Am Rand eines verwaisten Fußballfelds liegt ein junger Mann, halb zusammengerollt. Er trägt Jeans mit Nietengürtel, T-Shirt und Turnschuhe. Grelles Licht fällt auf die dürren Gräser am Maschendrahtzaun, die Hügelkette am Horizont verschwimmt im Dunst. Der Junge am Boden kehrt dem Betrachter den Rücken zu. Könnte man sein Gesicht sehen, es wäre vielleicht von der Droge Crystal Meth gezeichnet – so wie das vieler Jugendlicher, die Tobias Zielony in der kalifornischen Wüstenstadt Trona fotografiert hat.

Zielonys Atelier liegt in Berlin-Kreuzberg, an der Wand des kargen Raums lehnen zwei Rennräder, auf dem Regal steht ein Strauß frischer Blumen. Bekannt wurde der 1973 in Wuppertal geborene Künstler mit Porträtserien, die in Neapel , Los Angeles , Bristol oder wie unlängst in Winnipeg entstanden, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba. In Frankfurt ist dieser Zyklus gerade zu sehen, 42 Fotografien und eine Videoarbeit. An Winnipeg reizte Zielony die enorme soziale Kluft zwischen den Ureinwohnern und der weißen Mittelschicht. Gerade die indigenen Jugendlichen, erzählt er, hätten es schwer, ihre Tradition zu bewahren, wo doch die Regeln der weißen Mittelschicht gälten. Viele der jungen Männer auf seinen Fotos tragen Baseballcaps und Turnschuhe, dazu Jogginghosen und Hoodies. Ihre strengen Blicke und die massigen Oberarme erinnern an die bösen Buben in den Rapvideos auf MTV . Statt mit Kriegsbemalung schmücken sie sich mit Tattoos, einer trägt eine stilisierte Bärentatze auf dem Handrücken wie ein ironisches Zitat. Narben erzählen von den Kämpfen der Straße, manche der scharfen Gesichtszüge lassen noch die indianischen Vorfahren erahnen.

Einige der Jugendlichen, die Zielony um ein Foto bittet, glauben, er caste sie für eine dieser Shows, die sie so berühmt machen könnten wie ihre Vorbilder im Privatfernsehen.

Bei jemandem, dem es so mühelos gelingt, Einblick in den Mikrokosmos junger Menschen zu erhalten, will man wissen, wie dessen eigene Jugend war. Hat er sie in Wuppertal selbst erlebt, diese Kultur des Abhängens, Rumstehens? Zielony zögert. "Ich war immer extrem viel unterwegs." Einer in Bewegung sei er gewesen, ständig auf Demos, Konzerten und Reisen. Dass er einmal wochenlang nur rumgehangen hätte, daran kann er sich nicht erinnern. Was Zielony über seine Jugend erzählt, wirkt wie der Gegenentwurf zum Stillstand auf seinen Fotos.

Nach seinem Studium der Porträtfotografie in Newport, Wales , besuchte Zielony die Klasse von Timm Rautert an der Kunstakademie Leipzig. Weil er sich schon in Großbritannien mehr für die Jogginganzüge der Arbeiterklasse interessierte und ihm das Klein-Klein der wertungsfreien Kamera fremd blieb, entschied er sich bald gegen die vermeintliche Dokumentarfotografie. Seine Bildsprache ruft einem Larry Clark in Erinnerung. Während dieser aber ganz aufgeht in den Subkulturen, die er porträtiert, weil er auf denselben Partys feiert und dieselben Drogen nimmt, bringt Zielony "nicht den Schlafsack mit, um bei den Jugendlichen einzuziehen". Stattdessen bleibt er für sie ein Fremder in "einer Mischung aus extremer Intimität und Distanz". Oft erleichtern ihm Fotos vergangener Serien, die er den Jugendlichen zeigt, den Zugang zu einer Welt, die hermetisch von jener der Erwachsenen abgeschlossen ist. Mit manchen der Porträtierten hat er noch heute Kontakt, und oft entstehen die besten Fotos erst beim zweiten oder dritten Besuch. Da wird es spannend: "Wenn ich wiederkomme und Fotos verschenke, dann sehen sie, dass ich mich wirklich für sie interessiere. Weil sonst nie jemand kommt, der sich für sie interessiert."

Autos spielen auf diesen Fotos eine Rolle und besagte Turnschuhe. Manchmal geht es um Gewalt, manchmal auch um Drogen. Dabei zeigt der Künstler nicht mit dem moralischen Zeigefinger auf eine konsumorientierte Generation. Er wolle die Menschen auf seinen Bildern auch nicht automatisch mit dem Label "Unterschicht" stigmatisieren. Manchmal habe er gar nicht gewusst, ob es sich womöglich um Gymnasiasten handele, weil mitunter auch sie eine Leidenschaft für tiefergelegte Autos hegten. Entscheidend sei, dass Jugendliche in Halle-Neustadt ihre Identität mit derselben Zeichensprache konstruierten wie die Bewohner einer Banlieue in Marseille . Hier wie dort entscheide die Wahl der richtigen Sneakers über Zugehörigkeit und Status.

Warum sich seine Bildsprache auch in ihrer Serialität nicht erschöpft? Seit je spiegelt sich eine Gesellschaft gerne in ihrer Jugend und erforscht, was diese bewegt, wie sie sich abgrenzt. Ein Foto, das zeigt, wie junge Menschen sich im Schein einer brennenden Mülltonne selbst feiern, befriedigt die soziale Neugier und zugleich ein ästhetisches Interesse.

Einer der Protagonisten der Manitoba- Serie sitzt auf seinem BMX-Rad wie auf einem stolzen Pferd, leicht vornübergebeugt in Habachtstellung. Seine Haare hat er mit Gel so in Form gebracht, dass es wirkt, als habe der Fahrtwind sie zerzaust. Augenbraue und Unterlippe sind gepierct, der rechte, ausgelatschte Turnschuh ruht auf dem Fahrradpedal, bereit hineinzutreten. Dass Sneakers und Jogginganzug gerade dort zum Repertoire der Selbstdarstellung gehören, wo alles gegen Bewegung spricht, ist eine der Paradoxien in Zielonys Bildern. Wahrscheinlich wäre der Junge auf dem Fahrrad auch gerne wie der Künstler, ständig in Bewegung. Er scheint zu warten, sein Blick ist auf etwas außerhalb des Bildausschnitts gerichtet. Jetzt braucht er nur noch einen Grund, um loszufahren.

Noch bis zum 15. Januar im MMK Zollamt in Frankfurt/Main ( www.mmk-frankfurt.de )