Leeres Schloss – Seite 1

Das erste Opfer des Krieges, so sagt man, ist die Wahrheit. Das erste Opfer eines Skandals ist in modernen Mediengesellschaften die Verhältnismäßigkeit. Und zwar auf allen Seiten. Anders gefragt: Geht’s noch?!

Ja, Deutschland befindet sich in einer kritischen Lage, und zwar wegen der Krise des Euro, aber gewiss nicht, weil der Bundespräsident seine Affären nicht in den Griff bekommt.

Was soll denn sein?! Wenn er zurücktritt, dann passieren ein paar unangenehme Dinge, aber: Es wird sicher keine Staatskrise geben. Angela Merkel , die Christian Wulff im Alleingang zum Präsidenten machte, wird sich ein paar Fragen gefallen lassen müssen, ihre Macht jedoch wäre keineswegs in Gefahr; auch die Koalition würde daran nicht zerbrechen; das Amt des Bundespräsidenten ist zwar schon länger nicht mehr so arg bedeutsam und würde auch eine weitere Delle erleiden, ernstlich beschädigt wäre es dennoch nicht, ein guter Wulff-Nachfolger würde das alles schnell vergessen machen; wenn dieser Nachfolger von Rot-Grün gestellt würde, so würde das die Kanzlerin allenfalls ärgern, doch keinesfalls erschüttern. So viel zum Thema Staats- und Regierungskrise.

Wulff habe "Bild" gedroht, heißt es. Ja, womit denn, bitte?

Nun zur Pressefreiheit. Sie soll angeblich gefährdet sein, weil Wulff dem Chefredakteur von Bild gedroht hat . Dazu ist dreierlei zu sagen.

Zum einen kann der Präsident dem Bild- Chef gar nicht drohen, weil er viel weniger Macht hat als dieser. Darum liest sich die jetzt kursierende Abschrift der Mailbox-Nachricht auch eher als ein Dokument der Kopflosigkeit denn als ein ernsthafter Versuch, Zensur auszuüben.

Zum Zweiten kommen Anrufe wütender Politiker bei Chefredakteuren immer mal wieder vor, mitunter dürfen Journalisten auch mal nicht mit auf eine Auslandsreise. Sapperlot! Was kann eine Chefredaktion dagegen tun? Nun, sie sagt einfach: Nein und auf Wiedersehen. Dazu braucht sie Zivilcourage, aber auch davon nur einen Teelöffel voll.

Drittens muss man sich schon fragen, warum besagte Mitschrift, auf deren Veröffentlichung Bild nach der Entschuldigung des Präsidenten verzichtet hat und deren Wortlaut seit Wochen bekannt war, nun doch durch zwei seriöse Zeitungen, die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, publik wurde , und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Affäre Wulff an Dynamik verlor. Wer es selber derb treibt, sollte nicht die verfolgte publizistische Unschuld geben.

Nun zum Bundespräsidenten. Er fühlt sich offenbar als Opfer einer Kampagne , er glaubt, wie es scheint, dass die Medien ihn stürzen wollen, sonst würde er mit ihnen ja klärende Interviews führen. Wulff will den Medien trotzen, er wird dabei die Menschen verlieren, er will in seinem Schloss bleiben, das damit zur Burg wird.

Wulff wird für eine lange Weile nur mehr mit sich selbst beschäftigt sein

Ach Gott, Herr Präsident, nun bleiben Sie mal auf dem roten Teppich! Dass die Medien per se ein gesteigertes Interesse am Bundespräsidenten haben, kann man nun wirklich nicht sagen. Und der Skandal? Als Wulff von den Vorwürfen erfuhr, hätte er in sich gehen sollen, anstatt vor der eigenen Wahrheit zu fliehen, er hätte umgehend vor die Presse treten und sagen sollen: Tut mir echt leid, war dumm und kleinkariert, kommt nicht wieder vor, frohe Weihnacht. Dann hätten die meisten Zeitungen gesagt: Wirklich blöde Sache, Herr Präsident, nicht sehr sympathisch, aber auch nicht so schlimm, frohe Weihnacht bei Würstchen und Kartoffelsalat! Und also: keine Kampagne, keine Mailbox, keine Geldmarktkredite!

Und nun? Wulff hat sich in eine Lage gebracht, der auch stärkere Präsidenten nicht mehr gewachsen wären. Um es klar zu sagen: Christian Wulff amtiert zurzeit nicht mehr als Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland , das Schloss Bellevue steht gewissermaßen leer, auch wenn die Fahne auf dem Dach noch weht.

Wulff wird für eine lange Weile nur mehr damit beschäftigt sein, sich selbst zu verteidigen, seine sonstigen Auftritte werden pantomimisch wirken, wenn es blöd läuft sogar lächerlich. Wulff kann nicht mehr glaubwürdig zur Pressefreiheit reden so wenig wie zur Schuldenkrise, wenn er sich hinter die Deutschtürken stellt, werden die das Gefühl haben, er wolle sich hinter ihnen verstecken. Wulff ist ohne Macht, er könnte keinem Gesetzentwurf der schwarz-gelben Koalition die Unterschrift verweigern, so abhängig ist er nun von ihr. Da er sich von fast allen Zeitungen verfolgt fühlt, kann er mit den Journalisten keinen professionellen, rollensouveränen Umgang mehr pflegen, alles wird jetzt Krampf.

Soll Christian Wulff darum von dem Amt, das er real nicht mehr ausfüllt, auch noch formal zurücktreten ? Man würde sich wünschen, dass das noch von Belang wäre.

Der zentrale symbolische Ort dieser Republik ist der Schlossplatz in Berlin-Mitte. Er steht seit Jahrzehnten leer, weil sich das Land nicht darauf einigen kann, woraus denn seine Mitte nun bestehen soll. Was für eine poetische Situation! Nun ist Deutschland für eine Weile auch noch ein Land ohne Staatsoberhaupt. Was bedeutet das? Sind wir nun kopflos? Haben wir jetzt nur noch Angela Merkel? Zumindest bedeutet es, nachdem schon Horst Köhler gescheitert ist, dass sich das Konzept Bundespräsident nicht mehr von selbst versteht.

Nein, wir achtzig Millionen Deutsche sind nun erst mal alle Präsident. Wir repräsentieren uns selbst. Hoffentlich haben wir keine Affären!

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