Nirgends ist Deutschland schwärzer, nirgends Bayern katholischer, kaum irgendwo die Weltsicht konservativer als hier, im Bayerischen Wald, 170 Kilometer nordöstlich von München . Im Mooshof, Landkreis Regen, wird ein Weißbier nach dem anderen gezapft, auf den Tischen flattern Parteifähnchen, die Kapelle bläst einen Mir-san-mir-Marsch. 200 Niederbayern jubeln einem wortgewaltigen Politiker zu, er trägt Janker und den Nacken sauber ausrasiert. Bayerisch, zünftig, CSU eben.

Doch der Mann, dem sie da im Mooshof applaudieren, ist evangelisch, schwul und Sozialdemokrat: Michael Adam, 26 Jahre alt, seit sechs Wochen Landrat von Regen. Adams Vorgänger nahm sich das Leben, die CSU stellte einen Nachfolgekandidaten auf, der jedoch eine Gegenkandidatin bekam: die CSU-Bürgermeisterin einer 3000-Seelen-Gemeinde, die nicht hinnehmen wollte, dass die Männer wie immer alles unter sich ausmachen, und als Unabhängige antrat. Durch den Streit der Konservativen sitzt jetzt ein schwuler Sozi im Landratsamt, nach 51 Jahren CSU-Herrschaft. Eine Posse, die zeigt, wie die Welt der Christsozialen aus den Fugen geraten ist.

CSU und Bayern, ein halbes Jahrhundert lang war das eins. Dass Weiß und Blau nicht die Farben der Partei, sondern des Landes waren, wussten nur Eingeweihte. Die CSU galt als die Partei, die Bayern erfunden hat. Und sie sah sich selbst so. Der Ort, an dem sich dieses Selbstverständnis jedes Jahr manifestierte, war Wildbad Kreuth. Er stand für den Status der CSU als letzte echte Volkspartei, für ihre absolute Macht in Bayern und für ihren Einfluss weit darüber hinaus. Es ist nicht lange her, da markierte die Klausurtagung der CSU in Kreuth den politischen Auftakt des Jahres. Aber wenn sich an diesem Donnerstag die Parteioberen treffen, um über die Finanzkrise und den Euro zu beraten, ist es nur eine Veranstaltung unter vielen.

Denn die Symbiose aus Freistaat und CSU hat Risse bekommen. Manche sprechen von einer kleinen Krise, andere von einer großen. In Wahrheit ist es die Geschichte eines Machtverfalls.

Der zerbrochene Krug

Der Bote der Apokalypse kommt in senffarbener Cordhose und mit rotem Einstecktuch daher und lächelt freundlich. In der Bar dell’ Osteria in der Münchner Schellingstraße wird Wilfried Scharnagl wie ein alter Freund begrüßt. Scharnagl war mehr als 30 Jahre lang Chefredakteur der CSU-Parteizeitung Bayernkurier, bis 2001. Vor allem aber war er Vertrauter von Franz Josef Strauß , dem Mann, der wie kein Zweiter den Sonderstatus der CSU verkörperte, als Bundesminister und als bayerischer Ministerpräsident. In der Partei sagt man, Strauß und Scharnagl hätten »durchs selbe Nasenloch geatmet«. Scharnagl, 73 Jahre alt, ist das letzte Verbindungsglied zu einer Zeit, als die Welt der CSU noch heil war. Und er ist ein gefürchteter Analytiker, der Verheißung und Apokalypse im Programm hat. Seit Karl Theodor zu Guttenberg so schmählich zurücktreten musste, überwiegt die Letztere.

Der CSU ist das Gespür abhandengekommen für das, was die Menschen wollen – in Scharnagls Welt ist das der Grund für den Niedergang seiner Partei. Dabei war doch genau das einst die Stärke der CSU: dem Volk aufs Maul zu schauen, ohne ihm nach dem Mund zu reden. Die Politik, sagt Scharnagl, habe die Fähigkeit zur Erklärung verloren. Wenn er nur an das Theater um den Nichtraucherschutz in Bayern denke! Erst das härteste Rauchverbot der Republik zu erlassen, um es dann wieder zu kippen. Das Gezerre habe wesentlich dazu beigetragen, dass die CSU bei der Landtagswahl 2008 auf 43 Prozent abstürzte. Und dann noch die Merke l! Die Pendlerpauschale zu kürzen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was die CSU-Wähler im Pendler-Freistaat Bayern davon hielten – ein schönes Wut-Thema vor der Wahl.

Wer nach Erklärungen für den Niedergang der Ausnahmepartei CSU sucht, der stößt unweigerlich auf den Tag ihres großen Triumphs. Und auf den Namen Edmund Stoiber . Bei der Landtagswahl 2003 votierten 60,7 Prozent der Bayern für Stoiber, es war das zweitbeste Ergebnis der CSU-Geschichte und das erste Mal, dass eine Partei mit Zweidrittelmehrheit regieren konnte. Die Partei habe, so heißt es heute selbstkritisch, den Sieg fälschlicherweise als Monument der eigenen Stärke betrachtet. Schon wenig später begann Stoibers Pingpong-Ära: Erst ließ sich der CSU-Vorsitzende 2005 in Berlin ein Superministerium schnitzen, um kurz vor dem Wechsel wieder abzusagen. Am Ende blieb Stoiber in Bayern – und ein schales Gefühl. »Du hast unseren Stolz verletzt«, hielt ihm der CSU-Landtagsabgeordnete Alfred Sauter entgegen, als Stoiber vom Superministerium desertierte. Er sprach aus, was alle dachten.