Verschlossen wie eine Auster tüftelt die Regierung an einem kühnen Projekt. Viele Milliarden – wie viele es genau sein sollen, das ändert sich fast täglich – sollen eingespart werden, besser noch zusätzlich in die Staatskasse fließen. Wie das genau gehen könnte, darüber erfahren die staunenden Wähler nichts. Noch zumindest einen Monat, oder möglicherweise länger – auch die Fristen, welche sich die Regierung setzt, variieren von Mal zu Mal –, soll das so zugeknöpft weitergehen, bis dann eines schönen Tages am Ende der geheimen Kabinettspolitik ein "Grundsatzabkommen" stehen soll. Viel Soll und wenig Haben. Das ist gewiss die richtige Grundlage für einen soliden Staatshaushalt, der selbst skeptische Rating-Agenturen beeindrucken wird. Oder soll. Einerlei, entscheidend für das Gelingen dieser großen Regierungsnummer ist es, dass niemand redet, denn sonst wollen alle mitreden, damit sie das Soll vom Haben erfolgreich zerreden können. Angesichts des drohenden Palavers entdecken nun sogar sozialdemokratische Minister die monastische Tugend des Schweigens.

Bislang kannte Österreich lediglich einen Schweigekanzler, der dünnlippig mit Worten knauserte, wo ein klares Wort von ihm gefordert schien. So kam Wolfgang Schüssel sieben Jahre lang über die Runden. Gleich ein ganzes Schweigekabinett ist nun allerdings eine überraschende Neuerung, die auf einen tief greifenden Sinneswandel im Ministerrat schließen lässt. Bis zum Jahreswechsel bestand die Hauptbeschäftigung der Regierung darin, mit vielen Worten nichts zu sagen und zusätzlich noch inhaltsleere Regierungsinserate für sich sprechen zu lassen. Das wurde Kommunikation genannt, und der Kanzler gebot sogar über einen Stab von sieben (manche sagen: acht) Fachkräften, die seine Worte in alle möglichen elektronischen Foren trugen. Botschaften waren freilich keine darunter, aber es zwitscherte immerhin munter.

Doch schlag zwölf in der Silvesternacht verstummte @teamkanzler (wie man sich modisch nannte). Kein Sterbenswörtchen mehr, da die neue Interaktionstechnik danach verlangt, vielsagend zu schweigen. In Arbeitswoche zwei des neuen Jahres sah sich die Bevölkerung jetzt mit einem komplizierten Rätsel konfrontiert. Nennen wir es das Marshall McLuhan’sche Paradoxon: Wenn in einer Kommunikationsformel das Medium aus Schweigen besteht, worin liegt dann seine Message? Die Auflösung verlangt nach einem dialektischen Kniff. Auf der einen Seite, der Sollseite, steht das Budget, neuerdings auch Schuldenbremse genannt. Auf der Habenseite hingegen haben die einen einen Gerechtigkeitsfimmel, und die anderen haben einen Leistungstick, weshalb sie keine gemeinsame Sprache finden. Aber, so doziert Wittgenstein in seinem Tractatus : "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen." Muss! Mit anderen Worten: Für alle, die jetzt nicht mitreden dürfen, wird es teuer.