Die Finanzen und ihre Geschichte waren Philipp Hildebrand nicht in die Wiege gelegt. Erst ihr praktisches Studium machte ihn demütig. Der Liebhaber von historischen Lektüren mit dem Spezialgebiet historische Reiseberichte pflegte zu sagen, die Institution Zentralbank sei größer als jedes menschliche Leben. "Staaten leben vielleicht nicht ewig, aber sie haben mit Bestimmtheit eine längere Lebensdauer als Individuen", lautete einer seiner Merksätze, die er im kleineren Kreis in den Raum warf.

Dass die Nationalbank einen diesen Staat tragenden Pfeiler darstellt, erwähnte er nicht. Die Konklusion war allen klar. Und noch etwas hallte in den Köpfen nach: Die Nationalbank ist die Kirche, die fast alles überdauert – der Direktor ist der kämpfende, verehrte Priester, dem eine Zeit als Vorsteher geschenkt ist. Ja, Philipp Hildebrand war nicht gänzlich frei von Narzissmus.

Doch der 48-Jährige war für Schweizer Verhältnisse ein ungewöhnlicher Nationalbankdirektor. Bei ihm traf Frisur auf Fertigkeit, Wirken auf Wissen. Er öffnete das zuvor für die meisten Zeitgenossen hermetisch abgeschlossene Gebiet der Währungspolitik und der Geldstrategien. Er suchte sein Publikum – plötzlich kannten alle den Namen ihres Notenbankchefs. Klar, seine Bedeutung war in den harten Zeiten von Immobilien-, Finanz- und Schuldenkrisen unglaublich gewachsen. Die Nationalbank musste sich den Märkten als letzte Verleiherin von Sicherheit in immer kleineren Abständen zeigen und Stärke markieren. Hildebrand wollte ihr Gesicht sein, und dies bereits vor seinem Amtsantritt am 1.Januar 2010. Die UBS wollte 2008 gerettet sein.

Doch nicht alle ertrugen seine Auftritte. Sie sahen nicht Brillanz und staatsmännisches Format, sondern die kaschierte Eitelkeit eines allzu Mächtigen. Man wartete auf seinen Moment der Schwäche. Man musste lange warten.

Allein, was sollte ein 1,94 Meter langer Mann auch gegen sein Auffallen ankämpfen? Den Bückling machen und durch die Welt robben? Wohin sollte man sich beispielsweise am Morgen des 9.August2007 als Notenbanker verkriechen, wenn um 8 Uhr das Interbankengeschäft weltweit stillsteht? Sollte Hildebrand – auch rückblickend – die historische Schwere dieses Momentes verneinen?

Es gab, im Privaten, auch den anderen Hildebrand. Den Zurückhaltenden. Den lange Zeit Stummen. Den Fragenden. Den Verblüfften. Den Neugierigen, der vieles über fremde Terrains wissen wollte. Geschmeidig streifte er in jenen Momenten den spröden Charme des obersten Währungshüters ab. Er verwandelte sich zum Interviewer, der einem Dialog selten aus dem Weg ging. Die kontrollierte Steife verschwand, die ihn sonst bei seinen Auftritten begleiten musste. Dort, in der Öffentlichkeit, galt: Nur ein falsches Wort, und der Frankenkurs würde bewegt, die Exportkraft geschwächt, ein weiteres mittelständisches Unternehmen gefährdet. In den behüteten, lockeren Momenten im vertrauten Rahmen indes zeigte Hildebrand eine Seite, die er selten preisgab: seine Schwärmerei.

In der angloamerikanischen Welt war Hildebrand in seinem Element

Er fand Muhammad Ali, "den größten Sportler des 20. Jahrhunderts", wahnsinnig gut und konnte über ihn begeisternd erzählen. Ein Bild des Champions in Schwarz-Weiß hing neben dem Bloomberg-Bildschirm in seinem Zürcher Büro. Dicht daneben übrigens der Spruch: "Keep calm and carry on." Die Fassung, die Würde und den Stil zu wahren, auch darin war Hildebrand ein Begeisterter.

Kaum zurückhalten konnte er sich, wenn er von internationalen Freundschaften berichtete. Das Abschluss-Barbecue in Jackson Hole zum Beispiel fand er aufregend, ja wunderbar. Dort, wo sich jedes Jahr im Spätsommer die globalen Finanzgrößen – Gouverneure, Zentralbanker, Finanzminister – auf Einladung der Federal Reserve Bank of Kansas City treffen, war Hildebrand in seinem Element. Angloamerikanische Angelegenheiten waren und sind sein Territorium, auch wenn er als Nationalbankmitglied in den letzten Jahren mehr Zeit in Asien hatte verbringen müssen als in den USA. Die Weltgewichte begannen sich schon seit 2003 rasant zu verschieben. Das war an Hildebrands Reiserouten abzulesen.

Doch zurück zum Barbecue: In Jackson Hole, im Mittleren Westen, fand und traf er regelmäßig seine Freunde, Mentoren und Beziehungspersonen. US-Finanzminister Timothy Geithner zum Beispiel. Paul Volcker, den ehemaligen Chef der US-Notenbank, ein Idol Hildebrands, das ihn unlängst öffentlich rühmte. Larry Summers, den ehemaligen Finanzminister von Bill Clinton, oder Mark Carney, den kanadischen Notenbankchef und Chairman des Financial Stability Boards, das wiederum die Regierungen der mächtigsten Staaten der Welt in Finanz-, Währungs- und Schuldenfragen berät. Carney ist ein besonders enger Freund der Familie Hildebrand. Er war ihr Trauzeuge.