Auf dem Couvert, dick gefüllt mit Bildern, steht: »Churchill«, aufgenommen an der Friedenskonferenz in Genf 1951. »Guisan« heißt ein anderer Umschlag, ein zweiter, dritter auch. Randvoll sind sie bepackt mit unzensierten Fotos: Der General raucht, der General streichelt sein Lieblingspferd, kurz vor seinem Tod. Dann der endlose Trauerzug, der Guisan das letzte Geleit gibt. Sein Pferd geht dicht hinter dem Sarg, der Sattel ist leer. Auch Königin Elisabeth liegt hier irgendwo begraben, zwischen Stapeltürmen von Filmschachteln, mehreren Millionen Negativen und Papierabzügen, Hunderttausend Farbdiapositiven und Zehntausenden von Glasplatten in Transportkisten.

Die Schweizer Geschichte, erzählt in ihren Pressebildern, gleicht einem Bergwerk.

Zumal in Affoltern am Albis. Vor den Toren Zürichs steht das Sammlungszentrum des Schweizerischen Nationalmuseums, Besitzerin der größten kulturhistorischen Sammlung des Landes. Mit 30 Millionen Franken sprang der Bund bei, um ein sinnlos gewordenes Zeughaus neu zu nutzen. Die Zürcher Stücheli Architekten versteiften das alte Gebäude mit einer Art Ritterrüstung und bauten für die Kulturgüter einen Sarkophag aus Stahl und Eisen, wie man in der Schweiz zu bauen gewohnt ist: großzügig, teuer, für die Ewigkeit gedacht.

Aber so perfekt die Hülle scheint, so ungelöst sind im Inneren die Probleme. Das Pressearchiv, das 2006 von der Eidgenossenschaft erworben wurde und hier lagert, stellt das Museum vor eine herkulische Aufgabe. Sein Korpus vereint zwei ehemalige Westschweizer Agenturen, die Presse Diffusion Lausanne (PDL, 1937–1973) und die Actualité Suisse Lausanne (ASL), welche die Journalistenlegende Roland Schlaefli im Hinblick auf die in der Schweiz ausgetragene Fußballweltmeisterschaft 1954 ins Leben rief. Seinem hartnäckigen Bemühen ist es zu verdanken, dass das Nationalmuseum den Ankauf tätigte und sich für dessen Rettung einsetzt. Mit der Ausstellung C’est la vie gibt man jetzt zum ersten Mal Einblick in diesen unermesslichen Schatz.

Doch während man jetzt im Landesmuseum ein paar Hundert Bilder öffentlich macht, kämpft man in Affoltern noch immer um den Erhalt des Ganzen. Denn erstens nagt der Zahn der Zeit. Wer weiß denn schon, wie lange sich ein Film hält? Sind es 30, sind es 40 Jahre für ein Farbdia? Der Alterungsprozess ist abhängig von der Sorgfalt der Lagerung und der früheren Umsicht im Entwicklungsbad. Zweitens müssen wissenschaftliche Strategien und Kriterien entwickelt werden, um das gigantische Bilder-Bergwerk für die Forschung zugänglich zu machen.

Dabei werden Historiker wie François de Capitani zu investigativen Kriminologen, wenn es darum geht, anonyme Bilder zu datieren und zu verstehen. Spontanindizien, Zufallslektüren sind nicht selten die Schlüssel dazu; kürzlich erst erschloss sich dem Wissenschaftler in den Tagebüchern des ehemaligen Bundesrats Markus Feldmann zum Beispiel die historische Dimension einer auf den ersten Blick belanglosen Aufnahme revoltierender Aprikosenbauern im Wallis 1953. Sie blockierten die Simplonbahnlinie, um den Import ausländischer Früchte zu verhindern – die Schweiz stand damals offenbar kurz vor der Mobilmachung.

Die Rettung des Pressearchivs ist aber weit mehr als eine edle Aufgabe: Die Zeitdokumente sind ein Spiegel der Schweiz, ihres wandeln- den Selbstverständnisses und ihrer Reflexion über sich selbst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg boomen die illustrierten Wochenblätter, versorgt mit Material von den Bildagenturen. Wöchentlich werden zwei Millionen Exemplare der verschiedensten Titel verkauft. Gemessen an der damaligen Einwohnerzahl von 4,5 Millionen Menschen, bedeutet dies, dass fast alle Schweizer Familien ein solches Blatt abonniert hatten. Die Illustrierte war das Fenster, durch das man weiter sah als bloß in den eigenen schön bestellten Vorgarten.

Vorzugsweise mit Fotoreportagen erklärten die Illustrierten der Schweizerin und dem Schweizer, was in ihrem Land vor sich ging. Und weshalb. Etwa in den Kriegsjahren im Seeland und im Surental. Dort waren damals Spahis, algerische Kavalleristen im Dienste der französischen Armee, interniert. Diese dunklen Männer in exotischen Kostümen sind von Juni 1940 an für einige Monate ein beliebtes Pressemotiv. Die entsprechenden Bilder erreichten jede Schweizer Küche, und die Zeitschriften, Tageszeitungen, Pfarrblätter warnten besorgt: »Junge Mädchen und Frauen werden darauf aufmerksam gemacht, dass besonders Soldaten der farbigen Truppe in gesundheitlicher und sittlicher Beziehung nicht einwandfrei sind.« Doch die Faszination des Anderen war stärker als der Mahnfinger. Man schmückte sich mit den Spahis am Stammtisch, man verkaufte ihre Porträts als Postkarten, die Fremden zogen jedes Wochenende Heerscharen von Schaulustigen an. Keiner wird das heute mehr glauben. Doch die Kamera war Zeugin, unbestechlich und scharf.

Die Ausstellung »C’est la vie, Pressebilder seit 1940« im Landesmuseum Zürich läuft bis zum 22. April. Ein Katalog erscheint im Limmat-Verlag.