1. #FirstWorldProblems – Schlagwort des Jahres

Bürger aus reichen Industrienationen haben es auch nicht leicht. "Ein Kissen ist zu niedrig, zwei sind zu hoch", schreibt ein Twitter-Nutzer unter dem Schlagwort #FirstWorldProblems . Andere monieren, dass sie weit von der Haustür entfernt parken müssten, die iPad-Beleuchtung nachts Mücken anziehe und sich Eiscreme frisch aus dem Kühlfach so schlecht löffeln lasse. Kleinigkeiten, die jeder kennt, über die man beim Kaffee plaudert oder eben im Netz. Keine richtigen Probleme, sondern "ErsteWeltProbleme".

Obwohl es das Schlagwort #FirstWorldProblems bei Twitter schon länger gibt, wurde es erst in diesem Jahr zum richtigen Internettrend: Auf Sprüche folgten virtuelle Postkarten und Musikvideos, in denen es sich nur um solche Alltäglichkeiten dreht. Das könnte man für selbstsüchtig halten: Ausgerechnet in diesem Jahr, in dem die Welt von einer Krise in die nächste schlittert, beschweren sich Tausende über Kleinkram.

Aber wird nicht immer gemeckert? Die Frage ist, wie wichtig man das nimmt. Mit dem Hinweis #FirstWorldProblems machen sich die Meckernden über sich selbst lustig. Niemand, der die Nachrichten über den Arabischen Frühling, die Katastrophe in Fukushima oder den Hunger in Somalia verfolgt, wird über seiner Parkplatzsuche verzweifeln.

Franziska Bulban

Das Video des Jahres

2. Bettler mit Stimme – Video des Jahres

Er sah aus wie ein gewöhnlicher Bettler an einer Straßenkreuzung irgendwo in den Vereinigten Staaten. Aber Ted Williams wollte kein Mitleid, er wollte Arbeit. Auf das Schild, das er den Autofahrern entgegenstreckte, hatte der 54-Jährige seinen Lebenslauf geschrieben: "Ich bin ein ehemaliger Radiomoderator, der auf die schiefe Bahn geraten ist", "Ich habe eine gottgegebene Stimme". Ein Journalist hielt an. "Tu was für dein Geld", sagte er zu Ted Williams und hielt ihm eine Kamera entgegen: "Sag was mit deiner tollen Radiostimme."

Ted Williams’ Stimme war nicht die eines Alkoholikers oder Drogenabhängigen. In einem klaren Bariton improvisierte er eine Ansage, während im Hintergrund der Verkehr rauschte. Der Journalist lud das Video unter dem Stichwort "Golden Voice" im Januar 2011 auf YouTube hoch. Binnen zwei Tagen wurde es 13 Millionen Mal geklickt. Das Fernsehen interviewte Ted Williams, er bekam Werbeverträge, ein Haus, eine Reality-Show.

Den Aufstieg zum Medienstar konnte er zunächst nur schwer verkraften. Zweimal ließ er sich in eine Entzugsklinik einweisen. Heute arbeitet er für einen Nachrichtensender an der Ostküste. Aus der Obdachlosigkeit zurück in Lohn und Brot – fast schon ein amerikanischer Traum.

Alexandra Rojkov

Der Tweet des Jahres

3. Helikopter über Abbottabad – Tweet des Jahres

Am 1. Mai 2011, mittags gegen halb zwölf, teilt das Weiße Haus in Washington mit, Osama bin Laden sei tot. Da wird auch Sohaib Athar aus Abbottabad in Pakistan endlich klar, was sich gerade in seiner Stadt abgespielt hat. Kurz darauf kann er sich vor Medienanfragen nicht mehr retten. Alle wollen den Mann sprechen, der als Erster von jenem Geheimeinsatz amerikanischer Elitesoldaten berichtete, der den meistgesuchten Terroristen und Al-Qaida-Führer das Leben kostete.

