Am Ende sitzt eine schmutzige schwangere Proletarierin allein in einem leeren Zimmer und weint. Sie wird am nächsten Tag entbinden im Mutter-Kind-Palast an der Moika. Gerade hat sie eine große Wohnung zugewiesen bekommen. Doch sie sitzt da wie eine verzweifelte Mutter von Käthe Kollwitz . Die Revolution weint. Dann kommt wie ein Funkenmariechen eine junge Rotarmistin durchs Zimmer gesprungen. Von draußen tröten Rote-Armee-Märsche herein. Die Revolution tanzt. Was denn nun?, möchte man Andrea Breth fragen. Ist die Zukunft hell, wie Peter Palitzsch sie 1968 in Stuttgart zeigte, als er mit Isaak Babels Marija einen kleinen Skandal bewirkte? Oder ist da alles kaputt, wie man nach knapp zwei Stunden in Düsseldorf meinen sollte?

Die Ambivalenz im letzten Bild ist hübsch, aber aufgesetzt. Vorher haben wir anstelle von Zukunftszugewandtheit eher Thomas Hobbes’ Wolfsnaturen beguckt wie im Käfig. Der Käfig ist die Bühne, bestückt mit tausend realistischen Requisiten. Alte Adlige und verkrüppelte Kleinbürger mutieren im Petrograd des Jahres 1920, in der Zeit des sowjetischen Polenfeldzugs, zu Kannibalen. Sie spielen uns ihr postrevolutionäres mysterienloses Orgientheater vor: die Hässlichen und die Gemeinen in Bolschewikenschick und schmutzigen Fußlappen. Gier und ein Verfall der Sitten bis hin zur Verschweinung: Das wird uns präsentiert in sozialsemiologischer Feinabstimmung, genau abzulesen an den 110 Kostümeinheiten, die eigens für die Aufführung nach historischen Fotos und Filmen geschneidert wurden.

Ist das eine Modenschau der historischen Sonderklasse! Wir wissen zwar nicht genau, was uns Stück und Inszenierung heute sollen, aber dass es so perfekt eine alte, ferne Ostzeit ausmalt, ist eine aktuelle Botschaft: Die Revolution und ihre Barbarei sind uns so fern, dass sie als kostbar gefasstes Zeichenspiel wieder gute Laune machen. Die Schlachterei und der tausendfache Tod als gesellschaftliches Kammerspiel, das sich nach Tschechows Kirschgarten reckt – das ist Andrea Breths Statement zum aktuellen Theater.

Noch interessanter ist allerdings die Frage, was der Tschechow-Verehrer Isaak Babel bezwecken wollte, der 1933 mit Marija zurückschaltete in eins der fürchterlichsten Jahre der russischen Revolution und seines eigenen Lebens, nämlich 1920, das Jahr, in dem er als militärischer Kriegsberichterstatter mit dem Reitergeneral Budjonny in der Ukraine unterwegs war. In der leicht modernisierten, Lakonie und Drastik verbindenden Neuübersetzung von Stefan Schmidtke (welche von Andrea Breth bearbeitet wurde) erkennen wir Babels weiten Blick von schräg oben aufs Geschehen. Fast unbegreiflich, dass der Sowjetanhänger und Freund des Tscheka-Chefs ein solch verheerendes Groteskbild der Revolutionsfolgen malen konnte zu einer Zeit, als reihenweise Intellektuelle liquidiert wurden. Der jüdische Autor schont auch den jüdischen Schwarzmarktparvenu Dymschitz nicht, der sich mit Wurst und Sülze die Nahwelt gefügig macht. Babel verurteilt niemanden und ist deshalb dazu verdammt, ganz genau hinzusehen auf Grausamkeit und Verderben – und wir mit ihm.

Andrea Breth und das hochtourig chargierende 22-köpfige Ensemble servieren diese Grausamkeit in drastischen, doch gut konsumierbaren Häppchen: Theaterkaviar in acht Bildern, eins lieblicher in seiner ausgestellten Entsetzlichkeit als das andere. Da muss im Zweifel durch Blowjobs, heftiges Kokaingeschnupfe und Frauenschlagen nachkoloriert werden – doch der Raum und Zeit ordnende Rahmen geht nie kaputt. Es sind acht Dioramen, die historisch belehrend an uns vorüberziehen. Die alte Elite ist am Ende, sie wird genauso zu Paria und Mob wie das nach oben gespülte Subproletariat.

Da ist keine Anknüpfung ans Heute, obwohl Andrea Breth in Interviews häufig vom »kommenden Aufstand« spricht; da ist nichts, was kommen könnte, da ist nur sehr gewollt längst Gewesenes. Außer der einen indirekten Botschaft eben: Wir missbrauchen das Theater nicht, um durchzustechen ins Heute. Acht Bilder, in diesem postpostdramatischen Sinne minutiös präpariert. Die Schauspieler wurden verdonnert, eine ganze Reihe zeitgenössischer Bücher zu lesen, Filme zu sehen, die von Babel-Freund Eisenstein sowieso – und dann aus den erlesenen Bildern ihre Figuren wie lebendig hervortreten zu lassen. Wie lebendig: Die Inszenierung ist eine bewegte historische Ausstellung hinter leicht spiegelndem Glas. Und das Publikum kann sich getrost einfinden im Damals, als die Füße noch in Lumpen steckten: im historischen Theaterseminar der Andrea Breth. Zu sagen, das gehe in Richtung Guido Knopp auf deutschen Bühnen, wäre gemein. Isaak Babel gegenüber, der mit Marija, der titelgebenden Rote-Armee-Politkommissarin, eine Figur dagegenstellt, deren Reiz in ihrer kompletten Abwesenheit liegt. Das Gute und Schöne ist nicht und wird nie sein. Als der alte General Mukownin das begreift, stirbt er auf der Stelle.

Muss man diese Aufführung sehen? Nein. Man muss Babel lesen.