Nein, der Mann war nicht mehr zu halten. Philipp Hildebrand fehlte das Sensorium, sein Amt in letzter Konsequenz auszufüllen. Er, der fast eine Million Franken pro Jahr verdient und ein beträchtliches Vermögen sein Eigen nennen dürfte, meinte, er könne sich als Chef der Notenbank zusammen mit seiner Frau noch ein bisschen auf den Aktien- und Devisenmärkten tummeln.

Nein, er wollte sich und seine Familie nicht wirklich bereichern, er wollte einfach ein Investment tätigen, so wie es die Kreise, aus denen er kommt, eben tun. Das war zwar im Rahmen der Richtlinien nach heutigem Wissen legal, aber es zeugte von enttäuschender Instinktlosigkeit. Ein Notenbanker bekommt ein fürstliches Einkommen, damit hat er sich zu begnügen, zum Kasino ist ihm der Zutritt verboten. Alle Devisengeschäfte müssten einem leitenden Angestellten der Notenbank verwehrt bleiben.

Das alles wäre mit schweizerischer Genauigkeit zu berichtigen und zu bestrafen gewesen – ohne es zum Äußersten kommen zu lassen. Aber die Gerichtshöfe der rechtsbürgerlichen Moral, die keine Strafprozessordnung kennen, hatten ihr Urteil schon länger gefällt. Philipp Hildebrand war in ihren Augen schuldig der Amtsanmaßung, er hatte sich erfrecht, den Banken Zügel anzulegen, den Franken an die europäische Realität anzubinden und sich auf internationalem Parkett zu bewegen. Und er genoss die Rückendeckung von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf , die sich erdreistet hatte, den Regierungssitz einzunehmen, der doch Christoph Blocher , bitte schön, auf Lebenszeit zusteht.

Dieser Rücktritt, so eindrucksvoll er gestaltet war, macht wütend. Hildebrand hat sich seinen Häschern ergeben. Sie schossen seit vielen Monaten mit ihren Schrotflinten, und irgendwann mussten sie treffen. Denn keiner ist ohne Fehl und Tadel. Mit seinem Abgang rettete der Mann die Glaubwürdigkeit der Nationalbank und womöglich seine Ehre und Ehe. Das wird sich zeigen, irgendwann, vielleicht.

Was aber gewiss ist, sind die politischen Kollateralschäden, die Hildebrand mit seinem sofortigen Abgang in Kauf nimmt. Er war einer der Besten, die man sich auf so einem Posten denken kann. Wer ihm begegnet ist, war beeindruckt von seiner Sachkenntnis, seinem Willen und seiner Rhetorik. In der Bevölkerung genoss er großes Vertrauen, auch weil er sich öffentlich exponierte. An solcher Exzellenz ist das Land wahrlich nicht reich. Aber man soll den Mann nicht überhöhen, auch ein Hildebrand ist ersetzbar, besser: Er muss es sein, sonst wäre die Schweiz arm dran. Und einen wesentlichen Teil seiner Arbeit hat er mit der too big to fail- Vorlage geleistet. Bloß wenn sich so einer der Schmierenkampagne beugt, dann ist das ein schlechtes Zeichen. Mancher fragt sich heute: Wenn der nicht standhalten kann, wer dann?

Eine pitoyable Rolle spielte in diesem Kesseltreiben die Wirtschaft. Es gab keinen führenden Vertreter vom Dachverband Economiesuisse, von der FDP , von den Gewerkschaften, der sich frühzeitig und mit aller Deutlichkeit hinter Hildebrand stellte. Wo waren denn die Hummlers und Pellis, Vasellas und Rechsteiners? Nein, sie leisteten gar das Gegenteil von Schützenhilfe, sie rupften ihre eigenen Hühnchen mit dem mächtigen Mann. Am 4. Januar etwa, mitten in der größten Schlammschlacht, fühlte sich der Gewerkschaftsbund noch bemüßigt, die Nationalbank für ihre Geldpolitik zu kritisieren. Jetzt aber, wo er weg vom Fenster ist, vergießen sie allesamt Krokodilstränen und »bedauern« den Rücktritt wortreich. Es wollte sich keiner die Finger an diesem Fall verbrennen, er könnte ja vom Strudel der Ereignisse mitgerissen werden. Schon mal was von Zivilcourage gehört, meine Herren?

Die Causa Hildebrand ist der vorläufige Höhepunkt eines Kampfs gegen die Institutionen, dem sich ausgerechnet die Partei verschrieben hat, welche die Schweiz im Namen trägt. Nach der Justiz (»Richterstaat«), der Politik (»classe politique«) folgt nun die Nationalbank. Nach Hildebrand werden der Bankrat und der Bundesrat unter Feuer geraten. Die Säulen, auf denen dieses Land ruht, sollen zerschossen werden.

Ihren Kampf führt die SVP ohne Rücksicht auf Verluste, menschliche wie institutionelle. Sie nimmt dafür sogar den Bruch des Bankkundengeheimnisses in Kauf, das ihr doch ach so am patriotischen Herzen liegt. Dies alles tun die Vertreter der Partei im Brustton der Überzeugung, der Rechthaberei, des Alarmismus. An ihrer Spitze steht mit Christoph Blocher ein Mann, der fröhlich zugibt, man müsse in der Politik halt auch mal die Unwahrheit sagen. Und dieser Mann besitzt auch noch die Unverfrorenheit, zu erklären, ihm gehe es nur um das Wohl des Landes. Man wolle, heißt es, die Institutionen stärken, indem man die Mitglieder, die sie schwächten, entferne. Wenn Philipp Hildebrand schwach war, dann möchte man wissen, wo die Starken wohnen. Außer in Herrliberg. Oder anders gefragt: Heiligt der Zweck denn jedes Mittel?

Das Schlachtfeld ist angerichtet. Politik und Wirtschaft sind völlig verunsichert – und das in diesen ungewissen Zeiten. Jeder schaut nur für sich und versucht, seine Schäflein ins Trockene zu bringen. Nein, das ist kein schöner Anblick. Wer erhebt endlich seine Stimme gegen dieses Tun, das uns allen schadet?