Die Berliner Volksbühne unter ihrem Intendanten Frank Castorf ist schon öfter totgesagt worden, denn sie lebt vor allem vom sagenhaften Ruf eines Ensembles, das gar nicht mehr existiert. Das Ensemble der großen Zeit ist in alle Winde zerstoben, seine Stars machen inzwischen Kinokomödien (Henry Hübchen), sind Tatort- Kommissare ( Martin Wuttke ) oder führen Regie (Herbert Fritsch). Aber das Volksbühnenartige, der Wolfsgeruch haftet an ihnen; man erkennt ihre Herkunft, sosehr sie sich auch tarnen. Und man kann sagen: Solange die Volksbühnenflüchtlinge im Land unterwegs sind, geht in Berlin die Volksbühne nicht unter.

Zurzeit blüht das Volksbühnentheater am Schauspielhaus Hannover . Dort inszeniert ein Mann namens Milan Peschel. Peschel, der schmächtigste Berserker des deutschen Theaters, war bis vor wenigen Jahren einer von Castorfs Protagonisten, ein um Trost und Fassung ringender Verausgabungsschauspieler mit einer Stimme, die nach Katzengeschrei klingt. Inzwischen macht Peschel Karriere als Kinoschauspieler (in Andreas Dresens Halt auf freier Strecke ) und führt selbst Regie. In Hannover hat er drei Stücke von Carl Sternheim (1878 bis 1942) inszeniert, die zu dessen Zyklus Aus dem bürgerlichen Heldenleben gehören: Die Hose , Der Snob und 1913 . Die Stücke verfolgen sozusagen die Erbanlagen eines kleinen, ignoranten deutschen Beamten, Theobald Maske, auf ihrem Weg an die Spitze der Gesellschaft. Peschel inszeniert die Stücke an einem Abend, in viereinhalb Stunden. Es ist ein Abend in Castorfs Manier, von den Schauspielern darauf angelegt, dass aus permanenter, willentlich schlechter Verstellung höhere Wahrhaftigkeit aufsteigt.

Peschels Umgang mit Bürgerlichkeit erinnert an den Animationsfilm Der fantastische Mr. Fox von Wes Anderson, worin Füchse als gesittete Bürger auftreten, die sich bei Kerzenlicht und Silberbesteck zum Mahl niedersetzen, dann aber das Fressen in einer wahren Explosion der Gier in drei Sekunden hinter sich bringen. So funktioniert auch Peschels Gesellschaftsdarstellung: Seine Figuren entschädigen sich mit Exzessen dafür, dass sie die Zähmung so lange durchgehalten haben. Man erlebt possierliche Bestien in Masken.

Im ersten Stück, Die Hose, sieht man, wie Theobald Maske sich im Leben einrichtet. Er ist entschlossen, alles Fremde sich vom Leib zu halten. Theobald formuliert es so: »Da bin ich lieber in gesicherten Bezirken, meinem Städtchen. Man soll sich sehr auf das Seine beschränken, es festhalten und darüber wachen ... Es schlägt sechs, wenn es wie seit dreitausend Jahren sechs ist. Das nenne ich Ordnung. Das liebt man, ist man selbst.«

Sosehr Theobald die Ordnung liebt, so sehr lockt ihn auch die Unordnung, sofern er selbst es ist, der über sie gebietet: Er betrügt seine Frau mit seiner Nachbarin und setzt neben einem ehelichen Sohn auch ein uneheliches Kind in die Welt.

Dieser Familie fehlt nur eins zur Erfüllung: Ein Krieg

Im zweiten Stück, Der Snob, es spielt Jahre später, sieht man, wie Maskes Saat aufgeht. Theobald hat nun einen erwachsenen Sohn, Christian, der von brennendem Ehrgeiz geritten wird. Christian erhebt sich aus der eigenen Schicht, bricht alle Brücken ab, zahlt seine langjährige Geliebte aus, die ihm beigebracht hat, was er vom Leben weiß, und schiebt seine Eltern in die Schweiz ab: sie sind ihm peinlich und lenken ihn vom Aufstieg ab. Das wilde, erbarmungslose, dann wieder von angewiderter Wärme durchschossene Gespräch zwischen dem alten Maske und seinem Sohn über die Frage, wer in wessen Schuld sei und wer wen auszuzahlen habe, gehört zu den großen Dialogen des deutschen Theaters. Eilig, kalt, von Zahlen besessen läuft das ab, aus Kalkulationen, Bilanzen, Rechnungen besteht die Familie Maske, immerzu tickt die Uhr, und der junge Maske bringt es auf den Punkt:

»Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus Fakten zusammen. Mit Gesprächen hältst du mich auf. Hinter diesem wartet ein anderes Wichtiges...« Dieses Wichtige ist der Aufstieg des Sohnes in höchste Kreise. Dazu dient ihm die Tochter eines verarmten Grafen, die er heiratet.