Kürzlich habe ich geträumt, dass ich in einem Computerspiel gefangen bin. Das lag vermutlich daran, dass ich überhaupt zum ersten Mal ein Computerspiel gespielt hatte. Zum Glück war es kein unangenehmes Spiel. Es hieß RollerCoaster Tycoon, man muss da einen Freizeitpark aufbauen und leiten. In meinem Traum bin ich dann in allen möglichen Karussells gefahren, in einem nach dem anderen. Es hörte gar nicht mehr auf.

Das kam wahrscheinlich auch daher, dass ich den ganzen Sommer lang Sehnsucht danach gehabt hatte, in einen Freizeitpark zu gehen. Ich hatte es einfach nicht geschafft. Rummelplätze haben eine starke Anziehungskraft auf mich. In meiner Heimatstadt Surgut in Sibirien gab es so etwas nicht.

Freizeitparks waren eines von den Dingen, die ich sehr bewundert habe, als ich nach Deutschland kam. Alles war so groß und bunt, überall Musik und Popcorn. Wenn ich auf den Rummel gehe, nehme ich mir eine Auszeit. Das ist ein Ort, wo ich nicht nachdenken muss. An dem ich einfach die Zeit genieße. Das Einzige, worauf ich mich konzentrieren muss: keine Angst zu haben vor dem, was die Karussells mit mir machen. Besonders bei den Loopings in der Achterbahn. Meine Träume erscheinen mir auch oft wie ein Ausflug ins Wunderland. Ich freue mich immer aufs Einschlafen. Ich weiß in meinen Träumen immer, dass ich träume. Ich habe nie Angst, sie könnten real sein. Das gibt mir die Möglichkeit, sie zu genießen.

Meine Kindheit war nicht so bunt und sorglos. Sie war eine harte Zeit, die mich sehr geprägt hat. Ich bin durch diese Erfahrung ein starker Mensch geworden. Und als ich mit meiner Mutter nach Deutschland kam, ist mir die Umstellung nicht schwergefallen, obwohl ich nie zuvor im Ausland gewesen war. Ich hatte mich darauf gefreut wie auf ein großes Abenteuer.

Dass ich schauspielern kann, habe ich erst bemerkt, als ich schon meinen ersten Film drehte. Ich bin da eher zufällig reingerutscht: Mir fiel ein Flugblatt einer Schauspielschule in die Hände. Da war ich in der sechsten Klasse. Ich dachte, das könnte ich mal ausprobieren. Dort hat mich dann meine spätere Agentin angesprochen. In der Schule hatten sie mich bis dahin nie richtige Rollen spielen lassen. Höchstens mal einen Baum. Als ich zum ersten Mal vor der Kamera stand, wusste ich sofort: Das ist es. Durch meine Rollen ist es so, als ob ich ganz viele Personen kennenlerne. Ich habe das Gefühl, dass Lucrezia Borgia jetzt eine Verwandte von mir ist. Inzwischen vermisse ich sie richtig. Wir haben sieben Monate lang gedreht. Bei derart langen Projekten gewöhnt man sich an die Rolle, man steckt seine Seele in sie hinein. Es ist nicht so, wie die Indianer sagen: dass die Kamera einem die Seele raubt. Aber ich glaube, dass man die Kamera nicht anlügen kann. Sie sieht, wenn du lügst.

Wie mein Traum mit dem Computerspiel ausging, weiß ich nicht mehr. Vermutlich bin ich gleich in den nächsten Traum hinübergeglitten. Jedenfalls musste ich für nichts zahlen. Ich war ja die Besitzerin des Rummelplatzes.

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