"Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden" – dieser Kernsatz aus Friedrich Dürrenmatts Theaterstück Die Physiker ist eine zweischneidige Warnung. Er mahnt Forscher an ihre Verantwortung. Und an ihre Ohnmacht.

Er gilt bis heute, auf Physiker beschränkt ist er längst nicht mehr.

Ein Streit über nicht mehr Rücknehmbares ist am Jahresende unter Mikrobiologen entflammt. Unabhängig voneinander hatten zwei Forschergruppen – eine in Rotterdam und die andere an der University of Wisconsin in Madison – etwas höchst Heikles herausgefunden: Nämlich, welche vergleichsweise geringfügigen Veränderungen ausreichen, um den Vogelgrippeerreger H5N1 so infektiös zu machen wie einen ordinären Schnupfen .

Wir erinnern uns: Das Virus H5N1 hielt 2006 die Welt in Atem, weil es mehr als die Hälfte aller infizierten Menschen tötete. Erfreulicherweise stellte sich der Erreger aber als nicht besonders ansteckend heraus. Nun gibt es also im Labor eine aufgemotzte Killerversion von H5N1. Diese Experimente können zu neuen Impfstoffen führen, unumstritten sind sie nicht: Soll man, darf man so etwas tun (ZEIT Nr. 49/2011) ?

Zumindest darf man nicht die sensiblen Details herausposaunen , findet das National Science Advisory Board for Biosecurity (NSABB), ein Expertengremium, das die US-Regierung einberufen hat, um über Fälle zu beraten, in denen Forscher ihre Einsichten vielleicht besser für sich behielten. Als das Gremium gegründet wurde, stand die Welt unter dem Eindruck des 11. September, kurz darauf hatten Briefe voller Milzbrandsporen Angst verbreitet. Die Frage drängte sich auf: Könnte der nächste Terroranschlag mit biologischen Waffen erfolgen? Gar mit manipulierten Erregern aus dem Labor?

Damit Fachaufsätze nicht als Anleitungen dafür dienen, berät das NSABB seit 2005 über Fälle von dual use , nämlich "biologische Forschung mit legitimer wissenschaftlicher Fragestellung, die missbraucht werden und ein Risiko für die nationale Sicherheit darstellen könnte". Im Fall der Forschung zu dem Super-H5N1 befürchtet der Rat das tatsächlich. Von den zwei renommiertesten naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften, Science und Nature, verlangt das NSABB nun , die Aufsätze zum scharf gemachten H5N1 vor der Veröffentlichung um wichtige Details zu kürzen . Nachvollziehbarkeit und Transparenz sind Grundfesten der Wissenschaft – Kürzung bedeutet Selbstzensur. Das gab es noch nie.

Die Angelegenheit ist nicht nur ein Präzedenzfall für die Biowissenschaft. Lange war das Problem einer doppelten Verwendbarkeit auf das überschaubare Feld atomarer Aufrüstung beschränkt. Dual use stand in der Exportkontrolle für Wissen und Gerät, die zum Bau von Kernwaffen zweckentfremdet werden könnten. Etwa Hochleistungszentrifugen, die in der pharmazeutischen Industrie eingesetzt werden, aber auch der Anreicherung von Uran dienen können. Aber was ist heute nicht dual-use? Etwa in der IT, wo immer ausgefeiltere Netzwerkausrüstung die Welt zum Dorf macht, es gleichzeitig aber auch jedem Despoten erlaubt, das Internet zu filtern und seine Bürger zu gängeln. Die Logik der Doppelverwertung ließe sich beliebig weiterdenken: in Robotik, Flugzeugbau, Chemie, Verfahrenstechnik...

Das gefährliche Wissen um das H5N1-Virus ist ohnehin längst in der Welt. Schon im Herbst hatten die Rotterdamer Forscher ihre Experimente auf einer Fachkonferenz vorgestellt. Das ist das Dilemma: Jede neue Erkenntnis kann erst im Nachhinein als problematisch erkannt werden. Gedacht ist sie dann schon längst.