Nun habe sie, sagt die Philosophin Ágnes Heller, zwei totalitäre Systeme überlebt, den Nationalsozialismus und den Stalinismus, da mache ihr der allerneueste Versuch, die Demokratie in Ungarn zurückzudrängen, keine Angst. Sie fürchte sich nicht, sie sei nur empört. Darüber, dass Ungarn mit Viktor Orbán einen Populisten als Ministerpräsidenten hat . Darüber, dass dieser mit seiner Partei Fidesz eine neue Verfassung verabschiedet hat, mit der die "Republik Ungarn" in "Ungarn" umbenannt wurde. Mit der die Kompetenzen des Verfassungsgerichts eingeschränkt wurden. Mit der man die Unabhängigkeit der Notenbank ausgehebelt hat. Mit der Christentum, Liebe und Glaube zu unverrückbaren Bestandteilen des ungarischen Nationalcharakters deklariert wurden. Mit der ein Geschichtsbild festgeschrieben wurde, das sich letztlich am autoritären Regime des Reichsverwesers Miklós Horthy orientiert, der für seine antisemitische Gesetzgebung berüchtigt war.

Sie sei empört, dass ihr Land neuerdings über eine Medienaufsichtsbehörde verfügt, die von Mitgliedern der Regierungspartei besetzt ist, die aber nicht vom Parlament kontrolliert werden kann – sie hat erheblichen Einfluss auf private wie öffentlich-rechtliche Sender, Zeitungen und Internetportale. Sie sei zudem empört, dass Ungarn mittlerweile kurz vor dem Staatsbankrott steht (sogar Polen drohe Ungarn in wirtschaftlicher Hinsicht zu übertrumpfen!), was die Euro-Krise noch einmal verschärfen dürfte: "Wir rutschen ab."

Man muss sich die 82 Jahre alte Ágnes Heller, die auf den ersten Blick so zierlich und zerbrechlich wirkt, als ausnehmend energische Person vorstellen. Sie spricht, wenn sie die Fehlentwicklungen ihres Landes aufzählt, im Duktus hochnervöser Intellektualität und derart schnell, dass man sich nicht recht traut, sie zu unterbrechen oder gar einen zaghaften Einwand zu erheben.

Als vergangene Woche Zehntausende gegen Orbán auf die Straße gingen , war die renommierteste Philosophin des Landes mit dabei und fühlte sich, wie sie erzählt, ganz verjüngt. Für März sind erneut Massendemonstrationen geplant, und sie wird diese wieder mit anführen. Wie Ágnes Heller denn überhaupt, seit Orbán an der Macht ist, die Protestbewegung durch Auftritte bei Podiumsdiskussionen und durch zahlreiche Interviews zu befeuern sucht. Am kommenden Sonntag wird sie auch in Deutschland, in der Berliner Schaubühne, mit anderen ungarischen Intellektuellen diskutieren. Mit ihrem Engagement wurde Ágnes Heller zur Zielscheibe der Orbán-nahen Medien, die ihr kürzlich unter anderem eine skandalöse Veruntreuung von Forschungsgeldern nachsagten, was nachweislich eine Erfindung ist.

Ágnes Heller sitzt am Küchentisch in der Wohnung eines Freundes, die nicht nur den Vorzug hat, direkt an der Donau zu liegen, sondern auch mit einem Aufzug erreichbar zu sein. Ihre eigene hat sie aufgrund eines Hüftleidens für eine Weile verlassen müssen – zu viele Treppenstufen. Von hier aus, einem Hochhaus von Pest, hat man einen weiten Blick auf Buda, das mit seinen Burgen, Schlössern und Palästen friedlich in der Wintersonne funkelt. Warum ist ausgerechnet Ungarn, im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Länder der EU, derart entgleist? Ungarn, sagt Ágnes Heller, sei im Ostblock ein Sonderfall gewesen. Und das nicht nur wegen der eigentümlich einzigartigen Sprache. Die Revolution von 1989 konnte sich in Ungarn, anders als in Polen mit der Solidarność oder in der Tschechoslowakei mit dem Prager Frühling, nicht auf eine lang anhaltende Protestbewegung berufen, nicht auf den Willen des Volkes.

Und dann lasteten zwei Traumata auf diesem Land, in kommunistischen Zeiten wie auch in der Gegenwart. Das Trauma Trianon und das Trauma Nationalsozialismus. Mit dem Friedensvertrag von Trianon, mit dem der Erste Weltkrieg formal beendet wurde, sah sich Ungarn gezwungen, etwa zwei Drittel seines Territoriums an Nachbarländer abzutreten. Wie einst der Versailler Vertrag in Deutschland wird heute der Vertrag von Trianon in Ungarn politisch fruchtbar gemacht. Orbán führte jüngst gar einen Trianon-Gedenktag ein. Es gilt, in der Hoffnung auf Wählerstimmen, eine Wunde offen zu halten.