Wie ein junger Trieb aus einem Eschenbaum, so soll dieses Haus emporwachsen, geschmeidig und wunderbar knospend. Bisher ist es nur ein Entwurf, ein Hotelturm, der vielleicht einmal in Dubai gebaut wird. Er stammt von dem in Berlin , Los Angeles und Peking beheimateten Architekturbüro Graft , das 1998 von Thomas Willemeit, Lars Krückeberg und Wolfram Putz gegründet wurde. Viele der Bauten und Entwürfe von Graft, denen zurzeit im Haus am Waldsee in Berlin eine Ausstellung gewidmet ist, sind nicht rechteckig, sondern weich und abgerundet geformt. Ihr Projekt Birds Island zum Beispiel, zwei Häuser im Urwald bei Kuala Lumpur, sieht wie Schwalben- oder Wespennester aus: Statt Mauern und Dach sollen einmal helle, unterschiedlich hoch in den Himmel steigende Textilstreifen die kleinen Wohnkuben umhüllen.

Diese Art von organischer Architektur hat eine lange Tradition, man kann ihre Formensprache schon im Barock finden, ausgeprägt dann im Jugendstil und im Expressionismus. Eine »organische Form«, so schrieb Frank Lloyd Wright einmal, wachse aus ihren Gegebenheiten wie eine Pflanze aus der Erde. »Organische Architektur, das ist eine Architektur der Freude und der Dramatik«, sagt Engelbert Kremser. Er zeigt auf das Modell eines Graft-Hochhauses: »Sehen Sie, wunderbare Formen. Schade, dass so etwas nur außerhalb von Deutschland gebaut wird.«

Kremser? Kaum jemand kennt den 1938 geborenen, in Potsdam lebenden Architekten, dabei ist er einer der großen Pioniere des organischen Bauens. Er ist der Großvater dieser Bewegung, so könnte man sagen – und die Jungs von Graft sind seine Enkel. Wir treffen uns mit dem durch und durch emphatischen Kremser in der Graft-Ausstellung und erkunden die Geschichte der organischen Architektur: Nach einem Rundgang setzen wir uns ins Museumscafé und blättern durch die Kataloge, die zu seiner Arbeit erschienen sind.

Kremsers erste öffentliche Ausstellung wurde 1968 ebenfalls in Berlin gezeigt. Frei Otto, der Miterfinder der olympischen Stadien in München , hielt damals die Eröffnungsrede. Zu sehen waren Modelle und Fotocollagen, von denen man gut eine Traditionslinie zu einigen Entwürfen von Graft ziehen kann, auch zu Bauten von Zaha Hadid, Frank Gehry und Peter Cook. Doch anders als seine Mitstreiter wider alles Rechtwinklige in der Architektur war der Vordenker Kremser mit seiner Erdarchitektur bis heute nie so recht erfolgreich.

Graft haben Hochhäuser und Shopping-Malls in China entworfen, Hotels in Berlin und Villen in Los Angeles gebaut. Kremsers realisierte Projekte lassen sich an zwei Händen abzählen. Er hat vor allem für Kinder und für Pflanzen gebaut: das Café am See des Bundesgartenschau-Geländes in Britz, das Berliner Pflanzenschutzamt, neue Gewächshäuser für den Botanischen Garten in Berlin, ein Spielhaus im berüchtigten Märkischen Viertel, eine Kindertagesstätte in Lübeck . Das Café und das Spielhaus gleichen Höhlen, von Weitem gesehen erinnern sie an den Panzer eines Reptils aus dem Mesozoikum.

Schon in seiner ersten Ausstellung sprach Kremser von »Erdarchitektur«, doch bedeutet das nicht, dass er aus Erde oder Lehm baut. Kremser ist ein großer Freund des Betons, ihm missfallen nur seit je die Zwänge, die sich durch Holzverschalungen ergeben. Erde sei doch eine preisgünstige, dabei aber ungemein flexible Alternative, um den flüssigen Beton in eine Form zu bringen. Das Spielhaus im Märkischen Viertel und das Café am See wurden so gebaut: Kremser ließ große Erdhügel aufwerfen – und schaufelte auch selbst daran mit –, modellierte die Oberfläche der Hügel sodann mit selbst gebauten Riesenkämmen, gab der Oberfläche so eine Struktur. Und dann wurde der Beton über die geformten Hügel geschüttet und dessen Oberseite ebenfalls im noch feuchten Zustand geformt. Zuletzt wurde die Erde unter den getrockneten Betondächern herausgebaggert – fertig war der Bau.

Kremser hat es schon immer gern wuchern lassen. Er hat auf dem Papier und in Modellen Methoden entwickelt, wie man mit der Erdbauweise mehrfach gekrümmte Schalen, sogar Hochhäuser und auch U-Bahn-Stationen bauen kann. Er hat um 1970 eine ganze Reihe von Fotocollagen erarbeitet, auf denen er Berlin von einigen seiner schaurigsten Bauten befreit, um sie durch seine blühenden Gewächse zu ersetzen. Am Standort des Europa-Centers nahe der Gedächtniskirche reckt sich auf der Collage eine riesige, weiche Koralle in den Himmel. Und am Rankeplatz schiebt sich ein mächtiges, expressionistisches Betongewächs in die Höhe. Kremsers Architektur sollte Kunst sein, er wollte bewohnbare Skulpturen schaffen, in denen sich die Menschen wohlfühlen. Hermann Finsterlin und Antoni Gaudí zählen zu seinen Vorbildern. »Die Anfangsidee des Bauhauses war fantastisch«, sagt er, »aber Gropius hat mit seiner industriellen Bauweise alles verhunzt. Räume können nicht neutral sein.«