446 Milliarden Euro – so viel Geld parkten Europas Geschäftsbanken in der Nacht von Montag auf Dienstag dieser Woche bei der Europäischen Zentralbank (EZB) . Die Banken deponierten ihr Geld lieber dort , als es untereinander zu verleihen, heißt es dieser Tage oft. Jede Bank sorge sich, dass andere Banken ins Wanken geraten könnten, zum Beispiel wegen Abschreibungen auf europäische Staatsanleihen, und an sie verliehenes Geld verloren sein könne. Unternehmen und Bürger könnten die Folgen auch zu spüren bekommen, denn leihten die Banken sich kein Geld mehr, stocke häufig die Kreditvergabe an Kunden.

Wer verstehen will, was da gerade geschieht, muss zunächst wissen, wie Banken arbeiten. Sie vergeben Kredite an Firmen und Bauherren, kaufen Staatsanleihen, finanzieren große Projekte. Dafür brauchen sie selbst Geld. Das Eigenkapital, auf das sie sicher zurückgreifen können, setzt dabei nur den Rahmen, denn die Banken dürfen für ein Vielfaches davon Geschäfte betreiben. Das Geld dafür besorgen sie sich aus möglichst vielen Quellen. Wie wichtig dieses Geld ist, im Fachjargon Liquidität genannt, zeigen die Fälle Lehman Brothers und HRE : Beide Banken gerieten 2008 an den Abgrund, weil ihnen die Liquidität ausging – nicht aus akutem Mangel an Eigenkapital.

Die Liquidität sichern in aller Regel die Einlagen von Kunden, aber auch Geld von Versicherungen, Pensionskassen, Fonds – und Banken. Die können sich Darlehen mit Vermögenswerten absichern lassen oder sie aus Vertrauen gewähren. Die Laufzeit kann Jahre, Monate oder Tage betragen.

Speziell die kurzfristigen Darlehen der Banken untereinander halten die Finanzwelt am Laufen. Jeden Tag gilt es Firmenkredite zu refinanzieren oder eigene alte Verbindlichkeiten abzulösen. Da fließen schnell Milliarden durchs Haus.

Wo eine Bank mehr Geld hat, als sie es für das laufende Tagesgeschäft benötigt, hat die andere vielleicht kurzfristig einen Bedarf – also her damit. Tagesaktuelle, offizielle Zahlen, wie viel Geld Banken sich gegenseitig leihen, gibt es nicht. Zahlen der Deutschen Bundesbank legen aber nahe, dass es um eine riesige Summe geht. So wiesen die rund 2.000 Banken in Deutschland im November untereinander Verbindlichkeiten von insgesamt 1.933 Milliarden Euro aus. Fast ein Viertel ihres Geschäftsvolumens finanzierten sie demnach mithilfe anderer Banken. Allerdings umfasst diese Zahl auch langfristige Darlehen, Pfandbriefe, Wertpapiere und vieles mehr, so lässt sich nicht genau sagen, wie viel davon dem kurzfristigen Bank-zu-Bank-Kredit zuzurechnen ist.

Will eine Bank der Euro-Zone nun überschüssiges Geld nicht an Konkurrenten verleihen, kann sie dieses über Nacht bei der EZB deponieren. Bis zur Finanzkrise wurde diese Möglichkeit selten genutzt, denn die Zinsen, die die EZB auf diese Einlagen zahlt, sind in der Regel niedriger als alles, was andere Banken zahlen. Die Pleite von Lehman Brothers aber weckte schlagartig Befürchtungen um die Stabilität anderer Banken, die Einlagen bei der EZB schossen Ende 2008 nach oben. Dort war das Geld sicher abrufbar. Ähnliches war 2010 zu beobachten, als die Angst um Griechenland und den Euro zunahm. In den vergangenen 14 Tagen stieg der Wert aber so hoch wie nie.

Nun ist es in der Tat so, dass Banker den Markt für die Refinanzierung von Banken derzeit als "ausgetrocknet" bezeichnen und die EZB in ihrem jüngsten Stabilitätsbericht davon spricht, dass die Spannungen im Finanzsystem "die Dimension einer systemischen Krise angenommen" hätten, wie man sie "seit dem Kollaps von Lehman Brothers" nicht beobachtet habe. Das Misstrauen ist in den jüngsten Monaten also unverkennbar gestiegen. Ist es aber in den vergangenen 14 Tagen proportional mit den Einlagen bei der EZB gestiegen? Kaum. Denn zu deren Anstieg hat die EZB selbst beigetragen.

Als Reaktion auf die Spannungen gewährte sie am 22. Dezember 523 europäischen Banken Kredite in Höhe von 489 Milliarden Euro – auf drei Jahre. Die EZB will die Banken ermutigen, Firmen und Bürgern Geld zu leihen, deshalb lieh sie den Banken so viel Geld wie noch nie und so lange wie noch nie. Bedenkt man, dass die Banken dabei vielfach kurzfristigere Darlehen der EZB gegen die dreijährigen eintauschten, bleiben laut Beobachtern gut 200 Milliarden Euro, die neu an Banken flossen.

Die Zahlen legen nahe, dass dieses Geld direkt wieder bei der EZB landete. Wurden am 21. Dezember noch 265 Milliarden Euro über Nacht bei ihr deponiert, so stieg dieser Betrag nach der Zuteilung binnen drei Werktagen um 187 Milliarden Euro, auf einen neuen Höchststand. Weil die Banken für das Geld nur 0,25 Prozent Zinsen bekommen, selbst dafür aber 1 Prozent Zinsen zahlen müssen, machen sie dabei sogar Verlust.

Und doch ist all das nicht unbedingt erschreckend: Hunderte Milliarden Euro an Firmen, Bauherrn und Konsumenten weiterzureichen ist binnen weniger Tage kaum zu schaffen, zumal zu Weihnachten. Ob die Banken dies aber in den nächsten Monaten nachholen, wie die EZB hofft, ist fraglich. Zum einen müssen sie Kredite mit Eigenkapital absichern – davon haben aber viele jetzt schon zu wenig. Zum anderen haben sich dem Vernehmen nach vor allem Banken aus Südeuropa Geld geliehen. Und denen geht es derzeit darum, selbst flüssig zu bleiben. Sie müssen wie viele andere im ersten Quartal besonders große Summen alter Verbindlichkeiten ablösen. Da interessiert es weniger, Firmen in der Heimat zu finanzieren, zumal wenn eine Rezession droht. Eine Kreditklemme ist dort eine reale Gefahr.