DIE ZEIT: Herr Professor Thies, die CDU fordert die Einrichtung eines Bildungsrats . So steht es in ihrem neuen Bildungsprogramm. Sie gelten als Vater dieser Idee. Was bezwecken Sie damit?

Erich Thies: Erich Alle betonen die überragende Bedeutung der Bildung für die Zukunft des Landes. Aber es gibt keinen Ort, an dem sich der Bund und die Länder gemeinsam mit Experten systematisch und wirksam mit diesem Thema befassen. Diese Lücke könnte ein nationaler Bildungsrat füllen.

ZEIT: Sie hatten doch 13 Jahre lang Zeit, die Kultusministerkonferenz (KMK) in diese Richtung zu entwickeln. Von 1998 bis September 2011 waren Sie deren Generalsekretär.

Thies: Die KMK ist als reines Ländergremium dazu nicht geeignet. Der Widerstand gegen die Mitwirkung des Bundes ist in diesem Kreis enorm. Ein Vertreter des Bundesbildungsministeriums wird dort lediglich geduldet – ohne Stimmrecht. Das ist keine Basis für eine wirklich gute Zusammenarbeit.

ZEIT: Wie stellen Sie sich eine gute Basis vor?

Thies: Der Bildungsrat müsste ähnlich konstruiert sein wie der Wissenschaftsrat ...

ZEIT: ...der Bund und Länder in der Wissenschaftspolitik berät...

Thies: ...ja, und dessen Stimme von der Politik gehört wird.

ZEIT: Was macht den Erfolg des Wissenschaftsrats aus?

Thies: Das Geheimnis liegt in seiner Zusammensetzung. Dort bilden Vertreter von Bund und Ländern – darunter, ganz wichtig!, auch Finanzexperten – gleichberechtigt die sogenannte Verwaltungskommission, das ist die eine Hälfte des Wissenschaftsrats. Die andere Hälfte, die sogenannte Wissenschaftliche Kommission, besteht aus einer genialischen Mischung von gestandenen Forschern und Personen des öffentlichen Lebens – klugen Leuten mit gesundem Menschenverstand, Berufs- und Lebenserfahrung, die vom Bundespräsidenten berufen werden.

ZEIT: Und die verstehen sich?

Thies: Ganz ausgezeichnet sogar. Gerade die Personen des öffentlichen Lebens tragen dazu bei, dass kein kleinlicher Streit zwischen Bundes- und Ländervertretern aufkommt und dass Deutsch gesprochen wird und nicht Fachchinesisch. Ich habe zum Beispiel oft Ihre ZEIT - Kollegin Nina Grunenberg erlebt, die Mitglied des Wissenschaftsrats war. Sie hat mit ihrer Unbefangenheit, mit ihren scharfen, oft treffenden Fragen die Diskussion vorangebracht.

ZEIT: Es gab in den 1960er und 1970er Jahren schon einmal einen Bildungsrat, der dann im Streit aufgelöst wurde. Warum sollte es einem neuen Bildungsrat besser ergehen?

Thies: Damals wurde der Fehler gemacht, die Politik, die das Ganze umsetzen und bezahlen muss, nicht gleichberechtigt einzubeziehen. Im Bildungsrat, der eine Reihe interessanter Vorschläge gemacht hat, hatten die Fachleute und Bildungslobbyisten das Sagen. Die haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das darf man nicht wiederholen.

ZEIT: Mit welchen Themen sollte sich ein nationaler Bildungsrat befassen?

Thies: Es gibt drei große Probleme, die nur durch eine gemeinsame Anstrengung von Bund und Ländern, teilweise sogar der Kommunen zu lösen sind: die Verbesserung der Lehrerbildung, der Ausbau der frühkindlichen Bildung und die Finanzierung der Hochschulen, denn die Zusatzgelder des Bundes im Rahmen der Exzellenzinitiative und des sogenannten Hochschulpakts laufen demnächst aus.