Das Weiße Haus ist ein Monument, ein Museum, eine Festung und – ein Zuhause. Paare, die da heimisch werden wollen, kann man sich nur als Einheitsfront vorstellen, mit Betonfrisuren, Betonkindern und einer Betonbeziehung.

Aber seit 2008 ist etwas in Bewegung geraten. Da sind plötzlich zwei autonome Erwachsene, die sich auch bei offiziellen Anlässen tief in die Augen sehen. Die flirten, während sie mit sich und dem anderen permanent ihre Rollen neu verhandeln: als Frau und Mann, als Eltern, Schwarze und Aktivisten, als Präsident und First Lady.

Mitten im Weißen Haus, dem Adlerhorst der Konvention, ereignet sich unter den Augen der staunenden Öffentlichkeit ein Experiment mit offenem Ausgang. Jodi Kantor, jüngste Feuilleton-Chefin in der Geschichte der New York Times, hat es nun beschrieben. Die Obamas zeigt eine Ehe in Bewegung, die nicht nur das Paar selbst verändert hat, sondern auch die Vorstellung von modernen Ehen.

Da ist zum Beispiel die Konvention von der Frau als Opfer der Karriere ihres Mannes. Eine leidenschaftliche, intelligente, in Harvard ausgebildete Juristin, Urururenkelin einer Sklavin, gibt für den Mann, den sie wenige Jahre zuvor noch in ihrer Kanzlei als Azubi angestellt hat, ihre Karriere auf. Nun gut, er ist ein besonderer Mann, aus Kansas-Kenia-Indonesien, mit Ambitionen bis nach Alaska , und sie glaubt an seine politische Mission von der Versöhnung eines zerrissenen Landes, aber trotzdem. Wer in seinem Leben auch nur eine halbe Soap-Opera gesehen hat, weiß, was jetzt eigentlich kommen muss: Sie nimmt ihm ihren Verzicht übel. Sie lässt ihn das Opfer, das sie für ihn und die Kinder gebracht hat, bitter bezahlen, Tag und Nacht, Jahr um Jahr.

Bei den Obamas kommt es anders, und alle können es sehen. Sie streiten, verhandeln – was sie auch der staunenden Öffentlichkeit nicht verbergen – und schaffen sich neue Rollen. Keiner weiß, wie es mit ihnen ausgehen wird. Aber dass sie die Öffentlichkeit eines Tages mit einer Praktikantin, schmierigen Lügen und heimlichen Blowjobs überraschen werden – dagegen würden wohl auch diejenigen wetten, die das schwarze First Couple hassen wie die Pest, und das sind ja nicht wenige. Der family values- Republikaner Newt Gingrich heiratet gerade seine vierte Betonfrisur. Die Obamas sind zu konservativ für so etwas.

Der Start, 2008, war für ihn fabelhaft. Ausgerechnet das Weiße Haus bot Barack Obama das, wonach der weitgehend vaterlos Aufgewachsene sich immer gesehnt hatte: ein Familienleben. Als Senator in Illinois hatten sie eine Pendler-Beziehung geführt, jetzt konnte er endlich mit Michelle, seiner Frau, besten Freundin und Beraterin , und mit seinen zauberhaften Töchtern Malia und Sasha unter einem Dach leben. Hier können Familien Kaffee kochen! Gab es je einen Präsidenten, der so dachte?

Für die Ehe aber war die erste Zeit eine Riesenbelastung . »Wir hatten so ein schönes Leben«, soll Michelle oft geseufzt haben. Nie mit den Kindern spontan im Garten Fußball spielen können, nie einfach den verdammten Hund ausführen, nicht reden und lachen können, wie es einem passt, schließlich kommen jede Sekunde Besuchergruppen den Flur herunter; stattdessen Hände schütteln, Plätzchen backen, vorsichtig reden. Zu Hause in Chicago hatten sie jeden Freitagabend date night, für die Michelle immer zu ihrem Friseur und zur Maniküre ging. Kaum im Weißen Haus eingezogen, buchte Barack für den erstmöglichen Freitag die Air Force One zum Flug an den Broadway, mit anschließendem Essen im noblen Blue Hill. Am selben Abend kidnappten Piraten ein amerikanisches Containerschiff, General Motors ging in die Insolvenz, und die Schweinegrippe brach aus. Noch während die Obamas beim Essen saßen, gaben die Republikaner eine Pressemitteilung heraus: »Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Abend, auch wenn Sie gerade nicht auf Kosten der Steuerzahler in der Weltgeschichte herumjetten.«