Dabei hatte sich Athar nur geärgert, weil er mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden war. Schließlich war der IT-Fachmann extra nach Abbottabad gefahren, um endlich einmal seine Ruhe zu haben. "Helicopter hovering above Abbottabad at 1AM (is a rare event)" – "Helikopter schweben um ein Uhr nachts über Abbottabad (das passiert selten)", twittert er und kurz darauf : "Haut endlich ab, Helikopter, sonst hole ich meine Riesen-Fliegenklatsche."

Es wird eine sehr bewegte Nacht. Im Kurznachrichtendienst entspinnt sich eine Diskussion. Jemand schreibt: "Oh mein Gott: Eine Bombe ist in Abbottabad explodiert." Andere spekulieren: Ein abgestürztes Sportflugzeug? Nach und nach schält sich die Wahrheit heraus: ein Militäreinsatz. So wird ein kleiner Kreis technikbegeisterter Pakistaner für eine Nacht zur schnellsten Presseagentur. Acht Stunden später twittert Athar: "Jetzt bin ich der Typ, der den Angriff auf Osama live gebloggt hat, ohne es zu wissen."

Karsten Polke-Majewski

Das Spiel des Jahres

4. Tiny Wings – Spiel des Jahres

Sein Held ist ein dicker Vogel, sein Schöpfer ein junger Designer, und das Spiel kommt aus Kiel . Der Vogel ist flügellahm. In die Luft gelangt er nur, indem er Hügel hinabrutscht und Schwung holt. Stets sitzt dem kleinen Piepmatz die Nacht im Nacken: Kommt er zu langsam voran, muss er ab ins Nest. Das ist die Handlung. Erfunden hat sie Andreas Illiger, ein Mann mit wuscheligem Haarschopf, Bart und scheuem Blick.

Als Träumer stellt man sich die Programmierer vor, die ihre Apps über die Netzkaufhäuser vertreiben, damit wir sie auf unsere Smartphones laden. Apps verheißen geringen Aufwand und weltweite Verbreitung, und im Falle von Tiny Wings war es auch so: Mitte Februar stellte Illiger das Programm in Apples App Store ein, bald war der 79 Cent teure Spaß in 49 Ländern auf Platz eins. Eine Erfolgsgeschichte.

Aber warum bei 500.000 verschiedenen Apps ausgerechnet dieses Spiel? Weil es so einfach ist! Die Bedienung besteht aus einem einzigen Fingertippen, egal wohin. Weil es so liebevoll gemacht ist! Handgemalt und schnuckelig, aber doch subtil – so ändert sich das Aussehen der Inseln fortwährend. Und weil es meditativ ist! Eine Runde entspannt enorm, egal ob kurz zwischendurch oder immer, immer wieder.

Stefan Schmitt

Die Website des Jahres

5. GuttenPlag – Website des Jahres

Vor dem Auftauchen der Seite GuttenPlag im Februar war nicht ganz klar, was Schwarmintelligenz ist und was sie kann. Danach wussten es alle: Sie ist die Macht der vielen gegen den mächtigen Einzelnen. Die anonymen Freiwilligen von GuttenPlag durchkämmten die Dissertation des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg ; sie markierten die Plagiatsstellen und bewiesen seinen Betrug. Der Schwarm aus dem Netz verteidigte die Werte der Wissenschaft. Er trug zum Rücktritt des Ministers bei und gewann sogar einen Preis, den Grimme Online Award 2011.

Einige GuttenPlagger starteten eine neue Plattform, VroniPlag, auf der sie die Dissertationen andere Politiker analysierten. Politiker und Journalisten begannen nun, dem Schwarm Fragen zu stellen: Wer seid ihr? Habt ihr politische Motive? Prangert ihr nur Politiker an? Je bekannter der Schwarm wurde, desto stärker geriet er unter Beschuss. Einer der Gründer ging an die Öffentlichkeit, vermarktet seine Dienste. Am Ende hat sich der Schwarm zerstreut. Und Karl-Theodor zu Guttenberg? Versucht sich jetzt als Berater für Internetfreiheit .

