Das Experiment – Seite 1

Er war nicht nur ein Frauenarzt, er war wohl auch so etwas wie ein Frauenheld. Ein Mann mit Aura, eine Erscheinung. Vor mehr als 60 Jahren hat Elga Kramer-Warnekros ihren Onkel zum letzten Mal gesehen. Nahezu ein ganzes Leben ist seither vergangen; aber ihr Bild von ihm ist klar, als hätte sie ihn gestern noch getroffen; es hat sich eingebrannt in ihre Erinnerung: "Oh ja", sagt die Dame, "dass Kurt ein attraktiver Mann war, können Sie glauben." Sie ist 84 Jahre alt, aber nun kichert sie wie ein junges Mädchen. "Nach dem", sagt sie, "haben sich viele umgedreht. In meiner Familie gab es den Spruch, dass eine Frau allein für Kurt wohl niemals genug gewesen wäre."

Und tatsächlich – die Fotos in den Frauenmagazinen der 1930er Jahre zeigen Kurt Warnekros als gut aussehend; ein großer, schlanker Mann mit markantem Gesicht. Ein Typ wie Clark Gable , der Hauptdarsteller in Vom Winde verweht . Einer für die Leinwand.

Jetzt, Jahrzehnte nach seinem Tod, könnte Kurt Warnekros tatsächlich zu einem Leinwandhelden werden, in einer Verfilmung zu spätem Ruhm gelangen. Denn der Gynäkologe sah nicht nur sagenhaft aus – er schrieb auch Geschichte. Mit einer der ersten Geschlechtsumwandlungen der Welt. Von einer "Großtat allerersten Ranges", einem Fall "ohne Entsprechung in den Annalen der Medizin" berichteten in- und ausländische Zeitungen Anfang 1931. Dem Direktor der Staatlichen Frauenklinik und Hebammen-Lehranstalt Dresden sei etwas Einzigartiges gelungen: "die vollkommene geistige und körperliche Umwandlung eines Menschen".

Warnekros hatte in seinem Operationssaal aus dem dänischen Maler Einar Wegener eine Frau gemacht: Lili, die sich als Dank an die Stadt Dresden den Nachnamen Elbe gab. Heute mögen geschlechtsangleichende Operationen Routine sein; damals wagten sich außer dem Dresdner Arzt nur wenige andere wie der Berliner Sexualforscher Magnus Hirschfeld an den Eingriff. Doch so spektakulär die Geschichte der Lili Elbe war, so schnell geriet sie in Vergessenheit. Auch in der Stadt, in der ihre entscheidenden Szenen spielten.

Nun wird die ganze Welt von Warnekros und Lili Elbe erfahren, große Hollywoodstars werden dafür sorgen. The Danish Girl soll der Film heißen, für den die Berliner Produktionsfirma Senator Stars wie Nicole Kidman und Rachel Weisz verpflichtet hat. Im Frühjahr sollen die Dreharbeiten beginnen, auch in Dresden. Wer den Gynäkologen Warnekros darstellen wird, ist indes noch nicht entschieden.

Der Operateur selbst wird in dem Film ohnehin nur eine Randfigur sein. In Lili Elbes Leben jedoch spielte dieser Ludwig Julius Ernst Kurt Warnekros eine Hauptrolle. Elbe hatte das Dasein als Einar Wegener, als Frau gefangen zu sein in einem männlichem Körper, wie eine "Schicksalstragödie" empfunden. Den Mann, der sie daraus befreite, verehrte sie als Lebensretter.

Glaubt man Lili Elbes "Lebensbeichte" hat Warnekros wahre Wunder vollbracht

Auch Warnekros selbst schien nach der Operation zunächst ganz berauscht zu sein von seinem Werk: Im Interview mit der dänischen Zeitung Ekstra Bladet betonte er noch Anfang 1931, französische Top-Ärzte hätten Lili Elbe nicht helfen können. Er aber habe erkannt, "dass es mit einem operativen Eingriff möglich sein müsste, die arme Frau von ihren jahrelangen Leiden zu befreien und sie dem Leben als neuen Menschen zurückzugeben". Das "Experiment" ohne Präzedenzfall sei "über alle Erwartungen geglückt".

Glaubt man Lili Elbes "Lebensbeichte", die ein Journalist für sie aufschrieb, hat Warnekros wahre Wunder vollbracht und ihr, nachdem die männlichen Geschlechtsteile entfernt waren, nicht nur eine Vagina geformt, sondern auch Eierstöcke eingepflanzt. Sogar ihren größten Wunsch, ein Kind zur Welt bringen zu können, habe ihr der Professor erfüllen wollen – es sei die Implantation einer Gebärmutter geplant gewesen.

Das allerdings hält im Rückblick die Krefelder Urologin Susanne Krege, heute eine der wichtigsten deutschen Expertinnen für geschlechtsangleichende Operationen, für unmöglich: Das Einsetzen weiblicher Organe sei etwas, "das zu keinem Zeitpunkt ging und geht". Wenn Lili Elbe dies für möglich gehalten habe, sei sie "einer Illusion" erlegen, sagt Krege.

