ZEIT: ...ein sadistischer Nazi und Serienmörder...

Craig: ...ihn auf einen Drink hereinbittet. Blomquist sollte nicht annehmen. Aber es ist eine menschliche Reaktion, dass er es aus Höflichkeit trotzdem tut. Blomquist hat eigentlich entsetzliche Angst. Aber er hofft, dass es schon gut gehen wird. Nein, sagt er sich, mein Gegenüber ist kein Mörder, sondern nur etwas merkwürdig. Das Publikum dagegen an denkt dieser Stelle: "Nein! Geh da nicht rein!"

ZEIT: Ein präzise kalkulierter Schauder. Wie ist es im wirklichen Leben?

Craig: Jeder Soldat, der an der Front war, erzählt, dass dort alle eine Scheißangst haben. Selbst wenn man darin ausgebildet ist, mit ihr umzugehen. Die Angst bleibt. Das hält einen am Leben. Für normale Menschen wäre Angst auf diesem Level wahrscheinlich komplett lähmend. Wenn es gefährlich wird, geht meist alles extrem schnell. So wie Autounfälle oder Schlägereien. Die dauern nur wenige Augenblicke.

ZEIT: Waren Sie selber mal in eine Schlägerei verwickelt?

Craig: Ich würde sagen, ja. Ich habe in Bars gearbeitet. Habe Leute am Kragen gepackt und vor die Tür gesetzt. Die wirklich üblen Schlägereien waren die von Frauen. Da gab es immer sehr viel Blut.

ZEIT: Sie hatten nie Angst, bei einer Konfrontation dazwischenzugehen?

Craig: Komischerweise nicht. Wenn man hinter einer Bar steht, macht man sie zu seinem Territorium und sagt: Dies ist mein Haus. Raus mit euch! Außerdem sind schon allein dreißig Sekunden Kampf für prügelnde Amateure unglaublich anstrengend. Der Alkohol putscht die Leute auf. Dreißig Sekunden lang geben sie Vollgas, aber dann stehen sie japsend da. Dann kriegt man sie.

Craigs internationaler Durchbruch kam spät, im Alter von 38 Jahren. Seine Kollegen von der Schauspielschule, Ewan McGregor und Ralph Fiennes, waren schon Stars, da jobbte er noch als Kellner. Er spielte im Old Vic Theatre in London, das heute von Kevin Spacey geleitet wird. Seine TV-Serien und sein erster großer Erfolg, " Layer Cake", in dem er einen Kokain-Dealer spielte, wurden in Deutschland kaum wahrgenommen. Ehe er zur sechsten und bislang erfolgreichsten Inkarnation von James Bond wurde, galt er als Idealbesetzung für Nebenrollen; etwa in "Road To Perdition" an der Seite von Tom Hanks oder in Steven Spielbergs "München". Obwohl er privat keine Waffen mag, drückt er vor der Kamera immer häufiger den Abzug.

ZEIT: In welcher Situation in Ihrem eigenen Leben mussten Sie erst Ihre Angst überwinden?

Craig: Ich habe Höhenangst. Aber bei den Dreharbeiten für Ein Quantum Trost sollte ich aus dem Fenster springen, auf einen fahrenden Bus. Der Bus kam die Straße heruntergefahren. Ich sollte auf einer Plattform etwa zwei Meter oberhalb des Busses landen. Ich sah den Bus auf mich zukommen. Ich sah den Bürgersteig etwa zehn Meter unter mir.

ZEIT: Was dachten Sie in dem Augenblick, als Sie sprangen?

Craig: Dass ich sterben würde.

ZEIT: Sie sind trotzdem gesprungen.

Craig: Ich hatte wohl mehr Angst vor der Blamage, wenn ich runterklettere und nicht springe, als vor dem Sprung selbst. Ich habe es geschafft, aber ich will es nicht noch einmal erleben. Ich musste das dreimal machen. Hoffte, es würde mit jedem Mal leichter. Aber es wurde schwerer und schwerer. Ich weiß nicht, ob ich die Angst wirklich besiegt habe. Ich habe in meiner Freizeit immer noch keine Lust, aus Flugzeugen zu springen. Das kann ich auch, indem ich ein Buch lese.

ZEIT: Gibt es einen Gedanken, der Ihnen in diesen Momenten hilft?

Craig: Der Glaube, dass ich dem körperlich gewachsen bin. Ich habe solche Szenen ja vorher am Boden geprobt. Wäre das nicht der Fall, würde ich jemand anderes bitten, für mich zu springen.

ZEIT: Worin besteht trotz aller Vorkehrungen die Gefahr?

Craig: Das größte Problem ist das Adrenalin. Dass man zu viel Gas gibt. Statt vor der Wand zu landen, springt man dann durch sie hindurch. Deshalb sind Stuntmänner so gut in ihrem Job, wegen der Selbstbeherrschung. Sie sind Menschen, die professionell beängstigende Dinge tun. Ich bin kein Stuntman, sondern Schauspieler. Ich muss jedes Mal üben, bevor ich etwas tue. Dann habe ich mein Adrenalin vielleicht besser unter Kontrolle.

ZEIT: In Verblendung gibt es, wie schon in anderen Filmen von David Fincher, Bezüge zur Bibel. Sind Sie gläubig?

Craig: Ich bin Atheist.

Er senkt die Stimme, setzt zweimal an, ehe er es ausspricht. Warum wollen die Leute nur immer hinter die Rolle schauen? Der Reiz am Schauspiel besteht doch gerade in der Verwandlung.