Khue Pham

Das (a)soziale Netzwerk des Jahres

6. Lamebook – Asoziales Netzwerk des Jahres

Es ist schwer, witzig zu sein, ohne ein klein wenig Bosheit, aber es ist vollkommen unmöglich, witzig zu sein nur mit Bosheit. Wer das nicht glaubt, sehe sich die Fotos auf dem selbst ernannten Satire-Portal Lamebook.com an. Die Seite wurde von zwei Grafikdesignern aus Texas gegründet, um die peinlichsten, fiesesten, kompromittierendsten Facebook-Einträge in alle Welt hinauszupusten.

Man sieht zum Beispiel ein blondes Mädchen im Wald, das mit Paketband umwickelt wurde, so in der Art, wie perverse Provinzteenager sich Bondage vorstellen. Tatsächlich gehört zu der Szene auch ein pickliger Jüngling, der grinsend ein Gewehr auf die Blondine anlegt. Der "Witz" an der Sache ist nun, dass die Besucher der Seite das schwachsinnige Foto mit geistreichen Kommentaren versehen sollen. Heraus kommen Bonmots wie "Richte niemals ein Gewehr auf einen Menschen, wenn du nicht die Eier hast, abzudrücken".

Ja, liebe Texaner, herzlichen Glückwunsch zu diesem neuerlichen Beweis eurer Humorbegabung! Die Betreiber von Lamebook verkünden, sie hätten dank der neuen anspruchsvollen Arbeit ihre alten Jobs aufgeben können. Leider haben sie im Sommer 2011 auch noch einen Urheberrechtsprozess gegen Facebook gewonnen. Ihr Geschäft, das je zur Häfte auf Denunziationslust und Blödheit beruht, wird also weiter florieren. Aber vielleicht ist Gott ja gnädig und schickt sie eines Tages in die Hölle, wo ihnen der Teufel zwei bis drei Millionen ihrer besten Witze vorliest.

Evelyn Finger

Der Netzjournalist des Jahres

7. Richard Gutjahr – Netzjournalist des Jahres

Ich kenne Richard Gutjahr nicht persönlich, aber ich weiß ziemlich genau, was er im Januar und Februar 2011 gemacht hat, weil er Kurzmitteilungen (Tweets) aus dem stürmischen Zentrum des Ägyptischen Frühlings sandte.

@gutjahr – so sein Name bei Twitter – führt auch einen Blog. Dort teilt er am 30. Januar aus Israel mit: "Internet, Handynetze – nachdem heute auch noch Al Jazeera abgeschaltet wurde, habe ich spontan beschlossen, mich nach Kairo durchzuschlagen, um selbst dort die Situation zu beobachten."

Spannend und präzise schildert er von da an Atmosphäre und Geschehen auf den Straßen Kairos mithilfe seines Mobiltelefons. Jede seiner Meldungen hat nicht mehr als die Tweet-üblichen 140 Zeichen. Mubaraks erste Rede wird nach tagelangen Protesten live auf den Tahrirplatz übertragen. Die freundliche Stimmung kippt. Die Menschen packt die Wut. Dem Berichterstatter wird es mulmig.

Ich schaltete den Fernseher ein, um mehr zu erfahren. Aber es gab nichts zu sehen... So nahm ich mein Handy und wartete auf den nächsten Tweet.

Twitter gab mir in jenen Tagen das Gefühl, persönliche Livesendungen mitzuerleben, Kairo in meiner Küche, auf dem Wochenmarkt, in meinem Büro. Ich hatte die Arabische Revolution immer bei mir. Mittlerweile sind die historischen Tweets aus dem Netz verschwunden. Aber Richard Gutjahr ist vom Medium Magazin zu einem der "Journalisten des Jahres" gewählt worden, und es lohnt einen Blick in sein Blog, um sich die Ereignissse noch einmal zu vergegenwärtigen.

Jutta Schein

Die Partei des Jahres

8. Die Piraten – Partei des Jahres

"Warum häng ich hier eigentlich? Ihr geht doch eh nicht wählen." So ein politisches Plakat hatte Berlin noch nicht gesehen, und dann wurden die Piraten tatsächlich gewählt!

