Seine behütete Kindheit war ein kurzer Traum. Dann gingen die Geschäfte seines Vaters immer schlechter, die Mutter zerbrach am gesellschaftlichen Abstieg. Eine Banklehre gab seinem Leben nur scheinbar eine äußere Form. Das wahre Leben suchte er mit dem stärkeren älteren Bruder. In seinem Schlepptau ging er ins Ausland, wo er in arrivierten Künstlerkreisen verkehrte. Eine Aura des Mysteriösen und der Freiheit umgab den schlanken jungen Mann, mit zwanzig Jahren galt er als Talent und wurde gefördert. Hin und wieder leistete er sich jedoch taktlose Entgleisungen. Die Rolle des "jungen Wilden" spielte er vor allem später, in der Boheme der Stadt seiner Erfolge. Wie man es von Naturburschen erwartete, benahmen sich beide Brüder ordentlich daneben.

Drei in drei Jahren wie nebenher entstandene Werke machten ihn berühmt. In ihnen spielte er seine Lebensthemen durch: Dienen als verborgenes Herrschen, Sich-klein-Machen als Bedingung von Lachen und Freiheit. Identität ließ sich nur fragmentarisch in der Distanz zu den herrschenden Verhältnissen erreichen.

Das verlotterte Großstadtleben, das Saufen in anrüchigen Kneipen und Varietés gab er auf und kehrte in seine Heimatstadt zurück. Sieben Jahre lebte er bescheiden in der Mansarde eines Hotels, verdiente seinen Lebensunterhalt in untergeordneten Stellungen, behauptete aber zäh sein Selbstbild als Künstler. Tiefer gehenden Bindungen verweigerte er sich, lieber entwarf er Gedankenbilder der Menschen, denen er begegnete. Der Angestellten eines Pflegeheims, für Jahre seine engste Freundin, schrieb er, für die Liebe sei er "fraglos zu grob" und für eine Ehe reiche sein Geld nicht. Da hatte er die Stellung am Staatsarchiv seines Landes, die ihm für kurze Zeit Sicherheit gab, schon aufgegeben. Auch wenn er immer mehr vereinsamte und sich vernachlässigte, arbeitete er weiter wie besessen an seinem Werk. Allein dort war er bei sich. In der letzten Sammlung, die er herausgab, entwarf er sein Selbstbild: einer, der nicht genau wusste, wer er war, oft rüpelhaft, einsam, unreif, sich selbst eine Last – eine Randfigur des Lebens.

Nach einer psychischen Krise lebte er in einem Sanatorium, willfährig in akzeptierter Begrenzung, als werde ihm so die Angst genommen. Gegen die Verlegung an einen anderen Ort wehrte er sich zunächst, fügte sich dann aber in ein verengtes, isoliertes und genau geregeltes Dasein, erschien ruhig, unauffällig, luzid, vollkommen gleichgültig. Die Rolle des Kranken beherrschte er perfekt. Bei Wanderungen und in Gesprächen über Literatur mit dem letzten seiner wenigen Freunde zeigte er sich als kenntnisreiches Gegenüber mit klaren Urteilen. Sein Schicksal kommentierte er einsichtsvoll: "So habe ich mein eigenes Leben gelebt, an der Peripherie der bürgerlichen Existenz, und war es nicht gut so?" Wer war’s?

Lösung aus Nr. 2:

Gérard Depardieu (*27.12.1948 in Châteauroux) gilt als Berserker des französischen Kinos. Er ist in allen Genres von der leichten Komödie bis zur anspruchsvollen Tragödie zu Hause. Der Arbeitersohn kam mit 17 Jahren nach Paris , nahm Schauspielunterricht und ging ans Theater. 1967 wurde er fürs Kino entdeckt und hat seither in bald 200 Filmen unter großen Regisseuren mitgespielt. Meilensteine waren "Die Ausgebufften", "1900", "Die letzte Metro", "Die Frau nebenan" und "Cyrano von Bergerac". Zuletzt sah man ihn in "Mammuth", "Das Labyrinth der Wörter" und einmal mehr als Obelix. Nebenher betätigt sich der preisgekrönte Darsteller als Winzer auf dem Land, betreibt in Paris ein Restaurant und eine Fischhandlung – und machte unlängst Schlagzeilen, als er im Flugzeug auf den Boden pinkelte…