Der Mensch ist angeblich das einzige Lebewesen, das weinen kann. So gesehen ist die Weltpolitik eindeutig menschlicher geworden. Es wird viel geweint heutzutage. Unter Helmut Kohl galten Tränen noch als Zeichen von Schwäche. Weinen durfte nur der Kanzler selbst, meistens geschah das aus Rührung über sich selbst. Angela Merkel und Claudia Nolte hingegen, damals junge Ministerinnen, trugen ihre öffentlichen Tränen im Kabinett den Beinamen »Mädchen« ein, eine heute veraltete Ausdrucksweise für: Du Opfer!

Ausgerechnet unter Gerhard »Nur die Harten kommen in den Garten« Schröder wurde das Weinen salonfähig. Die Grünenchefin Claudia Roth ist ohne Tränen gar nicht denkbar, Schröder selbst weinte zusammen mit seiner Frau Doris, sein Finanzminister, der eiserne Hans Eichel , weinte eigentlich ständig. Seither sind alle Dämme gebrochen. In den vergangenen Jahren weinten sogar die Konservativen, dass tausend Taschentücher nicht ausgereicht hätten: Christian Boetticher (»Es war schlichtweg Liebe«) weinte um seine Karriere, Horst Köhler um sein Amt.

Es gilt offenbar die neue Postgender-Doktrin der Piraten: Frauen dürfen grundsätzlich weinen, Männer auch. Entscheidender ist etwas anderes. Der Mensch weint, um Mitgefühl auszulösen, evolutionsmäßig kann er gar nicht anders. Ein Politiker braucht Mitleid jedoch so wenig wie ein Bundespräsident einen Privatkredit . Zuletzt traf es Newt Gingrich , den früheren mächtigen Sprecher des US-Repräsentantenhauses. »Newt trägt mehr Last mit sich als Fluggesellschaften«, lautet der Slogan seiner Gegner. Das bezieht sich nicht auf den Leibesumfang des vierschrötigen Republikaners, sondern auf Verstrickungen und Affären in der Vergangenheit. Die Tränen in die Augen trieben Gingrich im Vorwahlkampf aber nicht Gewissensbisse, sondern Fragen nach seiner verstorbenen Mutter. Vor einem Publikum von Frauen (!) brach der Mann in Schluchzen aus. Beobachter fühlten sich sogleich an das Phänomen der Krokodilstränen erinnert: Wenn Alligatoren ihre Beute verschlingen, steigt ihnen das Wasser in die Augen, nicht vor Mitleid, sondern vor Anstrengung.

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Genützt hat das Weinen gegen den Absturz Gingrich nicht: Bei der ersten Runde des Vorwahlkampfs landete er hinter seinen Konkurrenten. Was lehrt uns das? In der Politik nutzen Tränen nur dem Amtsinhaber. Bei ihm gelten sie als Indiz für das Vorhandensein erfreulicher Bestände an Menschlichkeit, während sie dem Machtwoller als Taktik oder Weinerlichkeit ausgelegt werden. Auch die Tränendrüse will beherrscht sein.