Der "Aufstieg des Westens", meint Niall Ferguson, sei "das vielleicht schwierigste Rätsel, das die Historiker zu lösen haben". Alle Versuche, das versteht man, sind bisher gescheitert. Was aber, wenn doch jemand daherkäme und es löste? Die Historie hätte ihren Terminator gefunden, die Sphinx stürzte sich verzweifelt von ihrem Felsen. Tausende würden dem nun geheimnis- und reizlos gewordenen Gewerbe des Historikers schleunigst den Rücken kehren. Da Ferguson keinen Zweifel daran lässt, dass er selbst das Rätsel aller Rätsel geknackt hat, steht man schaudernd vor diesem Buch. Ist dieser Harvard-Professor der Vollender und zugleich Totengräber aller Geschichtswissenschaft? In einer Fußnote nennt der Wirtschaftsexperte seine – erstaunlich englische – Auswahl der unvergänglichen Texte der abendländischen Tradition: die (King-James-)Bibel sowie Werke von William Shakespeare , Isaac Newton , John Locke, Adam Smith , Edmund Burke und Charles Darwin . Kein Historiker ist in diesem Pantheon vertreten; nur wer das tiefste aller Rätsel löst, wird den leeren Platz einnehmen dürfen.

Nun verbirgt sich hinter dem Problem, warum der Westen so erfolgreich "aufgestiegen" sei, ein zweites, kaum weniger interessantes: Warum hat dies, wenn Ferguson recht hat, noch niemand erklären können? Denn seit dem späten 18. Jahrhundert haben sich viele Denker darüber den Kopf zerbrochen, weshalb zumindest Westeuropa der übrigen Welt an Reichtum vorauseile und warum es militärisch in Übersee (nahezu) unbesiegbar sei. 1785 sah der Göttinger Historiker und Staatswissenschaftler August Ludwig Schlözer die Hauptursache im "Erfindungsgeist" der Europäer. Sie hätten "Compaß, Pulver, Papir und Druckerei, Brillen, Uhren und Posten" zur Perfektion gebracht. "Mit Hülfe jener Erfindungen", so der nüchterne Aufklärer, "entdeckten wir drei neue Welten und unterjochten, plünderten, cultivirten oder verwüsteten sie". Seither hat das Problem von Europas Sonderrolle in der Geschichte vor allem die Wirtschaftshistoriker nicht losgelassen. Eine ganze Wissenschaft, die Soziologie, befasst sich seit ihren Anfängen mit der Frage nach den Entstehungsbedingungen der spezifisch europäischen, dann nach Nordamerika exportierten "Moderne". Globalhistoriker versuchen neuerdings, die Industrialisierung im weltweiten Vergleich zu interpretieren. All das beeindruckt Ferguson wenig.

Wenn er in der schimmernden Rüstung des erlösenden Schwanenritters auftritt und die gesamte bisherige Diskussion vom Tisch wischt, dann gibt es drei Möglichkeiten: Er kennt seine Vorgänger nicht, er hält sie für Dummköpfe, oder man redet über unterschiedliche Dinge. Die erste Möglichkeit wird man diesem blitzschnell arbeitenden, gut informierten Autor nicht unterstellen wollen. Die zweite trifft durchaus zu. Dort, wo er sich überhaupt um frühere Beiträge zu seinem Thema schert, urteilt er schneidend und ungerecht: David Landes, der Verfasser von Wohlstand und Armut der Nationen (1999), dem Fergusons Argumentation manches verdankt, wird mit einer Nebenbemerkung abgespeist, der heute viel diskutierte Kenneth Pomeranz brüsk korrigiert. Den "Klassikern" ergeht es nicht besser. Karl Marx, "ein unangenehmer Mensch, ein ungepflegter Schnorrer", sieht sich polemisch demontiert, Max Weber wieder einmal auf seine Protestantismusthese reduziert, als hätte er keine viel umfassendere Theorie der okzidentalen Rationalisierung entwickelt.

Auch die dritte Vermutung trifft zu: Man redet aneinander vorbei. Frühere Autoren gaben sich viel Mühe, zu definieren, was sie erklären wollten: warum nur die Europäer überseeische Kolonialreiche gründeten; warum die Industrialisierung der Welt in England begann und nicht etwa in Frankreich oder in der Gegend um Nanjing und Shanghai; warum sich im Laufe der Neuzeit eine Wohlstandsschere zwischen den reichsten Gegenden Europas und Asiens öffnete; warum Europäer und Nordamerikaner zwischen etwa 1800 und 1950 (nahezu) jeden Krieg gegen Asiaten und Afrikaner gewannen; warum Elemente der europäischen Kultur, vor allem Konsummuster, freiwillig, also ohne imperialen Zwang, in vielen Teilen der Welt zunächst von Eliten und später auch von einem Massenpublikum übernommen wurden; warum im Westen entstandene Normen wie Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte universalen Anklang gefunden haben.

Ferguson verklumpt solche Fragen zu seinem allumfassenden Superrätsel: Warum ist "der Westen" mehrere Jahrhunderte lang und bis an die Schwelle zur Gegenwart dem "Rest" der Welt in jeder nur denkbaren Hinsicht (allein eine biologisch-rassistische Argumentation wird selbstverständlich vermieden) überlegen gewesen, warum war er die Quelle alles Guten in der Welt? Materieller Fortschritt, Europas Überschuss an "intellektueller Leistungsfähigkeit" (im Original prägnanter: brainpower) und moralisch-normative Höherwertigkeit gehen Hand in Hand. "Zivilisation" existiert nur im Singular. "Der Westen" ist dabei eine Art von rückwärts projizierter Nato plus Israel , minus Türkei (die heute durch Islamismus und eine "neo-osmanische Außenpolitik" vom Westen wegdrifte). Zuweilen scheint für Ferguson – wie für sein Idol Winston Churchill – "die Zivilisation" mit den English-speaking peoples identisch zu sein. Süd- und Südosteuropa zählen kaum, Lateinamerika, kulturell in vieler Hinsicht Europa sehr nahe, kommt nur ganz am Rande vor. Alles Islamische erscheint als aggressiver Anti-Westen, die indische Geschichte als eine des permanenten Versagens. Stets werden Unterschiede dramatisiert, Ähnlichkeiten heruntergespielt. Wer, wie Japan von 1868 an, vom Westen zu lernen versuchte, wird der Lächerlichkeit preisgegeben: "Da die Japaner keine Ahnung hatten, welche Elemente der westlichen Kultur und welche Institutionen die entscheidenden waren, entschlossen sie sich, einfach alles zu kopieren."