DIE ZEIT: Herr Schorlemmer , eine der schönsten Bibelstellen besagt, ein Jegliches habe seine Zeit und alles Tun seine Stunde. Mit anderen Worten: Irgendwann ist Schluss. Sie waren Herausgeber des Freitags , bis jetzt der Verleger Jakob Augstein Sie und Ihre Mitstreiter Daniela Dahn , György Dalos , Frithjof Schmitt rauswarf. Was haben Sie als Theologe eigentlich an der Spitze einer Wochenzeitung gemacht?

Friedrich Schorlemmer: Ich war nicht an der Spitze, sondern verstand mich als Berater – einer, den man um Rat fragt und der durch seine Haltung die Zeitung repräsentiert. In der Funktion waren wir aber unter Jakob Augstein schon lange nicht mehr gefordert.

DIE ZEIT: Warum?

Schorlemmer: Weil die Entscheidungen ohne uns getroffen wurden und wir sie nur kommentierten. Mir war es Anliegen, die politischen Implikationen des theologischen Denkens hochzuhalten, so wie mein Vorgänger beim Freitag, der Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann . Auch ich glaube an ein kritisches Wächteramt von Christen. Da orientiere ich mich an meinem Lieblingspropheten Jeremia, der nie – gegen die Weißwäscher – die Klappe halten konnte und oft eins aufs Maul bekam.

DIE ZEIT: Sollen moderne Journalisten wirklich von biblischen Propheten lernen?

Schorlemmer: Ein Prophet sagt, was Sache ist, ohne den Anspruch zu erheben, als Einziger zu wissen, was Sache ist. Er steht für Entschiedenheit ohne Totalitarismus.

DIE ZEIT: Ihr Verleger findet, »das Institut der Herausgeber« habe sich »überlebt«. Wie erfuhren Sie von dem Aus?

Schorlemmer: Per Post. Da hieß es, »wir« hätten jetzt eine starke Chefredaktion, und die neue Identität der Zeitung sei klar definiert. Augstein bedankt sich – aber dann werden wir zwangsemeritiert.

DIE ZEIT: Waren die Herausgeber zu teuer?

Schorlemmer: Nein. Wir wurden als Ehrenamtliche nicht bezahlt. Übrigens stehen im Freitag trotz der marginalen Auflage immer wieder bemerkenswerte, auch sprachlich eindrucksvolle Texte – nicht zuletzt von Jakob Augstein. Aber die neue Führung muss aufpassen, dass sie nicht selbstherrlich wird.

DIE ZEIT: Hat das Ende der Herausgeberschaft auch mit dem 2009 abgeschafften Label Ost-West-Wochenzeitung zu tun?

Schorlemmer: Die Abschaffung war sicher ein Bruch. Man kann ein Thema nicht erledigen, indem man behauptet, es sei erledigt. Die Nachwehen von vierzig Jahren Teilung zu bearbeiten, das steht weiter an.

DIE ZEIT: Was schätzen Sie am neuen Freitag?

Schorlemmer: Dass er gegenüber dem Kommunismus als einem verbrecherischen Irrtum der Weltgeschichte ideologiekritischer geworden ist. Gut wäre, wenn die Zeitung auch gegenüber der bestehenden Ideologie des Mehrwerts kritisch bleibt. Sie muss große Themen wie die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen oder die globalisierungsbedingten Rückfälle ins Regionale, Religiöse, Reaktionäre beackern. Sie muss das Alltägliche ins Grundsätzliche wenden. Sie muss uns lehren, die Welt nicht als Kampfplatz, sondern als Lebensraum für alle zu denken.

DIE ZEIT: Sie sagen also immer noch »Schwerter zu Pflugscharen!«?

Schorlemmer: Aber ja. Als Theologe habe ich ein realistisches, aber nicht hoffnungsloses Verhältnis zur Welt. Wir können die Welt nicht ändern, ohne uns selbst zu ändern. Wir können nicht gesellschaftskritisch sein, ohne selbstkritisch zu sein. Darin sehe ich auch die Aufgabe von Theologie: kritische Reflexion der Menschheit und des Menschen, der ich selber bin.

DIE ZEIT: Und was wünschen Sie dem Freitag?

Schorlemmer: Dass er vom Sonntag her lebt. Sonntag ist der Tag, an dem wir sehen, wie schön das Leben sein kann, an dem wir es genießen, befragen und besingen. Wo beim Hören von Bach sich einfach ein Gedanke einstellt, was wie anders werden kann.

DIE ZEIT: Werden Sie sich künftig langweilen?

Schorlemmer: Ach, nein. Ich schreibe, bin aktiv im Brandt-Kreis, aber vor allem bin ich am Leben. Was mir zuvor als Aufgabe von außen zufiel, ist inneres Bedürfnis geblieben.