ZEIT: Wann kamen Sie zum ersten Mal mit dem Phänomen in Berührung?

Steinbrink: Ich habe lange zu städtischer Armut in Südafrika geforscht – ich war sozusagen als "professional slummer" unterwegs. Während eines Interviews mit einer Gruppe von Township-Bewohnern tauchte plötzlich eine Gruppe von Weißen in kurzen Hosen und mit Fotoapparaten auf – eindeutig Touristen. Das hat mich damals sehr erstaunt und irgendwie auch in meiner Feldforschereitelkeit gekränkt.

ZEIT: Und wie ist daraus ein Forschungsgegenstand geworden?

Steinbrink: Ich organisierte mit einem Kollegen ein Studienprojekt in Kapstadt. Es ging damals, 2007, mit den Studierenden um die Frage, wie Slums zu Orten des Tourismus werden. Konkret interessierte uns, wie sich durch die Touren das Image von Townships ändert. Dazu haben wir Besucher vor und nach der Besichtigung befragt.

ZEIT: Und?

Steinbrink: Wir stellten fest, dass sich die Ansichten der Touristen während des Besuchs stark verändern. Vorher werden mit den Slums vor allem Elend, Dreck, Krankheit und Kriminalität assoziiert – hinterher sind viele dagegen regelrecht begeistert von der Kultur, der Vielfalt, der Lebendigkeit in diesen Stadtgebieten .

ZEIT: Wird damit über die Armut hinweggesehen?

Steinbrink: Man kann darüber diskutieren, ob die Begeisterung der Besucher etwas Positives ist oder eher mit einer Romantisierung und Entproblematisierung von Armut zu tun hat. Ich persönlich halte es durchaus für fragwürdig, wenn Armut nicht mehr als strukturelle Ungleichheit gedeutet wird, sondern als Ausdruck von "afrikanischer Kultur" oder Lebensweise. Auf diese Weise transportieren die Touren allzu leicht koloniale Stereotype und die Idee von "arm, aber glücklich".

ZEIT: Was halten denn die Slum-Bewohner selbst von den Touristen, die bei ihnen vorbeischauen?

Steinbrink: Der großen Mehrheit ist der Tourismus egal. Manchen Bewohnern gefällt es, dass sich die Öffentlichkeit endlich zu interessieren scheint. Sie entwickeln teilweise sogar einen Stolz auf ihren Stadtteil. Andere fühlen sich gestört – vor allem wenn ihre Privatsphäre nicht gewahrt bleibt.

Steinbrink: Sind Slum-Touristen also doch Voyeure?

Steinbrink: Das ist ja hierzulande ein bekannter Vorwurf. Besonders in den Medien werden Slum-Touristen gern mit Zoobesuchern verglichen und die Führungen als menschenunwürdiges Zurschaustellen des Elends bewertet. Weil diese moralischen Bedenken den Blick auf den Slum-Tourismus prägen, müssen die entsprechenden Anbieter darauf reagieren. Sie versuchen eine Umdeutung: In der Werbung werden kulturelle Aspekte der Tour in den Vordergrund gestellt – die Touristen schlüpfen damit in die Rolle von "Bildungs- und Kulturreisenden". Das klingt doch auch für ZEIT- Leser akzeptabel, oder? Eine andere Strategie ist es, den Hilfe-Aspekt hervorzuheben – der Tourist wird zu einer Art Entwicklungshelfer erklärt ...

ZEIT: ...weil er den Slum-Bewohnern die Chance auf wirtschaftliche Entwicklung gibt. Stimmt das denn auch?

Steinbrink: Nur in einem sehr begrenzten Maße. Es sind Einzelne, die profitieren: zuallererst die Tour-Anbieter selbst – obwohl die meist nicht in den Slums wohnen; oder diejenigen, die Kunsthandwerk oder Essen an die Touristen verkaufen. In Südafrika und Brasilien wird versucht, diese Tourismusform zu fördern, aber die Erfolge für die Armutsbekämpfung sind bisher gering. Der Zugang zum Markt bleibt für Slum-Bewohner schwierig.

ZEIT: Ist Slum-Tourismus eine Modeerscheinung?

Steinbrink: Die Neugierde auf den Slum ist so alt wie der Slum selbst. In Südafrika und Brasilien gibt es Slum-Touristen schon seit zwanzig Jahren. Dort wird das Angebot inzwischen differenziert, es finden spezielle Graffiti- oder Musik-Touren statt. Slum-Tourismus boomt, und derzeit kommen weltweit neue Städte hinzu. An geeigneten Attraktionen herrscht ja kein Mangel.