Mit zugestöpselten Ohren durch eine Kathedrale zu laufen ist eine seltsame Erfahrung: Die Schritte hallen nicht nach, das sakrale Echo verstummt. Wir machen das nur, weil es gleich laut wird. Aber davon werden die vielen Besucher, die sich zur sonntäglichen Morgenmesse in der Londoner St Paul’s Cathedral einfinden, kaum etwas mitbekommen. Sie sitzen unten im Halbkreis unter der mächtigen Kuppel, lauschen dem Orgelvorspiel, sehen an der Kuppeldecke Szene aus dem Leben des heiligen Paulus und in der Apsis den Hochaltar mit den gezwirbelten Säulen.

Wir schleichen über die Galerie des Langhauses, zwölf Glöcknerinnen und Glöckner plus Besucherin, und sehen hinunter ins Mittelschiff. Über dessen schwarz-weiße Fliesen schritt Diana zur Hochzeit mit Charles. Wir kommen am Nähzimmer vorbei, das ebenfalls auf der Galerie liegt. Hier lagern Dutzende Messgewänder. Wir sehen die vielen Entwürfe Sir Christopher Wrens an den Wänden der Galerie. Der Londoner Baumeister hat die Kathedrale nach dem großen Feuer von 1666 neu erbaut, heute liegt er in der Krypta begraben. Diese Einblicke in eine der berühmtesten Kirchen der Welt bekommen wir nur, weil wir ja irgendwie zu den Glocken im nordwestlichen Turm müssen, die von den zwölf Damen und Herren gleich eine halbe Stunde lang in Handarbeit 520 Mal geläutet werden.

Zwölf Glocken – und von Hand? Selbst das Hauptgeläut des Kölner Doms besteht nur aus acht Glocken. Und dafür gibt es Elektromotoren, wie das üblich ist in Mitteleuropa . Ein Knopfdruck, und es macht »ding-dong«. Darüber kann man hier nur müde lächeln. Denn die Engländer sind ein Volk von Glöcknern. Etliche von ihnen treffen sich in engen Läutestuben, um stundenlang nach festgelegten Mustern, sogenannten Methoden, die mathematisch der Gruppentheorie zuzuordnen sind, zu musizieren. 6.000 Kirchengeläute im ganzen Land werden von Hand zum Klingen gebracht. Dutzende »Ringing Societies« bilden immer neue Glöckner aus.

Sie alle üben jetzt für das landesweite Konzert am 27. Juli, wenn das Olympische Feuer London erreicht . Dann sollen die Glocken aller 6.000 Kirchtürme drei Minuten lang erklingen – sakrale Salutschüsse für den Sport. Aber schon jetzt kann jeder London-Tourist etwas läuten hören. Das Ohr dafür muss der Kontinentaleuropäer jedoch erst entwickeln, denn unsere Glocken machen eben bloß »ding« und »dong«. Wie anders die englischen!

»Glockenläuten ist eine eigenständige Kunst«, sagt John White. Er gehört zum kleinen Kreis derer, die die Glocken der prächtigen St. Paul’s Cathedral läuten dürfen und können. Jeden Sonntagmorgen vor den Messen, zweimal eine halbe Stunde. Die tiefste der zwölf Glocken, die Bassglocke, wiegt drei Tonnen. John ist ein stämmiger Mann, er schafft das. Wir schrauben uns durch den Turm über eine Wendeltreppe nach oben. Viele schmale Treppenstufen später öffnet sich knarrend eine Holztür. Die Läutestube dahinter ist ein kleiner sechseckiger Raum. Zwölf daumendicke Seile hängen im Kreis von der sechs Meter hohen Decke. Jedes besitzt einen verdickten, flauschigen Teil in der Mitte. Der flauschige Teil heißt »Sally«. An Seil und Sally wird gleich gezogen.

»Ab hier wirklich nur noch mit Ohrenstöpseln weiter«, mahnt John White. Während die Spieler ihr Stück durchsprechen, führt er mich eine Etage höher zum Glockenstuhl. Darin hängen zwölf verschieden große Glocken an einem Gerüst aus Holzbalken, dem Joch. Jede ist mit einem hölzernen Rad verbunden, an dem das Seil befestigt ist, das der Glöckner unten im Läutesaal zieht. Die Glocken hängen aber nicht wie erwartet: Ihre Öffnungen zeigen nach oben. »Das ist ihre Startposition. Ein Widerstand hält sie oben in einem labilen Gleichgewicht. So müssen die Spieler nur kurz am Seil ziehen. Dank Schwerkraft schwingt die Glocke nach unten, und es dongt direkt.« Am Ende eines Zuges zeigt die Öffnung wieder nach oben. So etwas können Kontinentalglocken nicht. »Die Seile hier sind ziemlich lang, 20 Meter, und der Glockenstuhl ist von 1878 – alles ziemlich alt und deshalb schwer zu beherrschen«, sagt John. Er läutet seit 40 Jahren.

Punkt Viertel vor zehn bricht ein Ding-Dang-Dong-Deng-Orkan los. Oder Dang-Deng-Dong-Ding, so genau kann man das nicht sagen. Es geht zu schnell. Hier oben wirft es einen fast um. John lächelt. Er trägt ja auch einen Spezialkopfhörer. Ob er schon mal ein Dezibelmessgerät dabeihatte? – »Was?«