Safa lernte ich im Januar 2011 in Tunis kennen, da war sie 20 Jahre alt und der Diktator noch an der Macht. Sie stand an eine Mauer gelehnt, zitternd und weinend, inmitten einer Schwade aus Tränengas. Tapfere junge Leute waren das, die im Polizeistaat Ben Alis demonstrierten; etwa 300 von ihnen starben während der Revolution.

Fast ein Jahr später wollte ich Safa wiedersehen. Verabredet waren wir vor dem Kaufhaus nahe der Medina von Tunis, in dem sie als Verkäuferin arbeitet. Ob ich sie wiedererkennen würde? Ich wusste nur noch, dass sie hübsch war und lange Haare hatte. Und dann trat eine weibliche Gestalt auf mich zu, in einen dunkelblauen Hidschab gekleidet, der bis zum Boden reichte. Nur ihr Gesicht war frei geblieben: Safa. Ich bemühte mich, meine Überraschung zu verbergen. Wie überflüssig die vorbereitete Frage, was sich seit der Revolution für sie verändert habe!

Religionsfreiheit. Das ist ihre Revolution. Die junge Frau ist auch in den Monaten nach dem Sturz des Diktators immer wieder auf die Straße gegangen, hat an den Besetzungen der Kasbah von Tunis teilgenommen, trotz der Gas- und Prügelattacken der Polizei. Safa strahlt, wenn sie davon erzählt. Schließlich war es die "revolutionäre Kasbah", die einen Premierminister und mehrere Kabinettsmitglieder zum Rücktritt zwang und der es am Ende gelang, die städtischen Mittelschichten ein weiteres Mal mitzureißen, bis zur Wahl einer verfassunggebenden Versammlung. Darauf ist Safa stolz. Und auf ihren Glauben, mit dem sie mich aber nicht behelligen will.

Da gesellt sich eine Frau zu uns, die den Niqab trägt, jenes schwarze Gewand, das nur einen Sehschlitz frei lässt; vor den Augen schwarze Gaze. Eine Tracht ohne Tradition in Tunesien . Bevor der säkulare Machthaber Habib Bourguiba in den sechziger Jahren seinen Feldzug gegen religiöse Bekleidung unternahm, trugen viele Frauen noch den Safsari, ein um den Körper geschlungenes weißes Tuch, das auch die Haare bedeckte. Das Kleidungsstück ist in Vergessenheit geraten. Tunesierinnen, die einen altgläubigen Islam praktizieren wollen, greifen heute auf die Glaubensmoden ihrer Schwestern aus dem Jemen oder Saudi-Arabien zurück.

Die schwarz verhüllte Dame wendet sich mir freundlich zu. Sie will, dass ich dereinst ins Paradies komme, weshalb ich sofort zum Islam übertreten müsse. Das sei ganz einfach, erläutert sie, während Safa betreten lächelt. Als sie sich schließlich trollt, sagt Safa: "Meine Freundin. Sie ist eine einfache Frau. Ich muss jetzt wieder arbeiten gehen." Wir verabschieden uns. Oh, kein Handschlag? Ich erinnere mich daran, das zuletzt im Iran erlebt zu haben.

Warum der Schreck? Nur weil Safa jetzt nicht mehr mit einer Pariserin zu verwechseln ist? Was hatte ich erwartet, von ihr, von Tunesien? Am Abend treffe ich Zied und mit ihm ein ganzes Dutzend junger Leute um die 25 Jahre, die am revolutionären Januar teilgenommen haben. Zied machte im Herbst Wahlkampf für eine nichtreligiöse Partei namens CPR, sie stellt jetzt den Präsidenten. Ihr traut er die größte Entschlossenheit zu, den Staat zu reformieren und von den Resten der Diktatur zu reinigen. Sein Urteil über die Wahlsieger, die Islamisten der Ennahda-Partei , die ihrerseits den Regierungschef und die Mehrheit des Kabinetts stellen: "Die sind mir nicht islamistisch genug."

"Todesstrafe, Auspeitschen, Steinigen und Amputation sind Gottes Befehl"

Zied ist ein sympathischer Schlaks, der gewinnend lacht, wenn er debattiert. Er nennt sich Salafist. Ein mehrdeutiges Wort. In Zieds Fall bezeichnet es jemanden, der die Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben zurückhaben will, die zur Zeit und im Umkreis des Propheten galten. Er gehört auch nicht zu denen, die so lange an der Scharia schleifen und feilen, bis sie zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte passt. "Die vier Körperstrafen sind Gottes Befehl", sagt Zied. Also Todesstrafe für Mord, Peitschenhiebe für Unzucht, Steinigung für Ehebruch, Amputation für Diebstahl. Und als ich ihn noch anstaune, fügt er eine gewundene Erklärung an: Die Scharia knüpfe Bedingungen an diese Strafen, und heutzutage, wo man viel mehr als damals über die Ursachen von Verbrechen wisse, sei es praktisch unmöglich, dass diese Bedingungen jemals erfüllt würden. Das müsse schon ein abgrundtief schlechter Mensch sein, der ausschließlich, wirklich ausschließlich aus eigenem Willen – und so weiter. Meinen Einwand, dass man dann ja genauso gut zur Gänze auf diese Strafen verzichten könne, kontert Zied damit, dass sie nun einmal göttliche Vorschrift seien.

