Stars der Pop- und Filmwelt, die es in die Politik drängt, begegnet man in unseren Breitengraden aus guten Gründen mit Skepsis. Tatort -Kommissar Peter Sodann machte als Bellevue-Kandidat der Linken keine glückliche Figur. Und die Parole » Bushido for president« – der Rapper soll mit dem Gedanken an eine Parteigründung spielen – würde der aktuellen deutschen Debatte zwar eine besondere Note geben. Bloß will die eigentlich keiner.

Weiter südlich misst man dem Thema mehr Ernst bei. Gilberto Gil , Ikone der Bossa Nova und Mitbegründer des Tropicalismo, hat fünf Jahre als Kulturminister Brasiliens absolviert, Rubén Blades, Salsa-Star und dazu ein ziemlich guter Schauspieler, mischte in den neunziger Jahren mit einer eigenen Partei die politische Landschaft in seiner Heimat Panama auf. Im Senegal hat nun Youssou N’Dour seine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen angemeldet.

Sein Lebenslauf ist – man verzeihe die Formulierung – hollywoodreif: geboren 1959 in einem armen Vorort von Dakar , erste Auftritte mit zwölf, erste Gründung einer Band mit 20, inzwischen absoluter Weltstar mit seiner Musik des Mbalax, Senegals musikalischer Tradition, die er mit Jazz, Pop, kubanischer Samba oder arabischen Einflüssen gemischt hat. Er hat über 20 Alben auf den Markt gebracht, eine Oper geschrieben und kann jede Menge politisches und soziales Engagement vorweisen – gegen Aids, Malaria und Korruption, für Unicef , Amnesty International und Flüchtlinge. Kaum ein Benefizkonzert gegen den Hunger findet ohne Youssou N’Dour statt, was schon allein deswegen gut ist, weil er besser singt als Bono und man nicht ständig nur prominente Weißnasen sehen will, die »Rettet Afrika !« rufen.

Eine seiner wirksamsten Aktionen dürfte das Joko Project gewesen sein, mit dem er in seiner Heimat und in anderen afrikanischen Ländern Internetcafés eröffnet hat. Senegals junge Generation ist inzwischen zumindest in den Städten recht gut vernetzt. Immer wieder taucht in afrikanischen Medien die Frage auf, wo wohl der erste politische Frühling südlich der Sahara ausbrechen könnte. Senegal ist ein heißer Kandidat.

Für wen und was die Musikstars singen, spielt in afrikanischen Ländern eine wichtige Rolle. »Die Lügen nehmen den Fahrstuhl, die Wahrheit steigt die Treppen hoch, aber irgendwann ist sie oben.« Solch subversive Strophen liebt das Publikum. Diese hier stammt nicht von Youssou N’Dour, sondern von Koffi Olomide, einem der afrikanischen Superstars aus dem Kongo . Womit man bei einem Problem ist: Nicht überall, wo »progressiv« draufsteht, ist auch progressiv drin. Anders als Youssou N’Dour benutzt Olomide meistens den Lift und singt eher für korrupte Amtsinhaber als für eine Protestbewegung. Die läuft im Senegal unter Namen wie Y'en a marre , was so viel heißt wie: Wir haben die Schnauze voll. Von Misswirtschaft, Korruption und vom altersstarrsinnigen Amtsinhaber Abdoulaye Wade , der auf eine dritte Amtszeit aus ist und immer eigenwilligere Strategien der Bereicherung entwickelt. Unter anderem reklamierte er mit Verweis aufs Urheberrecht ein Drittel der Eintrittspreise von Touristen für ein Nationaldenkmal, dessen Bau auf seine Initiative zurückgeht. Die deutsche Aufregung um zinsgünstige Baukredite in Niedersachsen wäre im Senegal übrigens nur schwer zu vermitteln. Wahrscheinlich würden die Demonstranten von Y’en a marre uns einen Tausch anbieten: Ihr Deutschen kriegt Wade, wir nehmen Wulff.

Youssou N’Dours Weltstarstatus allein wird übrigens nicht reichen, um die Wahlberechtigten unter den Jungen auf seine Seite zu ziehen. Jüngere Rapper singen heutzutage radikalere Texte, N’Dour selbst ist inzwischen 52 und nicht nur ein Superstar, sondern auch ein etablierter Unternehmer – aber eben einer, der seine Millionen aus dem Musikgeschäft in der Heimat investiert hat, statt sie im Ausland zu bunkern wie viele seiner Kollegen. Ihm gehören Radio- und TV-Stationen und eine der auflagenstärksten Zeitungen des Landes. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Wahlkampf. Und eine große Versuchung im Falle eines Wahlsieges. Ein Präsident, dem die Zeitung gleich ganz gehört, deren Chefredakteur er sonst anrufen müsste, wenn... na ja, lassen wir das.