Indologie

Horst Brinkhaus weiß seit über zehn Jahren, dass es zu Ende geht mit seinem Lehrstuhl. "Damals haben wir demonstriert", sagt er. "Geholfen hat es nicht." Wenn er 2013 das Pensionsalter erreicht, wird die Indologie, seit 1875 in Kiel, verschwinden von der Christian-Albrechts-Universität , die über anderthalb Jahrhunderte aufgebaute Bibliothek soll aufgelöst werden.

Wer erwartet, einen deprimierten Wissenschaftler anzutreffen, irrt jedoch. "Professor für Indologie zu sein war immer eine Herausforderung", sagt Brinkhaus gut gelaunt. Normalerweise gibt es pro Standort nur einen Vertreter, bei einem Fach, das Literatur, Kultur, Geschichte und Soziologie eines gesamten Subkontinents umfasst – groß wie Europa und ebenso reich an Geschichte und Geschichten. "Stellen Sie sich einen Professor für Europäologie vor, dann wissen Sie in etwa, was mein Job ist."

Ein Job, der ihm immer Spaß gemacht hat. Auf Nepal hat er sich spezialisiert, auf Hinduistik und Sanskritliteratur. "Von anderen Dingen haben andere mehr Ahnung." Es ist eines der Prinzipien kleiner Fächer: Jeder Standort spezialisiert sich auf einen Teilbereich. Was im Umkehrschluss heißt: Fällt einer weg, fehlt allen anderen auch etwas.

In Brinkhaus’ Büro duftet es nach Darjeeling, von der Wand starrt eine schwarze Puppe mit Maske. "Die Prioritäten der Politik haben sich geändert", sagt er. "Heute stehen nicht Inhalt oder Relevanz im Vordergrund, sondern die Zahl der Studenten und die Höhe der Drittmittel." Da könne und wolle er als Indologe nicht mithalten. "Die Indologie ist ein Kind der Romantik, es geht um die Rückbesinnung auf die Wurzeln menschlicher Kultur, das ist etwas viel Grundsätzlicheres, das lässt sich nicht in Zahlen messen." Der Abbau schon: 18 Indologieprofessuren gibt es in der Bundesrepublik, fünf weniger als 1997. "Wir sind ein kleines Fach und als solches immer gut gefahren", sagt Brinkhaus. Wo sonst gebe es einen so intensiven Austausch mit den Kollegen im Ausland, wo ein so angenehmes Arbeiten in kleinen Gruppen mit derart motivierten Studenten? "Zu uns verirrt sich keiner einfach so."

Wie aufs Stichwort klopft es an der Tür. Eine seiner letzten Studentinnen tritt ein, Celina Mittelbach. Sie will ihre Magisterarbeit besprechen, Thema: das Epos Ramayana. Neue Studenten nimmt Brinkhaus längst nicht mehr – bei ihrem Studienabschluss wäre er nicht mehr da. Mittelbachs Mutter ist Inderin, das hat ihr Interesse geweckt. Fürchtet sie sich als Absolventin eines Fachs, das selbst um die Zukunft fürchtet? Eigentlich nicht, sagt sie. Noch überlegt sie allerdings, wie es nach dem Abschluss weitergeht. Ihr Professor sagt: "Wer so mutig und neugierig ist, sich auf ein Fach wie Indologie einzulassen, wird immer etwas finden."