"Beim Sex herrscht der Mann über die Frau. Das sagt doch alles"

Eine Argumentation, der ich schon mehrfach begegnet bin. Sie soll eine überhistorische, am Wortlaut klebende Interpretation der Scharia mit den Normen von heute vereinen. Das Problem ist bloß: Sie bleibt taktisch. Sie beseitigt nicht das Risiko, dass körperliche Züchtigungen irgendwann doch verhängt werden könnten. Testfrage: Ben Ali und seinen Spießgesellen, die das tunesische Volk 23 Jahre lang unterdrückt und bestohlen haben, soll man ihnen die Hände abhacken? "Ja", lächelt Zied.

Er sei nicht immer so radikal gewesen, fügt er hinzu. Das kam erst nach der Revolution, als ihm klar wurde, dass die herrschende, profitierende Kaste den Diktator geopfert hatte, um an der Macht zu bleiben. "Alles begann in der Kasbah. Eines Abends habe ich zwei Stunden lang mit einem Polizisten diskutiert. Dann kam der Einsatzbefehl, und derselbe Mann prügelte auf mich ein und brüllte, ich sei ein dreckiger Islamist. Da wusste ich: Tunesien braucht den Dschihad." Den heiligen Krieg also? "Ja. Er muss sein, wenn der Islam gewaltsam angegriffen wird." Mir und meinesgleichen gelte der Dschihad also nicht? "Wieso denn? Du bist ungläubig, ich bin Muslim, jeder toleriert den anderen, und fertig." Kein Zwang zur Religion, so stehe es schließlich im Koran. Und jede Frau dürfe sich kleiden, wie sie wolle. Auch wenn Zied die Libyerinnen schon bizarr findet, die während der Rebellion im Nachbarland über die Prachtstraße von Tunis stolzierten: "Hidschab, grelle Schminke und Stilettos", wie er kopfschüttelnd sagt. Na, und einige der europäischen Touristinnen erst, die sich gerade wieder einfinden! Auf diesen letzten Punkt können wir uns sogar einigen.

Zied will eine parlamentarische Demokratie und nicht etwa ein Kalifat, in dem ein Nachkomme Mohammeds anstelle des Volks die Gesetze macht. Anhänger des Kalifats sind dünn gesät in Tunesien. Einer von ihnen sitzt uns gegenüber. "Nur das Wort", sagt der junge Mann sanft, er ist Mitglied der illegalen Tahrir-Partei, "nur das Wort kann das Volk zum Kalifat führen, niemals die Gewalt." Unbestreitbar, dass es in Tunesien auch ein paar Befürworter islamistischer Gewalt gibt, wie in vielen Ländern, auch in Europa . Sogar Internationalisten mit afghanischer oder irakischer Erfahrung. Aber sie sind der tunesischen Lebenswelt fremd geblieben.

Neben uns sitzt Anissa, eine 26-jährige Medizinerin. Festgestecktes Kopftuch. Steht so im Koran, behauptet sie, was der allgemeinen Lesart entspricht. Dass just in Tunesien einige Philologen die einschlägige Sure so verstehen, dass sie den Frauen nur vorschreibt, ihr Dekolleté zu bedecken, tut Anissa ab: "Wenn man die Religion weiterentwickeln will, dann bitte nicht dadurch, dass man ihre Texte deformiert. Es gibt einen anderen Weg. Die Polygamie zum Beispiel wird in vielen Ländern nicht mehr praktiziert, obwohl sie erlaubt bleibt: Jordanien , Palästina, Libyen , Algerien ..." Wieder dieser Versuch, Unvereinbares zu vereinen: Um der traditionalistischen Interpretation zu genügen, solle die Polygamie erlaubt werden, aber man werde sie ja nicht praktizieren.

"Beim Sex herrscht der Mann über die Frau. Das sagt doch alles"

Wirklich nicht? Die islamistische Ennahda hat Gründe, zu dementieren, sie wolle das Polygamieverbot aufheben. Viele tunesische Frauen fürchten, dass die archaischen Verhältnisse wieder einreißen könnten, in denen sich ein Mann mehrere Frauen von deren Vätern kaufen konnte. Die im Salafismus angelegte Geringschätzung der Frau ist vor allem im Landesinneren noch keineswegs überwunden.