Im September bei der Landtagswahl zogen sie mit 8,9 Prozent erstmals in ein deutsches Abgeordnetenhaus ein. Als Budget hatten sie 20.000 Euro, die Kandidaten reichten gerade für die 15 Mandate.

Erstaunlich, wie viele Bürger man zum Ankreuzen bewegen kann, ohne ihnen Lösungen anzubieten und unter Aussparung so wichtiger Themen wie zum Beispiel der Verschuldung. Stattdessen versprechen die Piraten jene Transparenz, welche die rot-rote Regierung bei den Verträgen zu den Berliner Wasserbetrieben hatte vermissen lassen.

Eine Woge aus guten Umfragewerten und großer Medienaufmerksamkeit hob die Partei aus der Tiefe des Internets auf die politische Bühne. Netz und Stadt gehören seither zusammen.

Die Konkurrenz reagierte so erstaunt wie die Öffentlichkeit. Und was geschah dann? Auf den Triumph des Wahlsonntags folgte der pannenreiche Einstieg in die Parlamentsarbeit.

Aber das tierliebende Volk Berlins gewährt den Neulingen einstweilen noch den Welpenschutz. "Sitz" können sie jetzt. Ob es dauerhaft für "Platz" reicht, wird sich bald herausstellen.

Falk Lüke

Der Virus des Jahres

9. 0’zapft is! – Virus des Jahres

Was genau war jetzt eigentlich so verstörend an dem sogenannten Staatstrojaner, dessen Code der Chaos Computer Club im Oktober veröffentlichte ? Der Dilettantismus der Hacker vom Amt oder ihr abgestürztes Unrechtsbewusstsein?

Nun, es war schon peinlich, dass sich das bayerische Landeskriminalamt da von einer mäßig beleumundeten Firma aus dem Hessischen eine lächerlich fehlerhafte Software zum Ausspähen von Computern hatte andrehen lassen. Ein Programm voller Lücken und Hintertüren und Risiken – was in der Behörde offenbar niemandem auffiel.

Und bestürzend war zudem, wie unbekümmert sich die bayerischen Fahnder über die Rechtsprechung des Verfassungsgerichts hinweggesetzt hatten.

"0’zapft is!" – auch der Name verhilft dem Virus in die Top Ten des virtuellen Fremdschämens 2011.

Heinrich Wefing

Die App des Jahres

10. Hipstamatic – App des Jahres

Schön war die Zeit, schön bunt auch. Im Jahr 1965 kam in Amerika für 20 Dollar die erste Sofortbildkamera auf den Markt, just in time für Flowerpower und erweitertes Bewusstsein. Polaroid – was für ein klingender Name bis heute! Das chemikaliengesättige Abzieh-Bild dokumentierte die Gegenwart im Moment des Geschehens, zu betrachten erstmals in Echtzeit.

Die Farben waren nicht so ganz echt, was niemanden störte. Mancher merkte es vielleicht auch gar nicht. Die Polaroids waren mit der Eieruhr zu entwickeln, nicht kochen, bloß in warmen Händen kneten und wenden. Analoge Technik vom Feinsten. Dann kam der übliche Lauf der Dinge: Das Produkt wurde zur Legende, die Firma ging pleite.

Und nun feiert es als App seine digitale Wiederauferstehung in kamerabewehrten Multifunktionshandys. Hipstamatic heißt das anderthalb Euro teure Programm fürs iPhone, das jedes schlichte Gegenüber in eine psychedelisch schillernde Gestalt verwandelt. Es lässt sich sogar ein virtueller Blitz zuschalten. Das Programm kann zwar nicht wirklich blitzen, aber bei der Errechnung des Bildes so tun, als ob.

Wie alle virtuelle Nachahmung erweitert Hipstamatic das Vorbild um sein Gegenteil: Das langsam sich abzeichnende Foto ist kein Unikat, sondern nach seiner Freischaltung weltweit verfügbar. Die dauerhafte Allgegenwart des flüchtig Einmaligen – da sind wir nun.

Ulrich Stock