Es gehört zur österreichischen Lebenswirklichkeit, dass sich die Institutionen der Republik fest im Griff der Parteisekretariate befinden. Meist scheuen sie das Licht, agieren im Dunkel ihrer Allmacht. Dort bestimmen sie, welche Leistungen erbracht werden müssen, entscheiden über Posten und Karrieren. Es ist ein gewaltiger Irrtum, annehmen zu wollen, sie würden dabei im Interesse der Bürger handeln, die sie vorgeben zu vertreten . Sie werden vielmehr von einem einzigen Interesse geleitet: ihre eigene Verfügungsgewalt über die Ressourcen des Landes abzusichern. Dieser Zweck heiligt jede Unverschämtheit.

Der ORF ist jene Bastion des Parteienstaates, in dem das System einer plebejischen Feudalherrschaft alle Modernisierungsschübe und Reformanstrengungen weitgehend unversehrt überlebt hat. Ein funktionstüchtiger öffentlich-rechtlicher Rundfunk, so wird häufig zu Recht behauptet, sei für die geistige Infrastruktur eines Landes ebenso unverzichtbar wie leistungsfähige Verkehrsnetze für das wirtschaftliche Fortkommen. Er stelle sicher, dass Information, nach dem Reinheitsgebot der Objektivität ungefiltert, reibungslos die Bürger erreicht. Darin allein liegt seine Existenzberechtigung. Eine verstaatlichte Verlautbarungsindustrie hingegen ist todgeweiht. Wie der ORF.

Einerlei, welches Ende das »Nikotainment«, wie die provinzielle Trauerposse um die Bestellung des roten Günstlings Niko Pelinka zum politischen Kommissar in der Direktionsetage intern genannt wird, noch finden mag, der ebenso dreiste wie dilettantische Postenschacher raubt dem Unternehmen seine letzte Überlebenkraft. Es liegt im Koma. Nur weil der moderne Fernsehbetrieb keinen Sendeschluss mehr kennt, flimmert immer noch irgendetwas über die Mattscheibe, auf dem das Senderlogo dieser österreichischen Institution klebt. Programm will man es nicht nennen müssen. Sagen wir, es sind wie von Geisterhand programmierte Abfolgen von Bildern und Geräuschen in Endlosschleife.

Leider stimmt das meiste, was dem Sender von allen Seiten vorgeworfen wird. An den Schalthebeln sitzen lauter Leute, die als Erfüllungsgehilfen von Parteibedürfnissen gelten. Der Führung mangelt es nicht bloß an Ideen, Professionalität und Gestaltungskraft, sie sieht darin sogar den natürlichen Feind ihres ureigensten Interesses, am Chefsessel zu kleben. In den vergangenen fünf Jahren ihrer Tätigkeit verlor der Sender nahezu ein Viertel seines Marktanteils. Nahezu jede neue Programmidee stellt sich seit geraumer Zeit als Reinfall heraus. Die altgedienten Formate holpern vor sich hin, lustlos heruntergenudelt von einer Truppe, die ganz offensichtlich keinen Sinn mehr in dem erkennen kann, was sie täglich dem Land zumutet.

Der ORF ist schlicht konkursreif, nicht im handelsrechtlichen Sinn, denn der Staat schaufelt weiterhin genügend Kohle in den schnaufenden Kessel, solange das Führungspersonal ausreichend Willfährigkeit an den Tag legt. Es reicht, um die Günstlingswirtschaft noch eine Zeit lang zu finanzieren.

Der Sender ist bankrott, weil er sein Humankapital bis zum kleinsten Gedankensplitter aufgebraucht hat. Fernsehen, gleichgültig, ob öffentlich-rechtlich oder privat, lebt von Ideen, von verblüffenden Einfällen, von Überraschungsmomenten, von der Dramaturgie des Programmablaufes und davon, dass die mediale Inszenierung von gedanklichen Zusammenhängen ebenso wie von Ereignissen ein Publikum in den Bann zu ziehen weiß. Die einzige Währung, die in diesem Metier zählt, ist das kreative Potenzial der Programmgestalter. Doch die müssen auch wissen, wofür ihr Sender steht. Es muss ein einsichtiges Leitbild vorhanden sein – selbst wenn es sich dabei um konsequentes Unterschichtfernsehen handelt, wie das bei den Privaten meist der Fall ist –, an dem sich die gesamte Mannschaft orientieren kann. Im ORF ist das längst nicht mehr der Fall. In der Endloskrise der vergangenen Jahre hat der Sender jegliches Selbstbewusstsein eingebüßt.

Jetzt orientiert er sich an opportunistischen Zwischenrufern und an den ferngesteuerten Wesen in seinem Stiftungsrat, den ihm eine perverse Gesetzeskonstruktion als Kontrollorgan beschert hat. In dem Spannungsfeld zwischen Medium und Politik wirbelt ein selbstreferenzieller Zirkus unentwegt gewaltige Staubwolken auf. Das trübt beträchtlich den Blick auf das Eigentliche, auf die Programmgestaltung. Doch die Führungskräfte des Unternehmens haben mittlerweile begriffen, dass ihr Geschick nicht von dem Programm abhängig ist, das sie eigentlich zu verantworten hätten, sondern von den Launen, die gerade die schwer durchschaubaren Interessenskoalitionen bestimmen.

Es steht nicht zu erwarten, dass sich die hoch bezahlten Fachkräfte, die den ORF in die Bedeutungslosigkeit manövrieren, in absehbarer Zeit von diesem System emanzipieren werden. Dem Programm kommt bald nur mehr Alibifunktion zu, um die Existenz des Senders notdürftig zu rechtfertigen. Er existiert aber lediglich deshalb in all seiner Agonie weiter, weil jeder Popanz, dem ein Mandat oder ein Amt zugefallen ist, fest daran glaubt, er wäre ein bedeutender Mensch, bloß weil er ein paar Mal im Fernsehen auftauchen darf. Sogar dann, wenn schon lange niemand mehr zuschaut.