Mitte der fünfziger Jahre lebt in Bagdad ein Mann namens Anwar. Er ist nicht mehr jung, alt ist er auch nicht, er ist nicht verbittert, doch eine Zukunft liegt nicht vor ihm. Als Bote verdingt er sich in den Häusern der Wohlhabenden, kleine Gänge tagein, tagaus. Früher einmal konnte er sich in der Illusion wiegen, eine wichtige Aufgabe, ja eine Mission zu haben. Anwar hat eine Geschichte, und was für eine, doch Bagdad ist das stehende Nichts, der Stillstand, das ewige arabische Elend. Das ist ähnlich wie früher, in den Dreißigern, als er ein junger Räuber war, der an den Fassaden der Paläste emporkletterte und sich ein Stück vom Reichtum sicherte. Dazwischen liegt das Abenteuer, die große Geschichte. Als er einen deutschen Arzt sieht, der plötzlich in seiner Stadt auftaucht und der ihm einmal das Leben gerettet hat, kommt alles wieder in ihm hoch.

Den Hauptteil dieses voluminösen Buchs nimmt eine gewaltige Rückblende ein. Der Roman ist eine Lebensgeschichte, vielleicht auch so etwas Ähnliches wie eine Beichte, zumindest eine Erinnerung, die nichts mehr beschönigt, weil sie ehrlich sein kann aus Resignation. Der Berliner Autor Sherko Fatah – die Wurzeln seiner Familie gehen selbst in den Irak zurück – hat mit seinem vierten Roman ein Irak-Epos geschrieben. Es spielt in der unruhigsten Epoche des 20. Jahrhunderts. Fatahs Held ist ein Zeuge dieser Zeit, ein Mitläufer, Opfer ihrer politischen Bewegungen, ein arabischer Simplizissimus.

Anwar kommt ganz von unten, er ist ein Gassenjunge, der in einer Verbrecherbande aufgenommen wird und sich trotzdem mit dem Sohn einer reichen jüdischen Familie befreundet. Anwar kommt in Kontakt mit den irakischen Nationalisten, die gegen die Reste der britischen Kolonialherrschaft kämpfen. Weil er nicht dumm ist, nutzen auch die wahren Herren des Landes seine Dienste, die Militärs. Schließlich gelangt er in den Umkreis des Großmuftis von Bagdad, der schon vor Kriegsbeginn eine islamistische Politik einfädelt – und sich dafür mit den Nazis verbündet. Zur selben Zeit lernt er die Schwester seines jüdischen Freundes kennen: Einen Moment lang scheint das Unmögliche möglich zu werden, blitzt eine andere Zukunft auf, ein bürgerliches Leben, eine Existenz ohne dauernde Überlebenskämpfe, Frieden. Aber das historische Schicksal will es anders, und Anwar ist längst in die Fallstricke der Politik geraten.

Ein weißes Land ist ein historischer Abenteuerroman: Einen »mittleren« Charakter, nicht zu klug, nicht zu naiv, weder reich noch mächtig, aber der Herr seiner selbst, spült es durch die Zeitläufte – vor dem Hintergrund des Great Game der Weltmächte. Walter Scott schrieb solche Romane und Rudyard Kipling, aber ein wichtiger Unterschied zu den Vorbildern liegt darin, dass Fatahs Held kein Objekt der Identifikation ist, anders übrigens auch als die Figur des Kerim aus seinem Roman Das dunkle Schiff von 2008. Anwar ist nicht unschuldig, er ist berechnend, gierig und opportunistisch. Er ist der treue Diener auch der finstersten Herren. Und er landet auf der bösen Seite der historischen Schlacht, denn er folgt dem Großmufti ins Berlin der Hitlerzeit und rückt als Soldat der Ostturkmenischen Division der Waffen-SS in den Krieg aus.

Es ist nicht schön, was er erlebt. Sein Gesicht wird entstellt, aber er wird von dem Nazi-Arzt Doktor Stein gerettet. Sherko Fatah erzählt einfach, teils lakonisch. Faszinierend zu lesen geraten ihm besonders die Passagen über das Vorkriegs-Bagdad. Ihnen gegenüber fallen die Episoden ab, die in Berlin und an der Ostfront spielen. Aus der Täterperspektive das Vorgehen der SS im Osten zu schildern ist heikel. Der Autor muss bei seiner Figur bleiben und kann aus seiner Erzählhaltung nicht ausbrechen. So weht Landser-Atmosphäre in ein Buch, das seine Qualität ansonsten durch die originelle Perspektive seines Helden erreicht.

Nach dem Krieg gelangt Anwar in seine Heimat zurück. Jener Doktor Stein nimmt Kontakt mit ihm auf. Der Arzt arbeitet inzwischen für die Organisation Gehlen und kämpft schon gegen den nächsten Feind, den Kommunismus. Man erinnert sich daran, dass Anwar früher gute Beziehungen zu den Juden pflegte. Nun soll er, als seine einstigen Freunde Zionisten sind und die Juden Bagdads, die für Jahrhunderte diese Stadt zum Zentrum des Handels gemacht haben, nach Israel ausfliegen, noch einmal als Vermittler tätig werden. Es geht schief. Anwar wird für nichts belohnt. Er bleibt, wo er ist und wie er begann: unten und einsam.

Der Leser lernt eine Menge aus diesem sehr genau recherchierten Roman über eine eher unbekannte Phase der Geschichte, in der das Schicksal der arabischen Welt aufs Engste mit Deutschland verflochten war. Er lernt etwas über das alte, das kosmopolitische Bagdad, in dem das Leben nicht ohne Spannungen verlief, das aber eine einzigartige Kultur hervorgebracht hatte. Das historische Unglück des Iraks wird begreifbar, dieses Landes, das immer Spielball der Mächte gewesen ist, sich nie befreien konnte und später in Diktatur und Bürgerkrieg versinkt. Sherko Fatah ist ein furchtloser Epiker. Er wagt sich an die Vorgeschichte des Konfliktes zwischen Arabern und Juden, zwischen Israel und seinen Nachbarn, ohne falsche Friedensromantik, ohne Schuldzuweisungen an die eine oder andere Seite. Sein gewiefter zeitgeschichtlicher Erzählrealismus hat im Augenblick kaum Entsprechungen in der deutschen Literatur. Vor allem: Sein Stoff ist überhaupt nicht mehr exotisch, da die Welt und ihre Konfliktspuren längst in Deutschland präsent sind. Es ist überfällig, dass die deutsche Literatur auch in dieser Hinsicht an Welthaltigkeit hinzugewinnt.