Ist Griechenland im Jahr 3 der Krise noch zu retten? Ja, glaubt Jorgo Chatzimarkakis. Seine Forderung klingt nach dem großen Befreiungsschlag. "Die EU muss endlich einen hohen Beauftragten mit echten Durchgriffsrechten nach Athen entsenden", fordert der liberale EU-Parlamentarier. Genau daran mangele es der Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds. Deren Ökonomen reisen Ende der Woche wieder nach Griechenland , um die Reformanstrengungen der griechischen Regierung zu kontrollieren. "Die Experten mahnen zum Sparen, doch das allein genügt eben nicht", sagt Chatzimarkakis, der selbst griechische Wurzeln hat.

Ihn hat zuletzt ein Report der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ( OECD ) aufgeschreckt, wonach es der gesamten griechischen Verwaltung an Werkzeugen, Organisationskultur und der Fähigkeit zu einer kohärenten Politikgestaltung fehle. Jedes Ministerium habe 439 interne Verwaltungseinheiten, rechnet die OECD vor. Damit ist kein Staat zu machen. "Die griechische Bevölkerung sehnt sich nach jemandem, der handelt", sagt Chatzimarkakis.

Auch Elmar Brok ( CDU ) ist nicht gut auf die Troika zu sprechen. Für das Europäische Parlament handelt der Abgeordnete derzeit die neuen EU-Verträge mit den Mitgliedsstaaten aus. Die Griechen aber brauchten etwas ganz anderes als neue Verträge und neuen Druck, sagt Brok. "Sie brauchen Bilder von Baggern." Bilder, die zeigen, dass gebaut wird, dass es also wieder aufwärtsgehen kann. So habe die EU 16 Milliarden Euro für Investitionen bereitgestellt, aber die Troika denke nur in der Kategorie "Sparen, sparen, sparen". Wem jedoch die Rente oder der Lohn um 25 Prozent gekürzt werde, der brauche auch eine Perspektive, sagt Brok. "Die Menschen müssen Licht am Ende des Tunnels sehen." Viel Zeit bleibt nicht.

Anfang der Woche machten Gerüchte um einen disorderly default, also eine ungeordnete Staatspleite, in den Handelsräumen der Großbanken die Runde. Der griechische Regierungschef Lucas Papademos selbst warnte vor diesem Szenario für den Fall, dass sich Großbanken nicht auf einen freiwilligen Schuldenverzicht von 50 Prozent einigen könnten. EU-Währungskommissar Olli Rehn beschwichtigte umgehend. Die Gespräche seien auf einem guten Weg, versicherte er der ZEIT. "In jeder Verhandlungsrunde werden Gerüchte über eine plötzliche Staatspleite gestreut, das ist völliger Unsinn und Zeitverschwendung." Doch die Händler rechneten da längst mit anderen Zahlen. Um die Staatsinsolvenz zu verhindern, müsse die Branche freiwillig auf einen noch viel größeren Teil ihrer Forderungen verzichten als bisher angenommen. "Die Szenarien gehen in Richtung 75 Prozent", sagt der Volkswirt einer großen europäischen Bank. Mit anderen Worten: Die Branche müsste bis zu 75 Prozent ihrer Griechenlandanleihen abschreiben, Schätzungen zufolge in Höhe von rund 150 Milliarden Euro. Selbst die geordnete Insolvenz würde somit teuer. Das sei der Hauptgrund, warum Griechenland auch in dieser Woche die Schlagzeilen bestimme und der Besuch der Experten von EU-Kommission , Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds in der Finanzbranche mehr gefürchtet als herbeigesehnt werde.