzt.

Zu den Anschlägen hat sich die Terrorgruppe Boko Haram bekannt. Der Name bedeutet in der Sprache der Haussa: "Westliche Erziehung ist Sünde". Dahinter steckt eine fanatische Sekte mit circa 400 Mitgliedern, die in Nigeria eine islamische Theokratie herbeibomben wollen. Nahezu 500 Menschen soll Boko Haram allein in diesem Jahr getötet haben. Besonders verheerend waren die Anschläge auf das nigerianische Polizeihauptquartier und auf das Büro der Vereinten Nationen im Sommer und auf öffentlichen Plätzen in den nördlichen Bundesstaaten Borno und Yobe Anfang November.

Mit der Bluttat von Madala löste Boko Haram erstmals weltweit Entsetzen aus. Kommentatoren sprachen sogleich von einem Jahr der Christenverfolgung und riefen den Anschlag auf die koptische Kirche in Kairo in der Neujahrsnacht 2010/11 ins Gedächtnis. Doch Boko Haram attackiert nicht nur Kirchen, sondern geht auf alles und alle los: auf Polizeiwachen und Militärkasernen, auf liberale Imame und vermeintlich häretische Theologen, auf unverschleierte Frauen, auf Männer, die Fußballspiele anschauen und Alkohol trinken. Boko Haram fordert die Anwendung der Scharia, die bereits in 15 von 36 nigerianischen Bundesstaaten gilt, im ganzen Land – und zwar in einer drakonischen Auslegung. Unter Muslimen schürt die Gruppe den Verdacht, dass eine mächtige Christenmafia im Süden den Ölreichtum des Landes unter sich aufteile. Mit Terror gegen das einfache Volk will Boko Haram einen Umsturz herbeiführen. Die häufigste Methode sind nicht Bomben, sondern drive-by shootings: Auf Motorrädern rasen die Killer durch die Straßen und schießen wahllos auf die Besucher von Biergärten, Gottesdiensten oder politischen Versammlungen.

Die These von der gezielten Christenverfolgung lässt sich also leicht widerlegen und bleibt doch populär. Denn der islamistische Terror im Norden Nigerias passt gut in die Vorstellung von e inem Glaubenskrieg zwischen Islam und Christentum , ja von einem unabwendbaren Kampf der Kulturen, der aus den Krisenzonen in alle Welt getragen werde. Nigeria scheint alle Zutaten für diesen Konflikt zu liefern: ein großes, ölreiches, miserabel regiertes Land mit 158 Millionen Einwohnern, in dem die Armut so schnell wächst wie der Fanatismus und die Feindseligkeit zwischen Christen (48 Prozent) und Muslimen (50 Prozent). Seit der Jahrtausendwende häufen sich die blutigen Zusammenstöße, die genaue Zahl der Opfer ist unbekannt, von mehreren Tausend Toten ist auszugehen. Eine verhängnisvolle Spirale religiöser Gewalt und Gegengewalt, die offenbar niemand mehr zurückdrehen kann. So scheint es. Die Wirklichkeit ist komplizierter.

Man muss sich nur anhören, wie gemäßigte Kräfte aus beiden Lagern über die Ursachen reflektieren, zum Beispiel bei einem Diskussionsabend in Kaduna, einer Großstadt im Herzen des Landes, die längst in christliche und muslimische Viertel zerfallen ist. Sämtliche Teilnehmer – Akademiker, Religionsvertreter, Frauenrechtlerinnen – waren sich einig über die Hauptfaktoren der Krise: den täglichen Überlebenskampf einer schnell wachsenden, verarmten Bevölkerung; die Verteilungskonflikte um knappe Ressourcen, um Ackerland, Weiden, Wasserstellen und Brennholz; die ethnische Gemengelage; die Migration von Umweltflüchtlingen, die den Siedlungsdruck in fruchtbareren Regionen erhöhen; schließlich das Versagen der Regierungselite, die Milliarden von Petro-Dollar veruntreut.