Selbst Anissa, die von sich sagt, dass für sie persönlich die Polygamie nie infrage käme, äußert Derartiges. "Die Natur ist macho", sagt sie zum Beispiel, das sei die notwendige Ordnung der Dinge. Auf meine Frage, inwieweit Sterne, Bakterien oder Pflanzen "macho" seien, antwortet sie: "Beim Sex herrscht der Mann über die Frau, das sagt doch alles." So spricht eine junge, gebildete Frau, die es im Disput mit dem europäischen Gast an Selbstbewusstsein nicht fehlen lässt. Und während sie es für geboten hält, die Polygamie zu erlauben, ist Polyandrie für die Medizinerin aus folgendem Grund undenkbar: "Es gibt klinische Studien, die beweisen, dass Spermien von unterschiedlichen Männern in der Gebärmutter miteinander Gifte erzeugen." Was nicht bloß surrealistisch ist, sondern vor allem naturalistisch – so wie einige Argumente aus der westlichen Debatte um die Bioethik, in der angebliche Erkenntnisse der Wissenschaft herangezogen werden, um religiös motivierte Behauptungen über, beispielsweise, den ethischen Status von Stammzellen herzuleiten.

An Anissa fällt auf, dass sie ein sehr feines, ja literarisches Französisch spricht. Zwei Jahre hat sie in Paris studiert; sie kommt aus einem Elternhaus, das sie als "links, französisiert und bourgeois" beschreibt. "Wir feierten den 14. Juli und Weihnachten, nur die Großeltern kannten noch die islamischen Feste. Im Salon prangten die Bücher von Marx und Lenin in der Bibliothek, gebunden in braunem Leder mit Goldschnitt, und bei uns gingen die Linken der gehobenen Gesellschaft ein und aus, die sich bestens in den Fünfsternehotels und den feinen Restaurants auskannten. Das war meine Welt."

Vom Feminismus hat Anissa die denkbar schlechteste Meinung

Dann aber kam Paris, "die rassistischste Stadt Europas", wie Anissa sagt. Wo sie die französische Linke aus der Nähe kennenlernte, "ihre Parteikämpfe, ausgefochten mit allen Tricks, Finten und Lügen". Und immer wieder die Paare, die sich trennten, die Ehebrüche, die Libertinage. "Keine Werte", sagt Anissa, und sie meint damit: keine religiösen Werte. Was schlecht dazu passt, dass sie die linksradikale Partei PCOT hochschätzt, weil das "echte Kämpfer" seien. Sind das nicht durch und durch Atheisten? "Es sind gute Menschen", antwortet sie.

Vom Feminismus, besonders dem tunesischen, hat Anissa die denkbar schlechteste Meinung. Alles alte Jungfern oder frustrierte Geschiedene! "In Tunesien jedenfalls", fügt sie hinzu, "heißt Feministin sein, gegen die sozialen Normen zu verstoßen, mit Alkohol und Sex als Mittel der Selbstbestätigung. Als wenn das nun die Moderne wäre, und nicht Wissenschaft, Technik, Kultur. Und als wenn die Mehrheit der tunesischen Frauen nicht andere Sorgen hätte." Ihr zufolge ist der tunesische Feminismus eine Ideologie der in den Küstenstädten des Landes konzentrierten Bourgeoisie. Da mischt sich Falsches mit Richtigem, und es zeigt sich, dass Anissa die braunen Lederbände ihrer Eltern durchaus gelesen hat. Ein typischer Fall. Wie auch in Algerien prägt immer wieder der Marxismus die Diskurse, eine Spur aus der Zeit des sowjetischen Einflusses in Nordafrika.

Im Maghreb können Gespräche unerwartete Wendungen nehmen. Es kommt vor, dass man sich als Europäer gemütlich in einer Unterhaltung einrichtet, schließlich scheint ihr ein gemeinsames Verständnis dessen zugrunde zu liegen, was ein valides Argument ist – und dann kippt plötzlich alles um, wie in den Vexierbildern, die eine alte Frau oder ein junges Mädchen zeigen, je nachdem, was man sehen will. Man braucht beispielsweise nur das Existenzrecht Israels zu erwähnen. Oder es taucht die Frage auf, wie man denn so über Hitler denke. Als wenn die Meinungen darüber auseinandergehen könnten! Doch, leider, zuweilen gehen sie darüber auseinander.

Nur an diesem Tisch heute nicht, gottlob und hamdulillah. Küsschen auf die Wangen zum Abschied. Seither setzen wir unser Gespräch fort, auf Facebook.