Auch Marina Lienert, Mitarbeiterin am Institut für Medizingeschichte der TU Dresden , glaubt nicht an Elbes Schilderungen: "Es ist kaum vorstellbar, dass Warnekros sich an eine solche Operation gewagt hätte." Falls er es doch getan habe, sei es vermutlich zu Abstoßungsreaktionen und vielleicht Infektionen gekommen, mit tödlichem Ausgang. "Vielleicht hat er Lili Elbe aber in ihren letzten Tagen auch einfach nicht mehr aufregen wollen und ihr gesagt, was sie hören wollte." Lienert hat vor zehn Jahren Warnekros’ Nichte ausfindig gemacht und von ihr dessen Nachlass erhalten: Den wertete sie akribisch aus, fand aber nicht auf alle Fragen eine Antwort.

Sicher ist, dass Lili Elbe im September 1931, knapp anderthalb Jahre nach der ersten Operation durch Warnekros, in der Dresdner Klinik nach einem chirurgischen Eingriff starb. Was zuvor mit ihr geschehen ist, weiß niemand. OP-Unterlagen gibt es nicht mehr; die Dokumente sind im Februar 1945 verbrannt. Warnekros selbst, der in den Interviews noch so euphorisch über die Umwandlung jubilierte, hat nach dem Tod Elbes wissenschaftlich nie zu dem Fall publiziert. Ein Echo der Fachwelt auf den Eingriff fehlt deshalb.

Der heutige Leiter der Dresdner Frauenklinik , Wolfgang Distler, bemerkt jedenfalls etwas süffisant, Warnekros sei zwar ein recht guter Operateur gewesen, habe vor allem aber allzeit danach gestrebt, "seinen guten Ruf überall zu verbreiten" – und das, wie im Falle der Elbe-OP, auch auf "Boulevard-Niveau". In seiner wissenschaftlichen Karriere gebe es im Grunde "nichts, das die Welt beeindruckt hätte".

Der Gynäkologe war zeitlebens ein Fan der Frauen

Doch da urteilt der Kollege vielleicht zu hart: Denn Warnekros’ fachliche Hinterlassenschaft geht über den Fall Lili Elbe weit hinaus. So forschte der 1882 in Neustrelitz geborene Arzt vor allem in der Anfangszeit seiner Karriere auf dem Gebiet der Röntgenstrahlung. Sein Röntgenatlas zeigte 1918 erstmals eine Zusammenstellung spektakulärer Aufnahmen von "Schwangerschaft und Geburt im Röntgenbilde". Die Aufnahmen seien immens wichtig für die Geburtshilfe geworden, sagt Marina Lienert, "auch wenn Warnekros dafür Frauen und Kinder Risiken aussetzte, die aus heutiger Sicht völlig inakzeptabel sind".

Und die er vermutlich heute selbst bedauern würde: Der Gynäkologe war zeitlebens ein Fan der Frauen, der Schaden von ihnen abwenden wollte. Seinen Patientinnen gab er das Gefühl, bei ihm in den besten Händen zu sein – und Fachleute teilten diesen Eindruck. So erinnerte sich einer seiner Kollegen in einem Interview daran, wie Warnekros "aus der Oper kommend, im Frack im Kreißsaal erschien" und eine "verzweifelte geburtshilfliche Situation" überaus "elegant beendete". Zwar, so der ehemalige Oberarzt von Warnekros’ Klinik, habe es der Chef geliebt, "sich in der dritten Person anreden zu lassen" und sich gegenüber Mitarbeitern "betont despotisch" gegeben. Bei seinen Patientinnen habe er jedoch keinerlei Standesdünkel gekannt: "Da konnte der sonst so vornehme Mann sich auf eine kleine Fußbank setzen und sich mit der Patientin unterhalten. Er schickte diesen Frauen auch Sekt aus seinem Bestand."

Warnekros glaubte daran, dass jeder Mensch "ein Anrecht auf Behandlung" habe. Von den Nationalsozialisten wollte er sich keine Vorschriften machen lassen. Für seine Karriere war das eine gefährliche Überzeugung: Im Oktober 1936 wurde gegen ihn als "Judengünstling" ermittelt; wegen seiner deutlichen "Schwäche für das weibliche Geschlecht, verbunden vielleicht mit einer perversen Neigung zum jüdisch-vorderasiatischen". Als Warnekros die Frau des sächsischen NSDAP -Gauleiters Martin Mutschmann behandelte, wurde das Verfahren eingestellt. Der Arzt aber blieb bei seiner Haltung und missachtete die Anordnung, "nicht reichsdeutsche" Patientinnen strikt getrennt vom Klinikbetrieb in Baracken unterzubringen. 1944 half er Eva Olbricht, deren Mann am Stauffenberg-Attentat auf Hitler beteiligt gewesen war, bei der Flucht aus Dresden. Nach Kriegsende verließ Warnekros selbst die Stadt. Er folgte einer langjährigen Freundin, der Baronin von Goldschmidt-Rothschild, nach Paris , wo er 1949 starb.

Der Ruf, den der Professor unter den Dresdnerinnen genoss, hallte lange nach – und wäre heute wohl geeignet, den Chef einer Frauenklinik in größte Schwierigkeiten zu bringen. "Warnekros war ein charmanter Mann mit großer Wirkung auf seine Patientinnen", sagt Marina Lienert. "Damals kursierte der Scherz, manche Frau würde nur schwanger werden, um bei ihm entbinden zu können."

Lienert hat dafür gesorgt, dass Teile von Warnekros’ Nachlass in der Ausstellung des Medizinhistorischen Instituts zu sehen sind. Sein imposanter Arztkoffer aber müsse unbeachtet im Archiv bleiben, weil er zu groß sei für die Vitrine, bedauert sie. Für das Filmposter aber wird sich ganz sicher ein Platz finden.