d i Lorenzo: Viele deutsche Rentner bekommen heute eine Rente, die nur knapp über dem Existenzminimum liegt.

Schmidt: Das Existenzminimum ist, ebenso wie die sogenannte Armutsgrenze, eine relative Größe. All diese Begriffe orientieren sich am Durchschnitt der Gesamtgesellschaft. Wenn der Durchschnitt steigt, dann steigt automatisch auch die Armutsgrenze. Natürlich gibt es arme Leute, die von einer kleinen Rente leben müssen. Das hat aber damit zu tun, dass sie vorher nur geringe Beiträge eingezahlt haben.

di Lorenzo: Oder keine Zusatzversicherung abgeschlossen haben.

Schmidt: Wenn jemand sein Leben lang gearbeitet und in die staatliche Rentenversicherung eingezahlt hat, ist die Rente auskömmlich.

di Lorenzo: Zahlen die Gutverdienenden und Vermögenden in diesem Land genug Steuern?

Schmidt: Es gibt ganz gewiss sehr viele Menschen in Deutschland, die ein hohes Einkommen haben oder über ein beträchtliches Vermögen verfügen und nicht genug zahlen, weil sie ihr Geld geschickt und nicht notwendigerweise gesetzwidrig in Steueroasen angelegt haben.

di Lorenzo: Finden Sie, dass die Steuersätze für Spitzenverdiener angemessen hoch sind?

Schmidt: Sie können durchaus erhöht werden; vor allem aber sollte die Vermögensteuer wiederhergestellt werden.

di Lorenzo: Sie finden es ungerecht, dass Ihre Partei den Spitzensteuersatz von 42 auf 49 Prozent erhöhen will?

Schmidt: Steuersätze sind Tagespolitik, dazu will ich mich nicht äußern.

di Lorenzo: Wären Sie bereit, vorübergehend höhere Steuern zu bezahlen?

Schmidt: Ich bin bereit, die Steuern zu zahlen, die der Staat mir auferlegt. Das eigentliche Problem liegt, wie schon gesagt, woanders: Es gibt zu viele schlechte Vorbilder. Das schlimmste Beispiel sind Finanz- und Bankmanager; über die regt sich das Publikum zu Recht auf. Wie heißen diese Jungs, die da in Manhattan die Investmenthäuser belagern?

di Lorenzo: Occupy.

Schmidt:Occupy , ja. Deren Protest kann ich sehr gut nachvollziehen. Und die politisch verantwortlichen Abgeordneten sollten diese Bewegung ernst nehmen. Hinter dem Protest von Occupy steckt zwar auch ein Neidkomplex, auch wenn die das selbst nicht gern zugeben werden.